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Machtübernahme in Afghanistan

Taliban besetzen Präsidentenpalast in der Hauptstadt Kabul

Konflikt in Afghanistan
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Taliban-Kämpfer hissen ihre Flagge vor dem Haus des Gouverneurs der Provinz Gasni.

Nach der Eroberung der zweitgrößten Stadt Kandahar in Afghanistan setzen die Taliban ihren Feldzug fort. Die Hauptstadt Kabul steht kurz vor dem Fall. Die NATO-Truppen haben die Geschwindigkeit, mit der die Islamisten die Gebiete in dem Land erobern, unterschätzt. Die Entwicklungen im News-Ticker:

15. August 2021

Update, 22.09 Uhr - Taliban im Präsidentenpalast in Kabul

Nur wenige Stunden nach der Flucht des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani haben Kämpfer der militant-islamistischen Taliban den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Kabul eingenommen. Umgeben von Bewaffneten wandten sich Führer der Gruppe an Journalisten, wie am Sonntagabend auf Fernsehbildern zu sehen war.

Update, 20.55 Uhr - Evakuierung beginnt umgehend

Angesichts des Eindringens der Taliban in die afghanische Hauptstadt Kabul beginnt die Bundesregierung umgehend mit der Evakuierung des Personals der deutschen Botschaft.

Die ersten Angehörigen würden noch „im Laufe des Tage ausgeflogen“, kündigte Außenminister Heiko Maas (SPD) am Sonntagabend in Berlin an. Außerdem brächen noch in der Nacht Transportflugzeuge der Bundeswehr auf, „um bei den notwendigen Evakuierungsarbeiten zu unterstützen und diese dann auch in den kommenden Tagen durchzuführen“.

„Die Machtübernahme der Taliban steht unmittelbar bevor“, sagte Maas. In dieser Situation müsse die Sicherheit der deutschen Staatsangehörigen und der afghanischen Mitarbeiter der vergangenen Jahre «oberste Priorität haben.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) betonte: „Unser Ziel ist es, dass wir - solange es die Möglichkeiten vor Ort erlauben - so viele Menschen wie möglich aus Afghanistan rausbringen werden.“ Am frühen Montagmorgen würden dazu erste Transportflugzeuge vom Typ A400M vom niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf starten. In einem neutralen Drittland außerhalb Afghanistans werde eine Drehscheibe eingerichtet, von dort aus dann eine Luftbrücke nach Kabul aufgebaut. Sie und Maas kündigten an, dass die Geretteten dann von diesem Drittstaat aus mit zivilen Flugzeugen nach Deutschland gebracht würden.

Nach Angaben von Maas wird ein „operatives Kernteam“ der Botschaft in Kabul am militärisch gesicherten Teil des Flughafens bleiben, um die Arbeitsfähigkeit der Botschaft zu erhalten und um die weiteren Evakuierungsmaßnahmen mitbegleiten zu können. Das Botschaftspersonal war bereits im Laufe des Tages zum Flughafen gebracht worden. „Die Kolleginnen und Kollegen sind jetzt dort, und sie sind dort in Sicherheit“, sagte Maas. Der Krisenstab habe bei einer Sitzung am Nachmittag Kontakt gehabt.

„Wir setzen jetzt alles daran, unseren Staatsangehörigen und unseren ehemaligen Ortskräften eine Ausreise in den kommenden Tagen zu ermöglichen“, sagte Maas. „Die Umstände, unter denen das stattfinden kann, sind aber derzeit schwer vorherzusehen.“ Deshalb stehe die Bundesregierung auch in einem engen Austausch mit den USA und anderen internationalen Partnern. „Wir haben uns darauf verständigt, dass wir uns bei den Evakuierungsmaßnahmen in den kommenden Tagen gegenseitig und wechselseitig unterstützen werden.“

Die Bundeswehr wird nach Angaben der Verteidigungsministerin vor allem Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte (DSK) einsetzen. „Wir sind auf alle Szenarien eingerichtet.“ Es handele sich um eine sehr schwierige Situation für die Menschen vor Ort - „aber auch für die Soldatinnen und Soldaten“. Kramp-Karrenbauer betonte: „Es ist ein gefährlicher Einsatz, in den wir sie jetzt schicken.“

