Nach Katastrophe in London

Feuerwehren fordern besseren Brandschutz

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Ein Paar blickt zum ausgebrannten Grenfell Tower in London. Nach der katastrophe hat in mehreren Ländern die Debatte über besseren Brandschutz begonnen. Foto: Frank Augstein

Erst brennt ein Hochhaus in London, viele Menschen sterben. Experten prüfen dort weitere Wohntürme, sehen Feuergefahr. Dann müssen auch Bewohner eines Hochhauses in Wuppertal ihre Wohnungen verlassen. Die Debatte um Fassadendämmungen wird schärfer.

Berlin (dpa) - Einen besseren Brandschutz für Gebäude in Deutschland haben Feuerwehrfachleute als Konsequenz aus der Brandkatastrophe von London gefordert. Dabei geht es explizit um Häuser unterhalb der Hochhausgrenze, also Häuser zwischen 7 und 22 Metern.

"Wir können nur hoffen, dass der Warnschuss aus London endlich ernstgenommen wird", sagte der Leitende Branddirektor der Frankfurter Feuerwehr, Reinhard Ries, der Deutschen Presse-Agentur.

Ab einer Gebäudehöhe von 22 Metern sind in Deutschland nicht-brennbare Fassaden vorgeschrieben. In Wuppertal war am Dienstagabend ein elfstöckiges Wohnhaus geräumt worden, dessen Fassadendämmung dem ausgebrannten Wohnturm in London ähneln soll. Bei dem Großbrand in der britischen Hauptstadt waren vor genau zwei Wochen mindestens 79 Menschen ums Leben gekommen. Aus einigen Bundesländern kamen Rufe nach Konsequenzen.

Ries zufolge behauptet ein Großteil der Fachwelt einschließlich Industrie und Politik, die Wärmedämmverbundsysteme seien sicher. Dies sei aber nicht der Fall, sagte er. Die Frankfurter Feuerwehr gilt als Vorreiter für Brandschutz bei höheren Gebäuden - auch, weil in der Main-Metropole bundesweit die meisten Hochhäuser stehen.

In London hatte ein defekter Kühlschrank das Feuer entfacht, das sich über die Fassade rasend schnell durch alle 24 Stockwerke des Sozialbaus fraß. Bei einer Untersuchung anderer Hochhäuser in Großbritannien stellten Fachleute seither bei allen 95 bisher überprüften Gebäuden eine erhöhte Feuergefahr fest. Der Hersteller der Fassadenteile stoppte inzwischen den Verkauf des betreffenden Materials für Hochhäuser.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann leitete nach eigenen Angaben erste Schritte zur Überprüfung insbesondere von Gebäudedämmungen ein. "Mir geht es hier insbesondere um die Überprüfung, ob die aus energetischen Gründen geforderte Außendämmung bei Häusern unter 22 Meter Höhe eine zusätzliche Brandgefahr auslöst und ob es bei unseren einschlägigen Vorschriften und deren Umsetzung Handlungsbedarf gibt", teilte der CSU-Politiker auf Anfrage mit.

Bis 22 Meter Höhe reichen die Einsatzgeräte der Feuerwehr, bei höheren Gebäuden könnten nur über das Hausinnere Menschen gerettet und Brände gelöscht werden. "Wir werden genau verfolgen, was die Ermittlungsergebnisse in London ergeben werden", sagte Herrmann.

Niedersachsen und Bremen befürworten eine länderübergreifende Initiative zur Überprüfung der Fassadendämmung. "Natürlich nimmt Niedersachsen die schreckliche Brandkatastrophe in London zum Anlass zu prüfen, welche Schlussfolgerungen für die Außendämmung von Gebäuden im Hinblick auf die Brandgefahr zu ziehen sind", ließ Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt über ihre Sprecherin mitteilen. "Der Brand in dem Londoner Grenfell Tower ist eine schreckliche Katastrophe, die wir in Niedersachsen unter jeden Umständen ausschließen wollen", sagte die SPD-Politikerin.

Bevor jedes Bundesland mögliche Konsequenzen prüfe, solle sich eine länderübergreifende Arbeitsgruppe mit dem Thema beschäftigen, forderte der Sprecher des Bremer Bauressorts, Jens Tittmann. Schlüsse aus dem Hochhausbrand könnten erst gezogen werden, wenn die genauen Ursachen bekannt seien. Noch sei unklar, was dort verbaut wurde. Sobald die Hintergründe bekannt sind, solle geprüft werden, welche Folgen sich für die deutsche Gesetzgebung ergeben: "Wir haben in Deutschland völlig andere Standards als in Großbritannien."

Dem Frankfurter Feuerwehrchef zufolge hat eine Fassadenkonstruktion im Jahr 2012 in Frankfurt und 2016 in Duisburg zu ähnlichen Vorfällen wie in London geführt, nur mit deutlich geringerem Schaden. "Unsere konkrete Forderung lautet: Das Erdgeschoss muss so verkleidet sein, dass es nicht brennbar ausgestaltet ist und dass es nach jedem Geschoss einen Brandriegel gibt", sagte Ries. Erst vor zwei Wochen, unmittelbar vor dem Unglück in London, hätten unter anderem die Berufsfeuerwehren und der Deutsche Feuerwehrverband ein Papier erstellt, das vor Polystyrolschaum als Dämmstoff warnt.

Die Hamburger Feuerwehr erklärte, dass bei Hochhäusern die Verwendung brennbarer Fassadenteile seit langem verboten ist. Bei Häusern, die niedriger sind, dürfe Polystyrol als Wärmedämmung verwendet werden. Die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren habe das schon vor Jahren kritisiert und - bislang vergeblich - ein Verbot gefordert. Wichtige und vorgeschrieben seien zwei baulich getrennte Rettungswege, ein Treppenhaus mit Überdrucklüftung, damit es nicht verrauchen könne und ab einer Gebäudehöhe von 30 Metern ein Feuerwehraufzug, ebenfalls mit Überdrucklüftung.

Ein solcher könne im Brandfall von der Feuerwehr separat mit einem Schlüssel geschaltet werden, damit die Retter schnell zum Brandherd in die oberen Stockwerken kommen. "Das sind alles Errungenschaften, die mit Blut bezahlt wurden", sagte Hamburgs Feuerwehrsprecher Jan Ole Unger. Auch wenn es hierzulande ebenfalls schon Fassadenbrände gegeben habe - "die Wahrscheinlichkeit tendiert gegen Null, dass so etwas wie in London in Deutschland passiert", sagte der Sprecher des Landesfeuerwehrverbandes Schleswig-Holstein, Holger Bauer.

Positionspapier der Feuerwehren

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