Totes Kleinkind nach Mini-OP – Ärzte in Salzburg vor Gericht

Ärzte operieren trotz „nicht nüchtern“ – 17 Monate altes Kind fällt ins Koma

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Zwei Ärzte mussten sich am Mittwoch wegen des Todes eines 17 Monate alten Kindes verantworten, links vorne der Narkosearzt, in der Mitte der Kinderchirurg.

Salzburg - Der Tod eines 17 Monate alten Jungen nach einer harmlosen Operation am 16. April 2018 hatte am Mittwoch sein gerichtliches Nachspiel. Der damalige Kinderchirurg (59) und der damalige Narkosearzt (47) mussten sich wegen grob fahrlässiger Tötung vor einer Einzelrichterin verantworten.

Wegen eines blutenden Blutschwämmchens an der Wange war das Kleinkind in die Ambulanz der Kinderklinik eingeliefert worden, auch der hinzugerufene Kinderchirurg konnte die blutende, stecknadelgroße Wunde nicht stoppen. „Operieren wir ihn gleich“ soll der zufällig sofort erreichbare Anästhesist gemeint haben, der in der Nacht auch für andere Abteilungen der Landeskliniken zuständig war, obwohl allen klar war, dass der Junge zwei Stunden vor der Operation noch reichlich gegessen hatte. 

Unmittelbar nach der wenige Minute dauernden Operation fiel das Kleinkind ins Koma, es hatte unbemerkt erbrochen und war daran erstickt, sein Gehirn war mehrere Minuten ohne Sauerstoff. Elf Tage nach der Operation wurden die medizinischen Geräte mit der Diagnose Hirntod abgeschaltet. Die Mutter bezeichnete mit Tränen in den Augen vor Gericht den angeklagten Narkosearzt als „Monster“ und „Mörder“, „David war die Liebe unserer Lebens, es tut jeden Tag weh dass er nicht mehr da ist, das in der Klinik einfach alle ihren Job weitermachen als wäre nichts gewesen ist unverständlich und unmenschlich“. Der Prozess wurde auf unbestimmte Zeit vertagt, dann sollen mehrere medizinische Gutachten genauer erörtert werden.

Die Staatsanwältin warf beiden Medizinern „grob fahrlässige Tötung“ vor mit einer Strafandrohung von bis zu drei Jahren Haft. Die Mutter hatte schon Tage vor der Einlieferung eine Art Warze an der Wange bemerkt, der Kinderarzt habe daraufhin eine Lotion verschrieben, eine Kruste habe sich gebildet. Diese Kruste sei beim Spielen am Abend des 16. April 2018 abgefallen, die Wunde habe zu Bluten begonnen, der Vater und die herbeigerufenen Rettungssanitäter hätten die Blutung erst nicht stillen können. Auch in der Notfallaufnahme der Kinderambulanz im Landeskrankenhaus konnte eine Ärztin das Bluten nicht beenden und rief den diensthabenden Oberarzt zu Hilfe. 

Die Eltern hätten zwar mehrfach darauf hingewiesen, dass ihr kleiner David nicht nüchtern sei, trotzdem wurde der kleine Patient in eine Teilnarkose gesetzt und operiert. Nach der wenige Minuten dauernden Operation, dem Verätzen des Blutschwämmchens, habe der kleine David dann offensichtlich unbemerkt Erbrochens eingeatmet, das Hirn sei minutenlang ohne Sauerstoff gewesen. Nach Ansicht der Staatsanwältin, die namentlich nicht genannt werden will, wäre das Kind wegen einer groben Fahrlässigkeit der beiden Ärzte gestorben, es wäre in eine Vollnarkose gerutscht, beide Mediziner hätten zu wenig lang und zu wenig intensiv mit konservativen Methoden versucht die Blutung zu stillen.

Dringlich, aber kein Notfall

Der angeklagte Kinderchirurg und gleichzeitig ehemalige Oberarzt an der Kinderklinik zeigte sich betroffen über den Tod des Kleinkindes, verwies aber auch auf seine fast 30- jährige Erfahrung, man hätte die nötige Klein-Operation auch am nächsten Tag in der Tagesklinik absolvieren können, der diensthabende Anästhesist hätte aber schon telefonisch gemeint, man könne es gleich machen, den Zeitpunkt der Operation, 20.50 Uhr, hätte dann auch der Narkosearzt vereinbart. 

„Eine andere Art des Verödens war nicht möglich weil das Kind sehr unruhig war, es wollte sich nicht anrühren lassen“, das sei aber für ein eineinhalb Jahre altes Kind normal. Ein weiterer, massiver Blutverlust war zwar nicht zu befürchten, „aber ein leichtes Dahinbluten bis zum nächsten Tag hätte auch riskant werden können, weil kleine Kinder noch nicht so viel Blut haben“, so der Kinderchirurg vor der Richterin. Ein Abwarten mit der Operation auf 1 Uhr, also sechs Stunden nach dem letzten Essen, wäre möglich gewesen, „es war eine Dringlichkeit gegeben, aber kein Notfall“.

Operation trotz Nicht-Nüchtern

„Der Anästhesist hat dann gemeint, wir machen das gleich, und ich habe nicht widersprochen“, räumt der Kinderchirurg eine Art Teilschuld ein. Er habe sich immer an die Entscheidungen der Narkoseärzte gehalten, diese hätten allerdings keine einheitlichen Richtlinien gehabt, „ich hatte in den 30 Jahren fast täglich Operationen bei Kindern, die nicht nüchtern waren, auch wenn es kein Notfall war, und habe dabei nie eine Komplikation erlebt“. Der Zeitdruck sei durch das „allgemeine Dienstgeschäft in der Klinik“ entstanden, wenn man sechs Stunden gewartet hätte wäre der Anästhesist womöglich nicht mehr frei gewesen, er sei in dem 24- Stunden Dienst in der Nacht für mehrere Abteilungen zuständig gewesen.