Die Bundesregierung will sich nach früheren Angaben den Einsatz durch ein Mandat des Deutschen Bundestags absegnen lassen. Dies kann wegen der erforderlichen Eile erst zu einem späteren Zeitpunkt geschehen. Diese Möglichkeit ist im Parlamentsbeteiligungsgesetz ausdrücklich vorgesehen. Dort steht: „Einsätze bei Gefahr im Verzug, die keinen Aufschub dulden, bedürfen keiner vorherigen Zustimmung des Bundestages.“ Diese sei aber „unverzüglich nachzuholen“. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unterrichtete am Sonntagabend die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen über die Lage.

Update, 16.27 Uhr - Afghanistans Präsident soll Land verlassen haben

Angesichts des Vormarsches der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan hat der Präsident Aschraf Ghani das Land verlassen. Das bestätigte der Vorsitzende des Nationalen Rats für Versöhnung, Abdullah Abdullah, in einer am Sonntag auf Facebook veröffentlichten Videobotschaft. Der „Ex-Präsident“ habe in dieser Situation das Land verlassen, und Gott möge ihn zur Rechenschaft ziehen, sagte Abdullah weiter. Auch das Volk werde über ihn richten.

Angaben dazu, wohin der Präsident das Land verlassen habe, machte Abdullah nicht. Lokale Medien berichteten, er sei nach Tadschikistan geflogen. Abdullah sagte, er wolle, dass die Sicherheitskräfte weiter für Sicherheit in Kabul sorgen und bat die Taliban, noch auf Gespräche - mit denen er vielleicht Friedensgespräche meinte - zu warten, und nicht in die Stadt zu kommen.

Die militant-islamistischen Taliban hatten in den vergangenen knapp eineinhalb Wochen fast alle Provinzhauptstädte des Landes eingenommen. Viele waren kampflos an sie gefallen. Am Sonntagmorgen (Ortszeit) hatten sie die vorletzte noch unter Kontrolle der Regierung stehende Großstadt, Dschalalabad im Osten des Landes, übernommen. Wenig später sammelten sich Taliban-Kämpfer an den Toren der Hauptstadt Kabul. Sie wurden allerdings zunächst dazu angewiesen, nicht in die Stadt vorzudringen.

Am Abend teilten die Taliban in einer weiteren Erklärung mit, sie hätten Berichte erhalten, dass Polizeistationen und Ministerien verlassen worden seien. Die Sicherheitskräfte seien geflohen. Um Plünderungen zu verhindern oder damit anderen Menschen kein Schaden zugefügt werde, habe die Taliban-Führung ihre Kämpfer angewiesen, jene Gebiete zu betreten, aus denen der Feind geflohen sei. 

Der amtierende afghanische Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal hatte am Vormittag erklärt, die Stadt werde nicht angegriffen. Es sei die Vereinbarung getroffen worden, dass ein Machtwechsel friedlich erfolge.

Update, 15.12 Uhr - Deutsche Botschaft in Kabul geräumt - Taliban vor der Stadt

Angesichts des Siegeszugs der Taliban in Afghanistan hat Deutschland seine Botschaft in Kabul geschlossen und das Personal zum militärischen Teil des Flughafens der Hauptstadt verlegt. Die Taliban rückten am Wochenende bis Kabul vor, wiesen ihre Kämpfer jedoch an, nicht in die Stadt einzudringen. Ein Gefecht um die Millionenmetropole gab es zunächst nicht. Doch auch die USA begannen mit der Räumung ihrer Botschaft.

Der afghanische Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal sagte am Sonntag, es gebe eine Vereinbarung mit den Taliban für einen friedlichen Machtwechsel. Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi erklärte in einer auf Facebook veröffentlichten Videoansprache, als Vertreter der Streitkräfte garantiere er die Sicherheit Kabuls. Die Menschen sollten nicht in Panik verfallen.

