Erneut Vorwürfe gegen Papst

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Papst Benedikt

Hamburg - Erneuter Vorwurf im Missbrauchsskandal gegen Papst Benedikt: Der Vatikan habe es versäumt, gegen einen US-Priester vorzugehen, der bis zu 200 gehörlose Jungen sexuell missbraucht haben soll.

Das berichtet die Zeitung “New York Times“. Statt den Priester zur Rechenschaft zu ziehen oder des Amtes zu entheben, sei es “die höchste Priorität gewesen, die Kirche vor einem Skandal zu bewahren“. Auch der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger - der heutige Papst Benedikt XVI. - sei Ende der 90er Jahre untätig geblieben, obwohl US-Bischöfe ihn in Briefen auf den Fall hingewiesen hätten, berichtetet die Zeitung am Donnerstag. Vatikansprecher Federico Lombardi nannte den Missbrauch einen “tragischen Fall“. Zugleich wies er darauf hin, der Vatikan sei erst 20 Jahre später zum Eingreifen aufgefordert worden. Die “New York Times“ beruft sich in ihrem Bericht auf Dokumente von Anwälten, die Kläger gegen das Erzbistum von Milwaukee (US-Staat Wisconsin) vertreten.

Chronologie der Missbrauchsfälle

Chronologie der Missbrauchsfälle

Im Mittelpunkt steht den Angaben zufolge der 1998 gestorbene Priester Lawrence Murphy, der von 1950 bis 1974 in einer bekannten Schule für gehörlose Kinder gearbeitet habe. Der Priester sei 1974 in aller Stille in eine Diözese im nördlichen Wisconsin versetzt worden. Dort habe er bis zu seinem Tod weiter in Gemeinden, Schulen und - laut einer Klageschrift - im Jugendstrafvollzug Umgang mit Kindern und Jugendlichen gehabt. Erst kürzlich hatte der Schweizer Theologe Hans Küng schwere Vorwürfe gegen Benedikt erhoben. Er habe in seiner Funktion als Chef der Glaubenskongregation wichtige Informationen geheim gehalten. Zudem war Benedikt bereits wegen eines Missbrauchsfalls in seiner früheren Diözese München und Freising unter Druck geraten. Die Diözese hatte erst vergangene Woche bestätigt, dass der damalige Erzbischof Ratzinger 1980 der Versetzung eines offenbar pädophilen Priesters aus Essen nach München zugestimmt hatte. Dort sei dieser erneut mit Gemeindearbeit betraut worden. Acht Jahr später wurde der Geistliche wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt.

Vatikan-Beobachter im Kloster Ettal

Einen Monat nach Bekanntwerden einer jahrzehntelangen Serie von körperlicher Gewalt und sexuellem Missbrauch im oberbayerischen Kloster Ettal ist die “Apostolische Visitation“ abgeschlossen. Zwei vom Vatikan in Rom entsandte Vertreter waren knapp eine Woche in Ettal, wie ein Sprecher des Benediktinerklosters sagte. Sie erstellen nun einen Bericht, der direkt an die zuständige Kongregation - eine Art Ministerium im Kirchenstaat - geht. Der Papst muss danach über Konsequenzen entscheiden. Eine Apostolische Visitation ist eine Überprüfung eines innerkirchlichen Vorgangs durch einen Beauftragten des Papstes.

Fuldaer Bischof bittet Opfer um Vergebung

Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche hat der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen schwere Versäumnisse eingeräumt und die Opfer um Vergebung gebeten. Drei Wochen nach dem Bekanntwerden erster Verdachtsfälle im Bistum Fulda stellte sich der Oberhirte erstmals den Fragen der Medien. Bei der Bilanz berichtete die Missbrauchsbeauftragte des Bistums von 13 Fällen. Neue Fälle in Essen, Münster und Hessen Gegen einen wegen sexuellen Missbrauchs vorbelasteten Priester aus dem Bistum Essen sind jetzt auch aus Bottrop Vorwürfe laut geworden. Es gebe Hinweise darauf, dass der mittlerweile suspendierte Seelsorger zwei Kinder während seiner Zeit in der Bottroper St.- Cyriakus-Gemeinde missbraucht haben soll, teilte ein Sprecher des Bistums mit und bestätigte einen Bericht der “Neue Ruhr/ Neue Rhein Zeitung“ (Donnerstagsausgabe).

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs eine Strafanzeige gegen einen ehrenamtlichen Mitarbeiter gestellt. Der Mann wirkte in den 80er Jahren an Kindergottesdiensten in einer Gemeinde in Oberhessen mit. Diese Beschäftigung musste er bereits aufgeben. Zudem seien in dieser Woche ähnliche Vorwürfe gegen zwei Pfarrer bekanntgeworden. Das Bistum Münster hat zwei weitere Priester wegen Vorwürfen sexuellen Missbrauchs suspendiert. In einem Fall soll sich ein 74 Jahre alter Geistlicher 1970 an einem Minderjährigen vergangen haben. Damals war er Kaplan in Ostbevern, zuletzt emeritierter Pfarrer im Sauerland. Bereits 2003 habe es Vorwürfe gegen den Priester gegeben. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Mann und einen zweiten Priester aus Münster. Im Bistum werde bereits gegen 15 Priester ermittelt.

Erzbistum Köln verteilt Heft zu sexuellem Missbrauch

In den Kirchengemeinden des Kölner Erzbistums wird an diesem Wochenende eine Broschüre zum Thema sexueller Missbrauch an die Gottesdienstbesucher verteilt. Damit will Kardinal Joachim Meisner allen Gläubigen angesichts der Missbrauchsskandale Informationen an die Hand geben. Im Vorwort schreibt Meisner: “Die gegenwärtige Situation ist allein mit Ehrlichkeit, Offenheit und dem Willen zur Umkehr zu bestehen.“

Leutheusser regt freiwillige Entschädigung an

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat sich unterdessen bei weit zurückliegenden Missbrauchsfällen für eine Entschädigung der Opfer auf freiwilliger Basis ausgesprochen. Für die Zukunft sollten die Verjährungsfristen für Entschädigungsansprüche verlängert werden, bekräftigte sie am Mittwoch im ZDF-“Heute Journal“. Rückwirkend gehe eine solche Änderung juristisch aber nicht. Die Grünen haben eine Regierungserklärung zum sexuellen Missbrauch von Kindern in Schulen und kirchlichen Einrichtungen verlangt. Fraktionsvorsitzende Renate Künast warf der Bundesregierung vor, das Ausmaß des gesamten Skandals immer noch nicht zu begreifen.

Ex-Schüler der Odenwaldschule für mehr Kontrolle

Nach den Missbrauchs-Fällen an der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim verlangt die Gruppe der ehemaligen Schüler eine bessere Kontrolle. Deshalb sollen in der Krisensitzung des Trägervereins an diesem Samstag (27.) personelle Vorschläge gemacht werden. An der privaten Elite-Schule sind Jahrzehnte zurückliegende Übergriffe bekanntgeworden. Die Schule spricht von 33 Betroffenen in den Jahren von 1966 bis 1991. Beschuldigt werden acht frühere Lehrer. 1999 war der Skandal um Ex-Rektor Gerold Becker erstmals publik geworden. Der Vater eines Missbrauchsopfers forderte Becker in der “Frankfurter Rundschau“ auf, sein Testament zugunsten seiner Opfer zu ändern. Becker hatte am vergangenen Freitag die ihm zu Last gelegten Sexualverbrechen eingeräumt.

dpa

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