Nach der sehr kurzen Operation sei es dann zu den Problemen gekommen, mit „bitte nochmal in den OP kommen, es stimmt was nicht“ sei er in den Operationssaal zurück gerufen worden. Die Sauerstoffsättigung habe um 21.05 Uhr 76 Prozent betragen statt der üblichen 96 bis 100, um 21.06 Uhr nur mehr 34 Prozent. Der Kinderchirurg alarmierte die Intensivärztin der Kinderklinik, die kurze Zeit später mit der Wiederbelebung begann, ab 21.06 Uhr sei das Kind dann offensichtlich einige Minuten ohne Sauerstoff gewesen. Am nächsten Tag sei allen Beteiligten bei einer Nachbesprechung klar gewesen, dass der kleine David durch den fehlenden Sauerstoff eine massive Gehirnschädigung erlitten habe.

„Blutlache am Boden“

Der zweitangeklagte Anästhesist berichtete vor Gericht, dass er beim Eintreffen in der Kinderambulanz eine aufgeregte Situation vorgefunden hätte, viele blutgetränkte Tupfer seien schon am Boden gelegen, auch eine zwei-Handflächen großen Blutlache am Boden habe er festgestellt. „Das Kind war blass, aber als frühgeborenes Kind sei es prächtig entwickelt gewesen“. Der Chirurg habe zu ihm gemeint, „das wird wahrscheinlich eine Operation werden“, über den Nicht- Nüchternen Zustand des kleinen David habe er „diffuse Informationen“ erhalten, nach 19 Uhr soll er aber nichts mehr gegessen haben. 

Seiner Erinnerung nach sei die Behandlung insgesamt „ein zügiges Arbeiten gewesen“, das sei in der Kinderambulanz üblich, „denn die Zeit des Wartens traumatisiert das Kind“, aber es hätte Zeit sein müssen dass sich die Eltern in Ruhe den Narkose- Aufklärungsbogen durchlesen hätten können. Der Umgang mit der Nüchternheit sei in der Praxis eine Risikoabwägung, er habe Blut am Boden und blutgetränkte Tupfer gesehen und habe keine Hoffnung auf Besserung gehabt. Außerdem würden Kinder in Stresssituationen oft nicht nüchtern, weil die Verdauung nicht einsetze.

„Sie sind ein Monster, ein Mörder“

Die junge Mutter schilderte den verhängnisvollen Abend, sie sei „mit unserem Schatzi“ nur in die Ambulanz gefahren um ein Infektionsrisiko nach der abgefallen Kruste auszuschließen. Eine Assistenzärztin hätte die Wunde versorgt, da das Kind aber zusatzversichert war musste der diensthabende Oberarzt den kleinen Patienten auch noch sehen. 

„Der Kinderchirurg riss das Pflaster erneut herunter und meinte, ‚das machen wir gleich, das gehört verödet, das kommt sonst wieder‘“, so die Mutter. Ihr Hinweis, dass das Kind eben erst reichlich gegessen habe soll den jetzt angeklagten Chirurgen nicht gestört haben, das mache nichts, es würde ohnehin nicht lange dauern. Irgendwer habe dann den Narkosearzt gerufen, der dann gemeint habe, das könne man mit einer Sedierung machen, einer Art Narkose, das sei viel schonender und der 17 Monate alte David falle nur in eine Art Dämmerzustand. Den vierseitigen Aufklärungsbogen zur Narkose habe der Anästhesist selbst ausgefüllt, sehr schnell sei dann David von der Ambulanz in die OP-Säle im ersten Stock gebracht worden. „Es dauert nur 20 Minuten, wir passen schon auf ihren Schatz auf“, soll eine Krankenschwester noch gemeint haben.

Doch aus den 20 Minuten wurden Stunden, die Eltern erlebten Alarme und herbeieilende Ärzte und Schwestern ohne zu wissen, dass in diesem Moment ausgerechnet ihr kleiner Sohn um das Leben ringt. Erst kurz vor Mitternacht habe der jetzt angeklagte Anästhesiearzt gemeint, „zuerst die gute Nachricht, ihr Sohn ist nicht tot und die Operation ist gut verlaufen“, aber danach habe sich eben eine Komplikation eingestellt, er sei unruhig geworden und dann habe man noch einmal das Beruhigungsmittel gespritzt. Noch im Zeugenstand drehte sich die Mutter zum Anästhesisten um und herrschte ihn an, „Sie sind ein Monster, ein Mörder“.

Der Vater von David schilderte die „grauslichen, unmenschlichen“ Gespräche mit den Ärzten und den Verantwortlichen der Landeskliniken danach. Man habe einige Tage den kleinen David im Koma gelassen, aber er sei nicht mehr aufgewacht, die Mutter hätte ihn dann nach Hause nehmen wollen, „ich wollte, dass mein Kind zuhause stirbt oder in einem anderen Krankenhaus“, ergänzte sie. Am elften Tag seien die Sauerstoffmaschinen abgeschaltet worden, „sein Herz habe noch zehn Minuten weiter geschlagen“.

hud

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