Auch die Taliban versuchten, die Furcht vor einer Schlacht um Kabul zu zerstreuen. Suhail Schahin, ein Unterhändler bei den Gesprächen mit der afghanischen Regierung in Katar, erklärte der BBC: „Wir versichern den Menschen (...) in der Stadt Kabul, dass ihr Hab und Gut und ihre Leben sicher sind.“ Es werde „keine Rache an irgendjemandem“ geben. Die Taliban-Kämpfer hätten Befehl, Kabul nicht zu betreten. „Wir warten auf eine friedliche Übergabe der Macht.“

Kabul war am Sonntag die letzte Großstadt unter Kontrolle der Regierung. Am Vorabend hatten die Taliban Masar-i-Scharif im Norden und am Sonntagmorgen Dschalalabad im Osten eingenommen. In Masar-i-Scharif war bis vor wenigen Wochen ein großes Feldlager der Bundeswehr gewesen, seit Ende Juni sind die deutschen Soldaten aus dem Krisenstaat abgezogen. Die Bundeswehr hatte zuletzt afghanische Sicherheitskräfte im Zuge des Nato-Einsatzes „Resolute Support“ ausgebildet.

Seit Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen aus Afghanistan im Mai haben die militant-islamistischen Taliban gewaltige Gebietsgewinne verzeichnet. In einem rasanten Vormarsch haben sie mittlerweile mehr als zwei Drittel der Provinzhauptstädte des Landes eingenommen. Masar-i-Scharif war seit rund einer Woche immer wieder von den Islamisten angegriffen worden, am Ende fiel sie praktisch kampflos. Dschalalabad, die Provinzhauptstadt von Nangarhar, sei völlig kampflos von den Islamisten erobert worden, bestätigten zwei Provinzräte und ein Bewohner der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag.

Angesichts des Taliban-Vormarschs will die Bundeswehr deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte möglichst schnell aus Kabul evakuieren. Fallschirmjäger der Bundeswehr sollen an diesem Montag in Militärtransportern nach Kabul fliegen. Am selben Tag soll nach Angaben aus Sicherheitskreisen ein Krisenunterstützungsteam (KuT) aus Experten verschiedener Ministerien in der afghanische Hauptstadt eintreffen. In der usbekischen Hauptstadt Taschkent soll ein zweites KuT eine Drehscheibe („Hub“) für die Rettung von Menschen vor den Islamisten organisieren. Es geht um den bislang wohl größten Evakuierungseinsatz der Bundeswehr.

Auch die USA begannen am Sonntag, ihre Botschaft zu räumen. Der Prozess solle bis Dienstagmorgen abgeschlossen sein, berichtete der Sender CNN unter Berufung auf einen US-Regierungsbeamten. Russland will seine Botschaft hingegen vorerst nicht räumen, wie der Afghanistan-Beauftragte des russischen Außenministeriums, Samir Kabulow, der Agentur Interfax sagte.

In Kabul spielten sich am Sonntag chaotische Szenen ab. Es kam zu einer Schießerei vor einer Bank, wie ein Bewohner der Stadt sagte. Viele Menschen versuchten, ihr Erspartes abzuheben und Lebensmittel zu kaufen. Ein Soldat aus Kabul sagte, seine gesamte Einheit habe die Uniformen abgelegt.

Die Taliban stehen kurz vor der Eroberung der afghanischen Hauptstadt Kabul.

Update, 11.39 Uhr - Medienbericht: Unterhändler der Taliban auf dem Weg zum Regierungssitz

Wie das Magazin „Focus“ mit Berufung auf die Associated Press berichtet, hat ein afghanischer Beamter bekanntgegeben, dass sich Unterhändler der Taliban auf dem Weg zum Sitz der Regierung befinden würden. Der Transfer der Macht solle geregelt werden. Die anonyme Quelle berichtet gegenüber Bloomberg, dass das Ziel eine friedliche Machtübergabe sei. Die Taliban hatten in einer Mitteilung erklärt, Kabul nicht mit Gewalt einnehmen zu wollen.

Die Regierung von Afghanistan kündigte ebenfalls eine „friedliche Machtübergabe“ an.

Update, 10.44 Uhr - Taliban: Kämpfer sollen nicht nach Kabul eindringen

Die militant-islamistischen Taliban haben ihre Kämpfer angewiesen, nicht in die Hauptstadt Kabul vorzudringen. Sie sollten vielmehr an den Toren der Stadt Stellung beziehen, heißt es in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung der Islamisten.

