Erste Klagen laufen

Corona-Ausbruch in Ischgl: „Unwahr und schlecht“ - Tiroler Behörden schuld an massiver Ausbreitung?

Im österreichischen Ischgl sollen sich im Frühjahr Tausende Urlauber mit Corona infiziert haben. Eine Expertenkommission spricht von schweren Fehlern und unwahren Mitteilungen.

  • Ischgl gilt als einer der Corona*-Hotspots aus dem Frühjahr. Eine Expertenkommission beleuchtet das damalige Krisenmanagement.
  • Die Ermittler sprechen in ihrem Bericht von „schweren Fehlern“, Chaos und unwahren Pressemitteilungen.
  • Nun laufen die ersten Klagen gegen die österreichischen Behörden.

Update vom 12. Oktober 2020, 20.19 Uhr: Die Expertenkommission zum massiven Corona-Ausbruch im österreichischen Ischgl hat schwere Fehler beim Krisenmanagement der Tiroler Behörden ausgemacht. Die überraschende Isolierung der Urlaubsorte habe dazu geführt, dass Touristen überhastet und in völligem Chaos abgereist seien. Das Handeln habe so unbeabsichtigt schlimme Folgen gehabt.

Doch die Ermittler sprechen nun auch von noch fragwürdigeren Aktionen. Explizit prangert Ronald Rohrer, Leiter der Kommission, eine Pressemitteilung aus dem Monat März an. Isländische Behörden sollen ihre österreichischen Kollegen frühzeitig darüber informiert haben, dass 14 Ischgl-Rückkehrer positiv getestet worden waren. Die folgende Stellungnahme aus Österreich bezeichnet Rohrer heute als „unwahr und schlecht“. Die Tiroler hatten damals eingeräumt, die Urlauber hätten sich im Flugzeug angesteckt und eine Übertragung des Virus auf die Gäste sei unwahrscheinlich.

Zu spät hätten die Behörden in den Skiorten reagiert und die Ausbreitung des Coronavirus damit massiv begünstigt, heißt es jetzt. Tausende haben sich in Ischgl angesteckt. So kommen nun die ersten Klagen auf die Verantwortlichen zu, berichtet die Deutsche Presse-Agentur.

Drei Deutsche und die Familie eines Österreichers, der nach seinem Ischgl-Urlaub an den Folgen seiner Covid-19-Erkrankung gestorben war, klagen. Vor Gericht fordern sie Schadenersatz in Höhe von 12.000 bis 100.000 Euro.

Tausende Infektionen nach Après-Ski: Ischgl-Kommission mit vernichtendem Urteil - schwere Fehler aufgedeckt

Update vom 12. Oktober 2020, 14.14 Uhr: Sieben Monate ist es her, als der österreichische Ski-Ort Ischgl durch seine Après-Ski-Partys plötzlich als Corona-Hotspot in die Schlagzeilen geriet. Nun hat eine Expertenkommission ihren Bericht zu möglichen Fehlern im Corona-Krisenmanagement in Ischgl vorgelegt. Nach Ansicht der Ermittler sind in dem Ski-Ort schwere Fehler passiert. So sei der Betrieb der Skibusse und der Seilbahnen einen Tag später als erforderlich eingestellt worden, sagte der Kommissionsvorsitzende Ronald Rohrer am Montag in Innsbruck.

Corona-Ausbruch in Ischgl - Vorwürfe gegen Quarantäne-Maßnahmen von Kanzler Kurz

Auch bei der Verkündung der Quarantäne über das Paznauntal seien Fehler passiert. Diese von Bundeskanzler Sebastian Kurz am 13. März verkündete Anordnung hätte aus Sicht der Experten besser vorbereitet werden müssen. Es habe panikartige Reaktionen bei den vielen ausländischen Gästen gegeben, die in Windeseile versucht hätten, die Region zu verlassen. Die Folge: eine unkontrollierte Abreise zahlreicher Menschen, die eine sinnvolle epidemologische Kontrolle verhindert hätten. Auch habe es an der sofortigen Information an die Touristen gefehlt, dass sie über das Wochenende „gestaffelt und kontrolliert“ abreisen sollten. Außerdem habe es keinen Evakuierungsplan gegeben, kritisierte Rohrer.

