Intensivbetten vollständig belegt

Weil Triage droht: Schweiz verkündet Lockdown - Aber: Skigebiete bleiben offen

Skifahrer mit Gesichtsmasken stehen am Eröffnungstag (30. Oktober 2020) des Skigebiets Verbier in den Schweizer Alpen in einer Schlange für den Sessellift an.
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Skifahrer mit Gesichtsmasken stehen am Eröffnungstag (30. Oktober 2020) des Skigebiets Verbier in den Schweizer Alpen in einer Schlange für den Sessellift an.

Schweizer Krankenhäuser sind wegen der Corona-Pandemie an der Belastungsgrenze, die Todesfälle steigen rasant - und der Ruf nach einem Lockdown wurde immer lauter. Lange weigerte sich die Regierung hart durchzugreifen, aber jetzt müssen Restaurants, Kinos und Co. ab kommenden Dienstag schließen. ABER: Skigebiete dürfen weiter offen bleiben!

Update, 16.20 Uhr - Schweiz verkündet Lockdown - Aber: Skigebiete bleiben offen

Die Schweiz verschärft angesichts weiter steigender Corona-Infektionszahlen nun also doch die Schutzmaßnahmen. Ab nächsten Dienstag müssen Restaurants, Kinos, Museen und Sportclubs schließen, aber Geschäfte und die Skigebiete dürfen trotz Kritik aus dem Ausland offenbleiben. Das beschloss die Regierung am Freitag. Wenn die Lage sich nicht bessere, gebe es im kommenden Jahr noch strengere Regeln, sagte Präsidentin Simonetta Sommaruga. Die Kantone könnten die Skigebiete schließen. Der Kanton Wallis, in dem etwa Zermatt und Saas Fee liegen, hat bereits eine Genehmigung für den Betrieb fast aller Lifte und Bergbahnen erteilt

Die Infektionszahlen in der Schweiz gehören - im Verhältnis zur Einwohnerzahl - zu den höchsten in Europa. Dennoch waren Bundesregierung und Kantone bislang zurückhaltend. Erst vergangene Woche waren öffentliche Veranstaltungen verboten worden und es wurde eine Sperrstunde für Restaurants um 19 Uhr eingeführt - allerdings gab es dazu Ausnahmen. 

Ärzte und Wissenschaftler schlagen seit Wochen Alarm, dass die Maßnahmen zu lasch sind. Die Krankenhäuser sagen, dass sie an der Kapazitätsgrenze arbeiten. Das Bundesamt für Gesundheit meldete am Freitag knapp 4500 neue Infektionen. Das entsprach über 14 Tage 664 Fällen pro 100 000 Einwohner.

Erstmeldung:

Die Schweiz geht mit der Corona-Pandemie anders um als viele Nachbarländer. Vergangene Woche wurde zwar ein Lockdown-Light verhängt, jedoch mit laschen Maßnahmen. Landesweit müssen Restaurants, Bars, Läden, Museen, Bibliotheken sowie Sport- und Freizeitanlagen lediglich zwischen 19 Uhr und 6 Uhr geschlossen bleiben. Treffen im privaten Raum wurden nicht weiter beschränkt. Weiter dürfen sich zehn Personen treffen, inklusive Kinder und ohne Beschränkung der Haushalte.

Diese Maßnahmen zeigten in der ersten Woche noch keine entscheidende Wirkung. Zwar sind die Covid-Fallzahlen stagniert – allerdings auf hohem Niveau. In der vergangenen Woche infizierten sich nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität in der Schweiz 30.260 Menschen mit dem Coronavirus, 673 Menschen starben. Der R-Wert liegt fast in allen Kantonen weit über eins.

Anm. d. Red.: Der Tweet wurde bereits am 20. November veröffentlicht. Dennoch zeigt die Grafik die Entwicklung in der Schweiz sehr gut.

„Wir können uns nicht vorstellen, dass wir um einen Lockdown herumkommen“, sagte der Direktor des Universitätsspitals Zürich (USZ), Gregor Zünd, am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Im Kanton Zürich liege der R-Wert bei 1,16 - das heißt, dass 100 Infizierte rechnerisch 116 weitere Menschen anstecken. „Wie lange sollen diese Warnungen denn noch gehen, bevor etwas passiert???“, twitterte Isabelle Eckerle, deutsche Virologin am Universitätsspital Genf.

Intensivbetten vollständig belegt - Triage droht

Aktuell sind die 900 Intensivbetten vollständig belegt, teilt die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) in dieser Woche mit. Bisher konnte eine Überbelastung dieser Bettenkapazität verhindert werden. Nicht dringende Eingriffe und Behandlungen seien verschoben worden, heißt es in der SGI-Stellungnahme. Es droht sogar die Triage.

Noch aber sperrt sich die Schweizer Regierung weiter gegen einen landesweiten Lockdown, um die Wirtschaft zu schonen. Doch der Druck nimmt weiter zu. Selbst die Direktorin des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, Monika Rühl, sagte gegenüber der NZZ: „Die Lage ist sehr ernst. Wenn die Zahlen nicht bald deutlich sinken, werden die Spitäler nicht bis im Frühling durchhalten.“

Skifahrer mit Masken stehen Schlange, nachdem die Gondelbahn im Walliser Skigebiet während der Corona-Pandemie kurz angehalten wurde. Die Schweiz steht derzeit unter europäischem Druck im Zusammenhang mit der Eröffnung von Skigebieten. (Aufgenommen am 3. Dezember 2020)

Am Freitag, 18. Dezember, will Gesundheitsminister Alain Berset dem Bundesrat drei Maßnahmenpakete vorschlagen. Seine favorisierte Option soll ein harter Gastro-Lockdown sein, Sport- und Freizeitanlagen sollen dabei ebenfalls komplett schließen. Ausnahmen sollen weiter für Skigebiete gelten. Ein anderer Vorschlag beinhaltet, dass die Regierung erst am 28. Dezember über einen harten Lockdown entscheidet.

Der Züricher Regierungsrat forderte bereits am Mittwoch, die Skigebiete landesweit sofort zu schließen. In einer offiziellen Mitteilung heißt es: „Es ist nicht nachvollziehbar, dass Sport- und Freizeiteinrichtungen geschlossen werden sollen, während in den Bergen trotz aller Infektions- und Unfallrisiken Skibetrieb herrscht, was wiederum eine Belastung für die Spitäler bedeuten kann.“ Am Freitag wird sich herausstellen, wie lange der Bundesrat noch warten will bzw. kann.

mz

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