Da die Hauptstadt Kabul eine große und dicht besiedelte Stadt sei, beabsichtigten die Taliban nicht, die Stadt mit Gewalt oder Krieg zu betreten. Man wolle vielmehr mit der anderen Seite über einen friedlichen Einmarsch in Kabul verhandeln.

Die Erklärung wurde während unbestätigter Berichte in sozialen Medien veröffentlicht, dass Taliban-Kämpfer bereits in die Stadt vorgedrungen seien. In Kabul spielten sich chaotische Szenen ab. Es kam zu einer Schießerei vor einer Bank, wie ein Bewohner der Stadt sagte. Viele Menschen versuchten, ihr Erspartes abzuheben, Lebensmittel zu kaufen und zu ihren Familien heimzukehren. Ein Soldat aus Kabul sagte, seine gesamte Einheit habe die Uniformen abgelegt.

Update, 15. August, 9.55 Uhr - Hauptstadt droht zu fallen: Taliban starten Angriff auf Kabul

Die Taliban haben den Angriff auf die Hauptstadt Kabul gestartet. Das teilte das afghanische Innenministerium am Sonntag mit. Die Islamisten würden von allen Seiten aus vorstoßen, so das Ministerium weiter.

Nach Angaben von „Sky News“ seien Taliban-Kämpfer in die Außenbezirke der Stadt Kabul vorgedrungen. Eine Reporterin des britischen Senders BBC twitterte: „Quellen berichteten mir, die Taliban sind in Kabul, Shar-naw. Null Widerstand.“

14. August 2021

Update, 21.09 Uhr - Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans von Taliban eingenommen

Die islamistischen Taliban in Afghanistan haben auf ihrem rasanten Eroberungszug nun auch die Großstadt Masar-i-Scharif im Norden eingenommen. Dort war bis vor wenigen Wochen ein großes Feldlager der Bundeswehr, seit Ende Juni sind die deutschen Soldaten aus dem Krisenstaat abgezogen. Dass Masar-i-Scharif am Samstag gefallen ist, bestätigten eine Sicherheitsquelle und ein Provinzrat der Deutschen Presse-Agentur. Damit hält die Regierung lediglich noch zwei Großstädte - Dschalalabad im Osten und die Hauptstadt Kabul.

Die Islamisten hatten seit rund einer Woche Masar-i-Scharif intensiv angegriffen. Immer wieder versuchten sie von mehreren Seiten, in die auch wirtschaftlich starke Metropole mit geschätzt 500.000 Einwohnern einzudringen. Milizen des Ex-Gouverneurs Mohammad Atta Nur und des Ex-Kriegsfürsten Abdul Raschid Dostum hatten zuletzt nördlich der Stadt eine zusätzliche Verteidigungslinie zur Unterstützung der Sicherheitskräfte aufgebaut. 

In Masar-i-Scharif hatte die deutsche Bundeswehr bis vor kurzem ein großes Feldlager im Camp Marmal in der Nähe des Flughafens. Dort waren bis zum Sommer noch rund 1000 deutsche Soldaten stationiert. Ende Juni waren nach der US- und Nato-Abzugsentscheidung in vier Militärmaschinen die letzten verbliebenen Soldaten nachts ausgeflogen worden. Die Bundeswehr hatte zuletzt afghanische Sicherheitskräfte im Zuge der Nato-Mission „Resolute Support“ ausgebildet. Es könnten weitere Ortskräfte der Bundeswehr in der Stadt sein. An ihnen werden Racheaktionen der Taliban befürchtet.

Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Islamisten seien gegen 21 Uhr (Ortszeit) in die Stadt eingedrungen. Daraufhin hätten sie Gefangene aus dem Zentralgefängnis der Stadt freigelassen. Ein großer Teil der Sicherheitskräfte habe sich in den Bezirk Tschahar Kent und in das Camp Marmal in der Nähe des Flughafens zurückgezogen.

Der Provinzrat Sabiullah Kakar sagte, die Stadt sei vollständig unter Kontrolle der Islamisten. Auch das 209. Armeekorps am Rande der Stadt sei gefallen, durch einen „Deal“ mit den Islamisten. Alle Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre, sagte Kakar weiter, seien zunichte. Mohammad Atta Nur und Abuld Raschid Dostum sollen in die Stadt Hairatan an der Grenze zu Usbekistan geflohen sein und versuchen, die Grenze zu überqueren. Auch andere Sicherheitskräfte würden dasselbe versuchen. 

