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Teilmobilmachung

Steht Russland vor dem Zusammenbruch? Expertin ordnet ein

Russland ist ein Vielvölkerstaat mit langer Tradition. Droht der Unmut gegen die Teilmobilmachung, dieses Reich zu zerreißen? Nein, meint Russland-Expertin Sarah Pagung.

In Russland wächst der Unmut gegen das Regime von Wladimir Putin. Die von ihm am 21. September angeordnete Teilmobilmachung von 300.000 Reservisten für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine könnte sich als großer Fehler erweisen. Seine Politik trifft nun die Russen im Westen des Landes, die laut des Militärexperten Carlo Masala einen Großteil dieser 300.000 Reservisten stellen müssen. Der Krieg gegen die Ukraine werde damit „zu den ethnischen Russen getragen“, sagte er am 22. September bei Maybritt Illner.

Diese Entwicklung, sagt Masala, sei bemerkenswert, denn zuvor kamen die Soldaten für Putins Krieg vor allem aus den Gebieten der ethnischen Minderheiten. Auch die Russland-Expertin Sarah Pagung bestätigt dieses numerische Missverhältnis auf Anfrage von BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Die in der Ukraine eingesetzten russischen Soldaten wurden bisher „insbesondere in ärmeren und von ethnischen Minderheiten besiedelten Regionen rekrutiert, während die urbanen Zentren weniger betroffen sind.“

Bei landesweiten Protesten, wie rechts in St. Petersburg, zeigt sich der Unmut der Bevölkerung gegenüber Putin. Droht Russland aufgrund der Teilmobilmachung zu zerreißen?

Menschen in Dagestan und anderen Teilrepubliken wehren sich

Nun regt sich aber auch in diesen Regionen Widerstand gegen die Rekrutierungen. In der Nordkaukasusrepublik Dagestan kam es wenige Tage nach der Verkündung der Teilmobilmachung zu heftigen Protesten. Aus dem muslimisch geprägten Dagestan werden besonders viele Männer für den Ukraine-Krieg eingezogen. Einer Zählung der BBC zufolge sind bisher mindestens 301 Dagestaner in der Ukraine gefallen, wie die Tagesschau berichtet. Das ist zehnmal die Zahl der Gefallenen aus Moskau, das eine fünfmal größere Bevölkerung aufweist.

„Aber das waren Vertragssoldaten, die für Geld kämpften“, zitiert die Frankfurter Rundschau (FR) einen Ethnologen aus einer Nachbarrepublik. „Jetzt werden massenhaft Leute eingezogen, die keinen Krieg führen wollen, das ruft viel mehr Unruhe hervor.“ Der Rekrutierungsdruck auf die ethnischen Minderheiten nimmt also massiv zu.

Student aus Dagestan: „Die Mobilisierung hat unsere unterdrückte Empörung wachgerüttelt“

Überall im Nordkaukasus versuchen Männer, sich der Einberufung zu entziehen. „Ich kenne Dörfer, aus denen sind über hundert junge Männer in die Berge gegangen, um sich zu verstecken“, sagt der von der FR zitiete Ethnologe aus Dagestans Nachbarrepublik Adygeja. Der österreichische Standard berichtet von Studierenden, die gegen ihren Willen eingezogen werden, obwohl zugesichert wurde, dass Studierende von den Rekrutierungen nicht betroffen sein würden.

„Der Krieg in der Ukraine spiegelt wider, was im Nordkaukasus seit Jahrhunderten vor sich geht“, zitiert der Standard einen jungen Studenten aus Dagestan. „Das Gefühl, von einer ethnischen Gruppe kolonisiert worden zu sein, die sich für überlegen hält, hat uns immer begleitet. Jetzt benutzen sie uns als Kanonenfutter in ihrem Krieg, und diese Situation mit der Mobilisierung hat unsere unterdrückte Empörung wachgerüttelt.“

Auch in anderen Teilrepubliken wie Burjatien und Tschetschenien sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Manche sprechen mittlerweile von „ethnischen Säuberungen“ unter den Minderheiten. Polizisten würden Warnschüsse gegen Demonstrant:innen einsetzen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi nutzt diese Angst und appelliert an die Betroffenen: „Es gibt keinen Ausweg. Flieht. Oder begebt euch bei der ersten Gelegenheit in ukrainische Gefangenschaft.“

Russland-Expertin Sarah Pagung: „Russland ist als Vielvölkerstaat stabil“

Hat dieser aufflammende Konfliktherd das Potenzial, zu einem ethnischen Flächenbrand zu werden, der einen Zerfall der Russischen Föderation einleiten könnte? Ist Wladimir Putin womöglich zu weit gegangen und riskiert er das Ende Russlands, wie wir es kennen und das er doch eigentlich zu einer Großmacht machen möchte?

Wir haben Sarah Pagung von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik nach ihrer Einschätzung gefragt. Sie blickt nicht sehr pessimistisch auf die Zukunft des russischen Vielvölkerstaates und sieht „keine ernsthaften Bewegungen oder politischen Kräfte, die eine Abspaltung beabsichtigen würden.“ Das gelte auch für die Regionen der ethnischen Minderheiten, wie die Kaukasusrepubliken. Sie betont: „Russland ist als Vielvölkerstaat stabil.“

Proteste in Dagestan bedrohen laut Expertin den russischen Zentralstaat nicht

Die gesellschaftliche Dominanz der ethnischen Russen, das heißt der russischen Sprache und Kultur, sei weiterhin prägend für das gesamte Land und werde „durch einen starken von Moskau gelenkten Zentralstaat gewährleistet.“ Durch die Integration regionaler Eliten in die überregionale und nationale Führung werde dafür gesorgt, dass das auch so bleibe.

Abgesehen davon dürfe man die Bedeutung dieser Teilrepubliken nicht überbewerten. Dagestan, das immerhin die bevölkerungsreichste der russischen Kaukasusrepubliken ist, habe kein großes politisches Gewicht in Russland. Die Protestierenden seien auch nicht gut mit den Eliten vernetzt und diese Vernetzung sei das Entscheidende.

Erst, wenn sich die Proteste in den urbanen Zentren auf weitere Regionen mit hoher Rekrutierungsquote konzentrieren und die lokalen und regionalen Eliten sie unterstützen, könne es „spannend“ werden, sagt sie BuzzFeed News Deutschland. Unter den aktuellen Gegebenheiten sei „das Potenzial für landesweite politische Konsequenzen eher gering.“

Rubriklistenbild: © ITAR-TASS/IMAGO

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