Für einen oft thematisierten Einfluss der Tourismus- und Seilbahnwirtschaft auf die Entscheidungen der Behörden gebe es dagegen keine Anhaltspunkte.

Corona-Krisenmanagement in Ischgl - Das werten die Ermittler positiv

Als positiv und angemessen wertete die Kommission, die anfängliche Reaktion der Behörden nach Bekanntwerden der ersten Fälle mit Bezug zu Ischgl um den 3. März.

Corona-Hotspot Ischgl - Kommission legt Bericht über Krisenmanagement vor

Erstmeldung vom 12. Oktober 2020, 13.07 Uhr - Innsbruck - Der österreichische Ski-Ort Ischgl trug mit seinen Après-Ski-Partys zur Verbreitung des Coronavirus* in Deutschland und Teilen Europas bei. Das umstrittene Krisenmanagement sorgte seither immer wieder für Kritik. Doch welche Fehler können den Verantwortlichen des Tiroler Skiorts tatsächlich gemacht werden? Am Montag wird nun mit Spannung der Bericht einer unabhängigen Expertenkommission erwartet. Für den Bericht wurden insgesamt 53 Menschen befragt, darunter Betroffene, Vertreter der Seilbahn- und der Tourismuswirtschaft sowie Verantwortliche auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene. Aktuell gehört Tirol zu den vom Robert-Koch-Institut eingestuften Corona-Risikogebieten.

Corona-Hotspot Ischgl: Wussten die Verantwortlichen schon früher von der Gefahr?

Aus Sicht der Kritiker erfolgten die Maßnahmen wie die Schließung von Bars, des Skigebiets und schließlich die Quarantäne über das gesamte Paznauntal am 13. März zu spät. Jüngste Recherchen von ORF und dem Nachrichtenmagazin „Profil“ wiesen auf Indizien hin, dass Verantwortliche früher als bisher bekannt von der Gefahr wussten. Das Land Tirol hat diese Behauptungen stets vehement zurückgewiesen. Der Ischgler Bürgermeister Werner Kurz betonte in einem Interview mit der Zeitung „Kurier“ (Samstag), dass die Gemeinde „alles nach bestem Wissen und Gewissen umgesetzt“ habe, was die Behörden vorgegeben hätten.

Zahlreiche Corona-Infektionen nach Après-Ski im „Kitzloch“

In Ischgl war am 7. März ein Barkeeper im „Kitzloch“ positiv getestet worden. Am nächsten Tag wurde bekannt, dass 14 erkrankte Isländer im „Kitzloch“ zu Gast waren und sich drei weitere in Tirol positiv getestete Personen in Ischgl aufgehalten hatten. Die Bar wurde am 9. März behördlich gesperrt. Am Tag darauf wurden alle Après-Ski-Lokale im Ort geschlossen. Außerdem wurde das Ende der Skisaison verfügt. Am 13. März wurde das Tal, in dem sich etwa 8000 Urlauber aufhielten, unter Quarantäne gestellt. Noch bevor die Behörden die Abreise der ausländischen Touristen kontrollierten, verließen viele Gäste die betroffenen Ortschaften. Das Ausmaß der Verbreitung des Virus in Ischgl machte im Juni eine Studie der Medizinischen Universität Innsbruck klar. Danach hatten 42,2 Prozent der Ischgler Bevölkerung Antikörper*, ein weltweiter Spitzenwert.

Verbraucherschutzverein vertritt Tausende Infizierte - Staatsanwaltschaft ermittelt

Bei einem Verbraucherschutzverein, der die Interessen der Geschädigten vertreten will, haben sich inzwischen mehr als 6.000 Tirol-Urlauber aus 45 Staaten gemeldet. Tausende Corona-Infektionen in Europa sollen auf Menschen, die in Tirol Urlaub gemacht haben, zurückzuführen sein. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck ermittelt zudem gegen vier Verdächtige wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten.

Die Experten-Kommission hatte nicht den Auftrag, strafrechtliche Ermittlungen vorzunehmen oder über Schadenersatzansprüche von Geschädigten zu entscheiden.
Österreich kämpft derzeit, ähnlich wie viele weitere Länder weltweit, gegen steigende Zahlen von Neuinfektionen. Die Regierung soll bereits einen sogenannten „Shutdown light“ in der Schublade haben, um einen Kontrollverlust infolge einer zweiten Corona-Welle* zu vermeiden. (va) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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