Update, 19.21 Uhr - Taliban stehen vor Kabul - Bundeswehr bereitet Evakuierung vor

Auf ihrem rasanten Eroberungsfeldzug in Afghanistan haben sich die islamistischen Taliban bis auf wenige Kilometer an die Hauptstadt Kabul herangekämpft. Präsident Aschraf Ghani sprach am Samstag von einer schlimmen Lage. Nun stelle sich die „historische Aufgabe“, den Tod weiterer Unschuldiger zu verhindern und die Errungenschaften für die Zivilgesellschaft der vergangenen 20 Jahre zu verteidigen. Westliche Staaten, darunter Deutschland, beschleunigten ihre Bemühungen, eigenes Personal und afghanische Ortskräfte vor den rasch vorrückenden Extremisten in Sicherheit zu bringen.

Seit der Entscheidung über den Abzug der internationalen Truppen, darunter auch der Bundeswehr, haben die Taliban große Teile des Landes erobert. Mittlerweile stehen 20 der 34 Provinzhauptstädte unter ihrer Kontrolle. Die Aufständischen wollen ein „Islamisches Emirat Afghanistan“ errichten, so wie schon vor dem Einmarsch der US-Truppen im Jahr 2001.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besprach am Samstag in einer Krisensitzung mit einem Teil ihres Kabinetts das weitere Vorgehen. In der Telefonkonferenz wurde beraten, wie mit Hilfe der Bundeswehr schnellstmöglich Mitarbeiter der deutschen Botschaft, Ortskräfte sowie Beschäftigte deutscher Organisationen ausgeflogen werden können, wie ein Regierungssprecher mitteilte. Eine Beteiligung des Bundestags, der das entsprechende Mandat geben muss, werde folgen, versicherte er.

Die Bundeswehr begann schon mit Vorbereitungen für die Evakuierung. Zum Einsatz kommen sollen dabei nächste Woche vor allem Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte (DSK); sie sind Teil der Nationalen Risiko- und Krisenvorsorge für diese Aufgabe.

In Afghanistan sind derzeit noch deutlich mehr als 100 Deutsche, darunter auch die Diplomaten und Mitarbeiter der Botschaft in Kabul sowie Experten anderer Ministerien und Organisationen. Die genaue Zahl der Ortskräfte ist noch unklar. So haben allein Organisationen aus dem Geschäftsbereich des Bundesentwicklungsministeriums derzeit noch mehr als 1000 einheimische Mitarbeiter in Afghanistan. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte, es habe absolute Priorität, „dass wir die zu Schützenden sicher nach Deutschland bringen“.

Ghani äußerte sich nach langem Schweigen in einer TV-Ansprache zur dramatischen militärischen Lage. Dabei ging er aber nicht auf Spekulationen ein, er könne zurücktreten, um den Weg für eine Einigung mit den Islamisten frei machen. Er spreche mit politischen Führern und internationalen Partnern und wolle «bald» Ergebnisse vorstellen, sagte er lediglich.

Die Taliban setzen derweil ihren schnellen Vormarsch fort: Nur etwa 35 Kilometer vor Kabul habe es am Morgen Gefechte um Maidan Schar gegeben, der Hauptstadt der Provinz Wardak, sagte die Abgeordnete Hamida Akbari der Deutschen Presse-Agentur. Die Taliban beherrschten bereits einen Großteil der Provinz.

Auch in die Großstadt Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr noch bis Juni ihr Hauptquartier hatte, versuchten die Taliban am Samstag einzudringen. Sie konnten aber nach Angaben örtlicher Politiker zurückgedrängt werden. Der Ex-Provinzgouverneur Mohammad Atta Nur und der frühere Kriegsfürst Abdul Raschid Dostum haben in der Nordprovinz Balch, in der Masar-i-Scharif liegt, eine Verteidigungslinie aufgebaut. Die Taliban haben umliegende Provinzen bereits eingenommen.

