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„Wir sind seit acht Jahren im Kriegszustand“

Reporter im ukrainischen Krisengebiet: Ein Besuch im Frontland

Die ukrainische Armee bereitet sich auf einen möglichen Angriff vor.
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Die ukrainische Armee bereitet sich auf einen möglichen Angriff vor.

Blufft Wladimir Putin – oder macht er Ernst? Redakteur Marcus Mäckler reiste in die Ost-Ukraine, wo der Krieg Alltag ist.

Kiew/Solote – Wie ruhig alles wirkt. Am Morgen ist frischer Schnee gefallen und glitzert nun gegen den harten, aschgrauen Himmel an. Er liegt auf zersprengten Dächern und zerborstenem Fensterglas und auf den Kleidern, die hier und da auf Wäscheleinen hängen, als würden sie noch gebraucht. Aber in Solote 3 lebt kaum mehr jemand. „Vor dem Krieg war hier alles bewohnt“, sagt Liudmila, 72, und zeigt mit ihren großen, von Arbeit gezeichneten Händen um sich. „Jetzt ist alles zerstört.“ Sie und eine Nachbarin sind übrig. Zwei alte Frauen, mitten im Krieg.

Zerrissene Familien

Solote 3 liegt weit im Osten der Ukraine, in der Region Luhansk, ein gefährlicher Ort. Nur 800 Meter entfernt verläuft die so genannte Kontaktlinie, an der sich Ukrainer und pro-russische Separatisten seit 2014 bekämpfen. Die Kleinstadt ist geteilt: Mit Solote 3 sind vier Distrikte in ukrainischer Hand, den fünften kontrollieren die Separatisten. Vom Garten aus kann Liudmila das abtrünnige Gebiet sehen. Ihre Familie lebt dort, die Tochter, die Enkelin. Sie haben sich seit drei Jahren nicht gesehen.

Redakteur Marcus Mäckler in der Ukraine

Ein Krieg, 14.000 Tote, kein Ende in Sicht. Auch nach acht Jahren kommt es an der rund 500 Kilometer langen Grenze zu den Separatistengebieten täglich zu Schusswechseln, manchmal sind es hunderte, nach wie vor sterben dabei Menschen. An der Kontaktlinie lauern auch Scharfschützen, die mit Vorliebe nachts schießen. Deshalb dauert das Gespräch mit Liudmila nicht lange, als es dämmert, müssen wir schnell weg aus Solote 3. Sie bleibt. Sie habe keine Angst, sagt die 72-Jährige. Auch nicht vor dem, was kommen könnte.

Hinter den Separatistengebieten zieht Russland seit Wochen Panzer, schwere Artillerie und Soldaten zusammen. 130.000 Mann sollen es mittlerweile sein, sie haben die Ukraine im Norden, Osten und Süden umstellt. Es ist nicht das erste Mal, dass der Kreml seine Truppen aufmarschieren lässt, im Frühjahr 2021 war die Situation ähnlich. Aber anders als damals schickt Moskau diesmal auch Lazarette und Blutreserven. Solche Infrastruktur braucht nur, wer Krieg führen will.

Welche Absichten verfolgt Putin?

Der Westen warnt deshalb vor einer russischen Invasion in die Ukraine. Moskau bestreitet das, nutzt seine Truppen aber ziemlich ungeniert als Druckmittel. In dieser Situation sitzt man fest und die quälendste Frage ist: Welche Absichten verfolgt Russlands Präsident Wladimir Putin? Will er das Land besetzen, die Nato bezwingen, oder beides? Niemand weiß das, selbst die Regierung in Kiew scheint kirre zu werden. Letzte Woche spielte Präsident Wolodymyr Selenskyj die Gefahr herunter und sprach von einem „Hype“ um den Aufmarsch. Er wollte das Land wohl beruhigen. Es klang aber, als klage er im Kreml-Sound über die westliche Hysterie.

„Gefahr einer Invasion besteht“

Aus Putins Spiel mit der Unsicherheit könnte schnell Ernst werden. „Noch reichen die russischen Truppen nicht aus für eine totale Invasion“, sagt Yaroslav Pistun, ein kräftiger Mann mit scheuem Blick. Auch der Aufbau der Infrastruktur sei noch nicht beendet. „Aber die Gefahr einer Invasion besteht.“ Pistun ist Vize-Kommandant der militärischen Einsatzgruppe „Pivnich“, die im Ernstfall sofort bereitstünde. Wenn man ihn fragt, was er erwartet, sagt er lakonisch: „Wir sind seit acht Jahren im Kriegszustand. Wir erwarten also ständig, dass etwas passiert.“ Seine Truppe sei jedenfalls bereit.

Vize-Kommandant Yaroslav Pistun

Pistun sitzt an diesem Vormittag Ende Januar im Verwaltungszentrum von Sewerodonezk, einer grauen Stadt, die von ihrer Chemieindustrie lebt. Hier ist auch das politische Zentrum der Region, seit die Metropole Luhansk 2014 in die Hände der Separatisten fiel. Vor Jahren war Sewerodonezk umkämpft, das ukrainische Militär konnte die Separatisten aber zurückdrängen. Unten im Foyer sind Bilder der Toten aufgereiht, als stummes Zeugnis.

