TV-Kritik

„Mirage – Gefährliche Lügen“ - Das ZDF hat Besseres zu bieten

Gabriel (Clive Standen) versucht Claire (Marie-Josée Croze), für seine Zwecke einzuspannen. Aber soll sie ihm noch einmal Glauben schenken?
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Gabriel (Clive Standen) versucht Claire (Marie-Josée Croze), für seine Zwecke einzuspannen. Aber soll sie ihm noch einmal Glauben schenken?

In einem ZDF-Agententhriller spionieren Marie-Josée Croze und Hannes Jaenicke vor der imposanten Kulisse Abu Dhabis.

  • „Mirage – Gefährliche Lügen“ im ZDF*
  • Agententhriller vor imposanter Kulisse Abu Dhabis
  • Bei Action-Szenen kommt es zu Nachlässigkeiten

Kenner der Fernsehgeschichte werden sich an die großen Abenteuermehrteiler des ZDF aus den Sechziger- und Siebzigerjahren erinnert fühlen. In internationaler Koproduktion und mit kinogleichem Aufwand entstanden vor allem Verfilmungen einschlägiger Klassiker: „Die Schatzinsel“, „Robinson Crusoe“, „Der Seewolf“. Für diese Fortsetzungsgeschichten hat sich mittlerweile der Begriff „Miniserie“ eingebürgert, eine etwas dümmliche wörtliche Übertragung des angelsächsischen Begriffs für Mehrteiler.

Die 2017 begründete „European Alliance“ knüpft an die damalige Koproduktionspraxis an. Medienunternehmen aus Kanada, Frankreich und Deutschland kooperierten bei der Herstellung eines zeitgemäßen Spionage-Thrillers mit der Kanadierin Marie-Josée Croze, dem Briten Clive Standen und dem Deutschen Hannes Jaenicke in führenden Rollen. Regie führte der Kanadier Louis Choquette.

Man lebt nur zweimal: „Mirage – Gefährliche Lügen“ (ZDF) wurde in Marokko und Abu Dhabi gedreht

Gedreht wurde in Marokko und vor allem in Abu Dhabi. Dort tritt Claire Kohler (Croze), eine Expertin für Computersicherheit, eine neue Stelle an. Ihr Ehemann Lukas (Jaenicke), ein gelernter Küchenmeister, plant die Eröffnung eines Restaurants. Nur Sohn Zack (Thomas Chomel) kann die Freude über den Neubeginn und die neue luxuriöse Behausung nicht teilen. Er wäre lieber bei seinen Freunden in Paris geblieben.

Zack stammt aus einer früheren Beziehung Claires mit Gabriel Taylor (Standen). Beide waren in Thailand im Urlaub, als sich die Tsunami-Katastrophe ereignete, und wurden getrennt. Gabriel blieb verschollen, seine Leiche wurde nie gefunden. Schon einige Male glaubte Claire, ihn in einem Passanten erkannt zu haben. Vermutlich Hirngespinste –

Doch in Abu Dhabi hat sie erneut eine dieser irritierenden Begegnungen, geht der Sache auf den Grund und muss bestürzt feststellen, dass Gabriel tatsächlich noch lebt und in ein Komplott verwickelt ist, das die Havarie eines neuen umweltfreundlichen Kraftwerks zum Ziel hat. Es könnte die Energiegewinnung revolutionieren und die Geschäfte der Ölindustrie ruinieren. Gewisse Herrschaften machen dagegen mobil.

Sabotage im Atomkraftwerk – „Mirage – Gefährliche Lügen“ im ZDF

Sag niemals nie – Claire Kohler wird wider Willen in die konspirativen Operationen von privaten und staatlichen Geheimdiensten verwickelt. Taylor möchte, so behauptet er, den Anschlag, der viele Menschenleben kosten würde, vereiteln. Damit trifft er bei Claire einen Nerv, denn ihr wurde von ihrem früheren Arbeitgeber die Schuld an einem schweren Unglück in einem kasachischen Atomkraftwerk zugeschoben. Sie musste als Sündenbock für einen Sabotageakt herhalten, aber der Schrecken angesichts vieler Todesopfer hat sich bei ihr festgesetzt. Eine Wiederholung will sie verhindern, deshalb springt sie Taylor bei. Doch der bleibt undurchsichtig – für wen arbeitet er wirklich? Zudem werden ihre Unternehmungen nicht nur für sie, sondern auch für ihre Familie gefährlich. Und sie belasten die Beziehungen zu ihrem Ehemann Lukas, der aus Sicherheitsgründen lange über die Vorgänge im Unklaren gelassen wird.

