Der ganz royale Wahnsinn

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Die Briten sind im Ausnahmezustand - auch Hunde werden nicht "verschont".

London - Was erwarten die Londoner, die vor dem Hochzeitstrubel nicht die Flucht ergriffen haben? Worauf hoffen eingefleischte Fans? Eine Suche nach Antworten im hochzeitsverrückten London:

Schon am Flughafen wird der Takt vorgegeben: “Cash in on Kate and Will!“ - “Machen Sie Geld mit Kate und William“. Doch an der Wechselstube in London Heathrow drängt sich trotz verlockender Versprechen kein Tourist. Hier hetzen Geschäftsleute statt Monarchiefans durch die Gänge. Um die Ausmaße des Hochzeitstrubels zu erleben, muss man schon ins Epizentrum der Hysterie: London Innenstadt, Westminster Abbey, Buckingham Palast und drum herum. Hier ist in den Souvenirshops kein Schaufenster ohne William-und Kate-Tasse, ohne Braut-Prosecco oder royalen Kuchenteller. Hier steht auch kein Pub, der seine Fenster nicht mit Wimpeln dekoriert hätte und nicht mit der “Royal Celebration“ plus Freigetränk wirbt.

Das große Los haben die wenigen Pubs gezogen, die direkt an der Strecke liegen, wo William und Kate nach dem Jawort mit der Kutsche zurück zum Buckingham Palast fahren. “The Red Lion“ ist ein solcher. Schräg gegenüber von der Downing Street liegt die Kneipe, durch deren Fenster Gäste einen freien Blick auf das Brautpaar werfen können - sofern sie früh genug aufstehen.

William & Kate: Alle Fakten über das Traumpaar

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“Wir öffnen um 8 Uhr morgens, Alkohol gibt es aber erst ab 10 Uhr“, sagt Lindsay Gefferies, die hinter dem Tresen ein frisches Pint zapft. Sie erwartet vor allem, dass viele Touristen ins “The Red Lion“ kommen. “Unser Speisesaal in der zweiten Etage wurde schon vor Monaten von einer Familie aus Hongkong gebucht, die kommen extra wegen der Hochzeit hierher.“ Die Wirtin freut sich jeden Tag mehr auf das Großereignis. “Zuerst hat mich die Hochzeit nicht so sehr interessiert, aber jetzt werde ich immer aufgeregter. Das wird fantastisch“, sagt sie.

Auch Taxifahrer Brian Thackeray freut sich auf die Zeremonie. Gerade hat er seine Mittagspause beendet und putzt sein “Black Cab“ in einer Seitenstraße, nur wenige Gehminuten von der Hochzeitskirche Westminister Abbey entfernt. “Die Hochzeit ist gut für London und gut für das Land“, sagt er. Dank der königlichen Familie reiße der Touristenstrom niemals ab, der positive Effekt der Trauung werde noch in Jahren zu spüren sein. Der Taxifahrer ist sich sicher, dass William und Kate noch lange für positive Schlagzeilen sorgen werden. “Ihre Beziehung hat Substanz.“

Davon ist auch Margret Tensley überzeugt. Die 69-Jährige hatte sich mit drei Freundinnen schon 48 Stunden vor der Hochzeit einen Platz an der Straße The Mall gesichert, die zum Buckingham Palast führt. Von ihrem Campingstuhl aus schaut sie direkt auf Clarence House, der Residenz von Thronfolger Prinz Charles. Von dort werden William und sein Bruder Prinz Harry am Freitag zur Westminster Abbey fahren.

Vor der Traumhochzeit: London im Ausnahmezustand

Vor der Traumhochzeit: London im Ausnahmezustand 

“Ich saß schon 1986 hier, als Prinz Andrew geheiratet hat, das ist ein toller Aussichtspunkt“, sagt sie. Doch die Hochzeit von Prinz William sei noch viel wichtiger als die vor 25 Jahren. “Er wird eines Tages unserer König sein, dann können wir sagen, dass wir bei seiner Hochzeit dabei waren.“

Zwar hoffen die meisten Untertanen der Queen auf Sonnenschein am Hochzeitstag, doch im wohl ältesten Regenschirmshop Londons, James Smith & Son, herrscht diskrete Freude über die trüben Wetteraussichten. Aber wie verbringt ein gestandener Royalist die Hochzeit trotz Regens stilecht? “Sie nehmen einen klassischen englischen Regenschirm, schwarz“, empfiehlt die Verkäuferin. Sieht aber eher nach Beerdigung als nach Hochzeit aus. “Dann was Transparentes? Auch die Queen hat einen von denen“, meint die Dame und hält einen durchsichtigen Schirm in die Luft. “Da sehen Sie auch durch.“

Schlechtes Wetter wäre aber nicht nur für das Brautpaar und die Millionen von Zuschauern ärgerlich, auch die Medien aus aller Welt bekämen nicht die leuchtenden Bilder, auf die alle hoffen. “Das schlimmste wäre Regen“, sagt Sergi Ferre, Reporter des spanischen Senders Antena 3. “Es wäre schlecht für mein Make-up ... und natürlich für das von Kate.“

Gegen schlechtes Wetter können die Reporter nichts machen. Damit sonst alles klappt, wird so viel wie möglich geprobt. TV-Journalisten aus aller Welt stehen vor dem Buckingham Palast und der Westminister Abbey, üben ihre Moderation, machen Kameraschwenks und probieren die passenden Einstellungen der Scheinwerfer aus. Manche von ihnen kommen auch in Drehpausen nicht zur Ruhe, denn die bekannten Fernsehgesichter aus aller Welt werden von Landsleuten erkannt und angesprochen.