Der Vize-Kommandant ist ein erfahrener Mann. Und er weiß, dass Konflikte nicht mehr nur physisch ausgetragen werden. Da draußen, sagt Pistun, da tobe auch ein Propagandakrieg. Russische Sender versuchten, Falschnachrichten zu verbreiten und die Menschen in der Ostukraine zu beeinflussen. Als die deutsche Verteidigungsministerin ankündigte, der Ukraine 5000 klägliche Helme zu schicken, da hieß es zum Beispiel, die Nazis würden mit ukrainischen Nationalisten gemeinsame Sache machen. Um gegenzusteuern, hat die Ukraine inzwischen selbst einen Sendeturm gebaut, Radius: 50 Kilometer. Damit, sagt Pistun, erreiche man auch die Separatistengebiete.

Vieles ist denkbar

Lange war es ein völlig ungleicher Kampf. 2014 lag das ukrainische Militär darnieder, die Krim und der Osten des Landes wurde quasi überrollt. Gerade mal 5000 Soldaten sollen einsatzbereit gewesen sein, sie kämpften teils in Jeans und mit Gerät aus Sowjetzeiten. Seither hat die Ukraine nachgerüstet. Sie hat bis zu 255.000 Soldaten und hunderttausende Reservisten. Sie sind besser ausgebildet und ausgerüstet. Aber Schwachstellen bleiben, gerade in der Luftabwehr. Auch deshalb sind Verteidigungswaffen so wichtig, deren Lieferung die Bundesregierung bisher konsequent ablehnt.

Wie lange die Ukraine einer möglichen Invasion standhalten könnte, ist ungewiss und hängt wohl auch davon ab, wie genau der Angriff aussähe. Westliche Geheimdienste glauben, Mitte Februar könnten die russischen Truppen stark genug sein, um loszuschlagen; dann ist vieles denkbar. Ein Angriff auf die Hauptstadt Kiew, zum Beispiel vom benachbarten Weißrussland aus. Eine umfassende Invasion. Oder auch eine Ausweitung der Kämpfe im Donbass, also im Osten des Landes.

Wie es auch kommt, in Hirske ist man vorbereitet. Die kleine Stadt liegt unweit der Kontaktlinie. Eine holprige Straße führt hierhin, die Wälder links und rechts davon sind abgesperrt, wegen der Landminen, die dort noch immer zu zehntausenden liegen. Das Zentrum von Hirske: ein Lebensmittelladen und ein Verwaltungsgebäude, das schon bessere Tage hatte. Im Ernstfall sähe es im Ort ruckzuck anders aus. Dann entstünde hier ein Zentrum der „Territorial Defence Force“, der Freiwilligen-Einheiten der ukrainischen Armee. 

„Es gibt einen klaren Evakuierungsplan“

Auch Oleksiy Babchenko würde dann kämpfen. Der 34-Jährige ist Chef der örtlichen Zivil- und Militärverwaltung und trainiert hier mit Freiwilligen den Widerstand. Er spricht ein paar Brocken Englisch und lacht den Ernst der Lage gerne weg. „Je näher man der Kontaktlinie ist, desto weniger Sorge hat man vor dem, was passiert“, sagt er. Der Krieg, soll das heißen, gehört hier zum Leben dazu, für ihn sowieso. 2014 kämpfte er in der blutigen Schlacht um den Flughafen Donezk, wurde dabei schwer verwundet, aber überlebte.

Käme es zum Angriff, wäre die größte Herausforderung eine logistische. Das Militär müsste rein in die Stadt, die Zivilbevölkerung raus – und das alles über die holprige, von Minenfeldern umgebene Straße. „Es gibt einen klaren Evakuierungsplan“, sagt Babchenko, regelmäßig fänden Trainings statt, das letzte erst vor wenigen Tagen. Auf dem Weg raus aus der Stadt sind Versorgungspunkte eingerichtet, mit Schlafsäcken, Essens- und Wasservorräten. Wie weit die Zivilisten sich zurückziehen müssen, hängt schlicht davon ab, wie gut das Militär den Angriff abwehrt.

Schaurig: Ein zerbombtes, verlassenes Haus in Solote 3.

Wie lebt es sich mit diesem Wissen? Während sich der Westen aus der Ferne das Schlimmste ausmalt, sind die Menschen in Hirske um Ruhe bemüht. Man rede nicht viel darüber, sagt eine Verkäuferin im Laden. Denn wer das tue, wolle den Krieg. Auch Vika und Nadia, zwei Mädchen aus dem Ort, klagen eher über Langeweile als über die Gefahr. Sie überlege, einen Koffer zu packen, sagt Nadja. Nur für den Fall. Und dann ist da noch ein junger Mann mit Kapuzenpulli und müdem Blick. „Angst? Nein, ich bin den Krieg gewöhnt“, sagt der 26-Jährige. Er glaubt, dass die Russen angreifen, es klingt sogar, als hoffe er darauf. In der Region sympathisieren einige mit Russland. Auch das gehört zur Wahrheit.

Blufft Putin?

Blufft Putin? Oder riskiert er wirklich einen Krieg? Niemand kann sicher sein, deshalb sind die Warnrufe und Vorkehrungen umso lauter. Der Westen schickt Waffen und verstärkt seine Truppen im Baltikum. Washington hat 8500 Soldaten in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Manche sagen, Putin werde wohl kaum während der Olympischen Spiele losschlagen. Andere glauben, das Zeitfenster für einen Angriff schließe sich Ende Februar, weil dann die Böden tauen und Panzer es schwerer haben. Aber weiß man’s?

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„Ich bin zu alt, um Angst zu haben“, sagt Liudmila, die Frau aus Solote 3. „Du hast den Tag überlebt? Dann danke dem Herren. Das ist die Art, wie wir hier leben.“ Unweit von ihrem Haus stehen drei ukrainische Soldaten wie Statisten in einem schaurigen Freilichtmuseum. Sie tragen Maschinengewehre – und warten auf die Dunkelheit. 

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