TV-Kritik zu „Mirage – Gefährliche Lügen“ (ZDF): Verschwörertreffen im Louvre Abu Dhabi

Das Autorenteam Franck Philippon, Bénédicte Charles und Olivier Pouponneau hat für diese Fortsetzungsgeschichte ein wildes Garn gesponnen. Der Hintergrund ist keineswegs unrealistisch – Industriespionage, neue Energien, das schnelle Wachstum Abu Dhabis und die Eröffnung neuer Wirtschaftszweige sind kurante Themen. Sie klingen in der Handlung an, liefern aber nur das Kolorit für ein im Kern eher schlichtes Agentenabenteuer. Immer wieder gibt es Verfolgungsjagden und geheime Treffen, selbstredend an markanten Orten wie beispielsweise dem Louvre Abu Dhabi. 

Das Muster erschöpft sich mit der Zeit, zumal in der vom ZDF vorgenommenen Verdichtung der eigentlich sechs einstündigen Teile zu drei je hundertminütigen Episoden. Auch sticht die Künstlichkeit der Spannungsmechanismen mit ihren konstruierten Komplikationen bei diesem Ausstrahlungsturnus deutlich ins Auge. Gespickt ist die Saga mit jenen Unglaubwürdigkeiten, die zwangsläufig auftreten, wenn Amateure einem James Bond oder Jason Bourne Konkurrenz zu machen versuchen, wenn sie sich von unauffälligen Zeitgenossen ohne jedes Training plötzlich in versierte Meisteragenten verwandeln. Sollten sie doch einmal versagen, hilft ihnen regelmäßig ein glücklicher Zufall aus der Bredouille. Vom Publikum wird jene Toleranz erwartet, die es auch aufbringt, wenn James Bond nach einer wilden Hatz ohne Gepäck den Kontinent wechselt und dennoch den nächsten Schauplatz in einem makellosen Savile-Row-Anzug betritt.

Bei Action-Szenen in „Mirage – Gefährliche Lügen“ (ZDF) kommt es zu Nachlässigkeiten

Wenn Claire Kohler alias Marie-Josée Croze den Gepflogenheiten des Gastlandes entsprechend ein Kopftuch anlegt, dann gleicht sie der Schauspielerin Claire Danes in ihrer Rolle der Carrie Mathison in der US-Serie „Homeland“. Vielleicht hat sich das Autorenteam tatsächlich an diesem Vorbild orientiert, kommt ihm aber nicht einmal nahe. Weder trägt hier die psychologische Spannung, die angesichts der Erschütterung der zerbrechlichen Kleinfamilie viel mehr Potenzial geboten hätte, noch vermögen Autor und Regisseur die Paranoia aufzurufen, die auftrat, wenn Carrie Mathison in fremder, meist feindlicher Umgebung auf Erkundung ging. Besonders bei den Action-Szenen kommt es gelegentlich zu Nachlässigkeiten – da durchschlägt eine Kugel eine Scheibe in Taylors Kopfhöhe. Der bückt sich flugs und bleibt unverletzt. Ein Kabinettstückchen, mit dem er im Zirkus auftreten könnte.

„Mirage – Gefährliche Lügen“ im ZDF: Malerische Wüste und spektakuläre Hochbauten

Schauwerte gibt es selbstredend genug. Das runde Aldar-Headquarters-Gebäude, ein wahrer Blickfang, ist einer der Hauptschauplätze. Ausflüge führen in die Basare, in malerische Wüstengegenden oder unter Wasser. Abu Dhabis Tourismusbranche kann sich über mangelnde Fremdenverkehrswerbung nicht beklagen.

Fairerweise sei angefügt, dass das ZDF Besseres zu bieten hat. Stockholms Skyline ist im Vergleich weniger beeindruckend, die Handlung der dort angesiedelten Serie „Hidden Agenda“, ebenfalls eine ZDF-Koproduktion, aber um einiges überzeugender und weniger vorhersehbar. Seltsamerweise entschied sich der Sender für eine En-Suite-Ausstrahlung am Freitag vorletzter Woche bei ZDFneo in der Zeit zwischen 22:00 Uhr und 4:00 Uhr morgens. Nichts gegen ZDFneo als Heimat niveauvoller Serien, aber nicht viele Zuschauer werden sich auf eine durchwachte Nacht einlassen. In der ZDF-Mediathek ist „Hidden Agenda“ weiterhin und kostenfrei zugänglich. Und gegenüber „Mirage – Gefährliche Lügen“ die bessere Wahl.

„Mirage – Gefährliche Lügen“, ab 8.6. montags um 22:15 Uhr, ZDF

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