Puppen und royale Kondome: Fan-Artikel zur Hochzeit von William & Kate

Puppen und royale Kondome: Fan-Artikel zur Hochzeit von William & Kate

Die Reporter haben Spaß an dem Thema: “Es ist eine nette Abwechslung, über eine Hochzeit zu berichten“, sagt Jesse, ein Produzent des US-Senders NBC. “Wir berichten normalerweise über Katastrophen, Politik und Olympische Spiele.“

Weitaus geringer ist der Medienauflauf im Touristenviertel Soho. Aber auch hier sind Pubs geschmückt, selbst die Kult-Italien-Kneipe “Bar Italia“ hat sich mit Union Jacks ausgerüstet. In einem Schwulen-Sexshop leuchtet ein “Wills und Kate“-Accessoire durch das trübe Schaufenster. Etwas weiter davon entfernt steht im Latex-Shop “Liberation“ passend die Corsage im patriotischen Briten-Look. Was erwartet man sich hier von der Hochzeit? No comment.

Viele Londoner Geschäfte wollen am Freitag erst später öffnen, damit das Personal die Hochzeit auf dem Fernsehschirm verfolgen kann. Nicht so das Nobelkaufhaus “Harrods.“ Die Besitzer des Luxus-Shops haben sich für die Hochzeit des Jahres etwas Besonderes einfallen lassen. In den Schaufenstern prangen Entwürfe für riesige Hochzeitstorten, die Harrods bei 17 Designern und Mode-Labels in Auftrag gegeben hat.

Überall wird auf das Geld der Kunden gehofft. In der Oxford Street, Londons Shoppingmeile Nummer Eins, preisen sämtliche Geschäfte spezielle Hochzeitswaren an. In einem riesigen Billigkaufhaus gibt es Kates Verlobungsring für umgerechnet 2,20 Euro. “Get the look“ verspricht das Verkaufsschild. Ein Fitnessstudio wirbt mit dem Spruch: “Der große Tag steht bevor? Bring Dich hier in Form.“

Aber es muss nicht immer knalliger Kate-Kitsch und auffällige William-Werbung sein - zumindest die Hoflieferanten aus dem schicken Londoner St.James's-Distrikt rund um den Wohnsitz von Prinz Charles halten sich lieber vornehm zurück. Werbung läuft hier anders: Die traditionsreichen Anzugschneider und Händler edler Whiskeys, Zigarren und Pralinen laden lieber Journalisten und Fotografen ein - und zwar in das von Marmor und Gold nur so strotzende Lancaster House.

Wo sonst das Außenministerium seine höchsten Gäste bedient, fließt der Champagner kostenlos und nonstop. Geld spielt offensichtlich keine Rolle. Warum auch? Tradition hat gerade Konjunktur, meint Luke Tegner von Berry Bros & Rudd. Der Wein- und Spirituosenhändler blickt auf eine mehr als 300-jährige Geschichte. Seit 1903 trägt die Firma das gefragte Hoflieferanten-Siegel, das “Royal Warrant“. “Wir beliefern den Keller der Queen mit Gin“, berichtet Tegner.

Die Hochzeit von Kate und William sei für sie selbstverständlich “eine gute Gelegenheit“, sagt er mit typisch britisch, bescheidenem Understatement. Das Paar sei “modern, und trotzdem traditionell“ und könnte in Zukunft den Trend beflügeln, der den edlen Läden schon jetzt gute Zeiten beschert. “Tradition ist derzeit in Mode“, meint Tegner. “Unsere Welt ist so schnelllebig. Da möchten viele Menschen Dinge, die solide sind und denen man vertrauen kann.“

Prinz William & Kate: Ihre schönsten gemeinsamen Bilder

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Das Traditionskaufhaus Fortnum & Mason verspricht sich von der Hochzeit einen Boom für britische Produkte. “Die Hochzeit ist für uns wunderbar“, sagt Amy Benbow-Hebbert. “Sie hat uns das kleine bisschen an Extra-Interesse gebracht, das wir brauchen. Sie belebt die ganze Königsfamilie.“

Aber es gibt auch ganz andere Erwartungen und Gedanken, die sich rund um die Hochzeit ranken. Viele Briten können das Fest nicht Feiern, ohne an Williams verstorbene Mutter Diana zu denken. Im “Café Diana“ ganz in der Nähe vom Kensington Palast, in dem die glühend verehrte Prinzessin lebte, ist zur Feier des Tages eine Flagge mit Kate und William gehisst. “Wir werden hier auch eine Party feiern, obwohl oder gerade weil Diana nicht mehr hier ist“, sagt Fouad Abdul-Fattah, einer der Betreiber. Und was bleibt vom Rummel? “Gedanken an Diana.“

dpa

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