Glasgow rockt: Gitarrensound statt Stahlindustrie

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Amy Macdonald in der Berliner Columbiahalle.

Glasgow - Stahl, Eisenbahnen und Schiffe - über Jahrzehnte prägten schwere Exporte das Bild Glasgows als raue Industriestadt für harte, trinkfeste Kerle.

Nun ziehen neue Botschafter für die schottische Metropole hinaus in die Welt.

Ob Franz Ferdinand, Snow Patrol, The Fratellis oder Amy Macdonald - Glasgower Musiker rocken europaweit die Bühnen und verkaufen Millionen Alben. Macdonalds CD "This Is The Life" hielt sich über ein Jahr in den Top 20 der deutschen Charts. Franz Ferdinands dritte Scheibe stieg im Februar gleich auf dem vierten Platz ein.

Glasgows Rockmusik-Szene boomt, und an Nachwuchs mangelt es in der Stadt am Clyde nicht. Im Rotlicht der Kneipe "13th Note" wippen rund 50 Zuhörer zum Rhythmus der Band Popup. Eine blonde Schlagzeugerin treibt ihre Mitstreiter an. Sänger Damian Gilhooly legt zum Refrain zornig die Stirn in Falten , und dem Bassisten klebt die Kurt-Cobain- Frisur verschwitzt im Gesicht. Ganz nah dran sind die Zuschauer bei diesem Minikonzert.

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Es sind unzählige kleine Gigs wie dieser, die der Musikszene in der 600 000-Einwohner-Stadt immer wieder neue Impulse geben. "Jede Woche gibt es in Glasgow mehr als 150 Live-Konzerte", sagt Sänger Gilhooly. In Bars mit Namen wie "NicenSleazy", "Mono" und "King Tuts Wah Wah Hut" - wo einst Plattenboss Alan McGee Oasis entdeckte - toben und probieren sich die Nachwuchsbands aus.

"Es ist nichts Ungewöhnliches für eine britische Stadt, den Zeitgeist besonders zu prägen", kommentiert die Tageszeitung "Guardian" die Verkaufszahlen schottischer Bands. Es gebe aber einen wichtigen Unterschied zum Liverpool der 60er oder dem Manchester der 80er, als die Beatles respektive Oasis den Ton angaben. "Was Glasgows Erfolg heraushebt, sind die vielen unterschiedlichen Musikstile seiner Bands."

Sänger Gilhooly sieht das ähnlich: "Unsere Musikgruppen werden nicht in Casting-Shows zusammengestellt, sondern finden sich aus Hobbymusikern zusammen." Authentizität sei deshalb garantiert, die Budgets allerdings oft klein. So probt Popup in einer ehemaligen Tabakfabrik am Clyde, andere Bands nutzen leerstehende Lagerhallen oder Garagen.

Wer es schafft, tritt irgendwann auf der Bühne des legendären Barrowland Ballroom auf. Nur 2000 Zuhörer passen in den ehemaligen Ballsaal, aber die Bands aus aller Welt lieben ihn. "Die Rolling Stones spielten hier, als sie noch eine junge aufsteigende Truppe waren", erzählt Ballroom-Manager Tom Joyes. Größen wie Lenny Kravitz, David Bowie, Pete Doherty geben sich regelmäßig die Ehre, Macdonald hat diesem Konzertsaal sogar einen Song gewidmet. "Karten für die Shows zu bekommen ist beinahe unmöglich", sagt Joyes.

Nicht weit vom Barrowland Ballroom am tristen East End der Stadt ist Glasvegas zu Hause. Die vier Musiker um James Allan gelten zurzeit als heißester Newcomer der Stadt. Mit hinreißend- melancholischem Pop und hymnenartigen Klangteppichen haben sie sich in die Herzen der Glasgower Jugend gespielt. Auf Fotos wirken sie in Lederjacken und schwarzer Kleidung wie halbstarke Arbeiterbengel aus den 50ern.

Das britische Musikmagazin "NME" hat Glasvegas zur "Best New Band in Britain" gekürt. Dabei haben Glasgows jüngste Botschafter keine guten Nachrichten zu verkünden. Ihre Texte handeln von Messerstechereien, überlasteten Sozialarbeiterinnen und Vätern, die ihre Familien im Stich lassen. Sie erzählen vom Leben in einem der schlimmsten Armenvierteln Großbritanniens. Gangs, Prostitution und Drogen haben einige Stadtteile in Glasgows Osten im Würgegriff. Die Lebenserwartung ist dort niedriger als in Usbekistan oder Bangladesch.

Dass Glasgower Bands mehr sind als nur Geheimtipps, hat sich mittlerweile im Königreich herumgesprochen. Der Promoter Dave McGeachen kann sich vor Anfragen kaum retten: "Die Stadt hat jetzt den Ruf, große Bands hervorzubringen. Auf jedem Festival fragen uns die Leute, welche die nächste große Glasgower Band sein wird."

dpa

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