Landesweit gingen die Kämpfe am Samstag in mindestens fünf Provinzen weiter. Die militanten Islamisten konnten zwei kleine Provinzhauptstädte übernehmen: Scharana in der Provinz Paktika mit geschätzt 66.000 Einwohnern sei nach Vermittlung Ältester den Taliban kampflos übergeben worden, bestätigten lokale Behördenvertreter. Wenig später bestätigten mehrere lokale Behördenvertreter, dass Regierungsvertreter und Sicherheitskräfte auch Asadabad, die Hauptstadt der Provinz Kunar im Osten des Landes mit geschätzt 40.000 Einwohnern, verlassen hätten. Man habe so zivile Opfer und Zerstörung verhindern wollen.

Zuvor waren mit Herat und Kandahar bereits die dritt- und die zweitgrößte Stadt des Landes an die Islamisten gefallen. Mit Pul-i Alam in der Provinz Logar haben die Taliban auch eine Provinzhauptstadt rund 70 Kilometer südlich von Kabul eingenommen.

Das US-Außenministerium kündigte an, dass die Verstärkung der US-Truppen um rund 3000 Soldaten bis Sonntag größtenteils in Kabul sein werde. Sie sollen helfen, Personal außer Landes zu bringen. Der britische Premier Boris Johnson sagte, Mitarbeiter der britischen Botschaft sollten Kabul binnen Tagen verlassen.

Frankreich will afghanischen Ortskräften und anderen gefährdeten Personengruppen unkompliziert Schutz in Frankreich gewähren. Als eines von nur drei Ländern stelle Frankreich weiterhin in Kabul Visa aus, hieß es am Freitagabend aus Élyséekreisen. Man bemühe sich außerordentlich, afghanischen Künstlern, Journalisten und Vorkämpfern der Menschenrechte den Zugang nach Frankreich zu erleichtern.

Taliban-Kämpfer patrouillieren in der Stadt Ghazni südwestlich von Kabul, Afghanistan. Die Taliban haben am Freitag ihre Offensive im Süden des Landes abgeschlossen und in einer Blitzoffensive vier weitere Provinzhauptstädte eingenommen, die Kabul allmählich einkreisen, nur wenige Wochen bevor die USA ihren zwei Jahrzehnte währenden Krieg offiziell beenden wollen. UN-Generalsekretär António Guterres hat die militant-islamistischen Taliban zur sofortigen Einstellung ihres gewaltsamen Vormarsches in Afghanistan aufgerufen. «Die Macht durch militärische Gewalt an sich zu reißen ist ein zum Scheitern verurteiltes Vorgehen», sagte Guterres.

Update, 13.17 Uhr - Taliban rücken näher an Kabul heran - Kämpfe bei Masar-i-Scharif

Die militant-islamistischen Taliban setzen ihren Vormarsch in Afghanistan fort und rücken dabei immer näher an die Hauptstadt Kabul heran. Am Samstagmorgen habe es Gefechte um Maidan Schar gegeben, Hauptstadt der rund 35 Kilometer von Kabul gelegenen Provinz Maidan Wardak, sagte die Abgeordnete Hamida Akbari der Deutschen Presse-Agentur. Die Taliban beherrschten bereits einen Großteil der Bezirke in der Provinz.

Landesweit setzten sich die Kämpfe zwischen den Taliban und Regierungstruppen in mindestens fünf Provinzen fort. Auch Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr noch bis Juni ihr Hauptquartier hatte, ist ein klares Ziel der Islamisten.

Die Taliban versuchten am Samstagmorgen in die Stadt im Norden einzudringen, konnten aber nach Angaben örtlicher Politiker zurückgedrängt werden. Der Ex-Provinzgouverneur Mohammad Atta Nur und der ehemalige Kriegsfürst Abdul Raschid Dostum haben in der Provinz Balch, in der Masar-i-Scharif liegt, eine Verteidigungslinie aufgebaut. Die Taliban haben umliegende Provinzen bereits eingenommen.

Am Samstag konnten die Islamisten zudem die mittlerweile 19. der 34 Provinzhauptstädte des Landes übernehmen. Scharana mit seinen geschätzt 66.000 Einwohnern in der Provinz Paktika im Südosten des Landes sei nach Vermittlung Ältester kampflos an die Taliban gegangen, bestätigten drei lokale Behördenvertreter. Im Osten wurden Kämpfe um die Provinzhauptstädte von Paktia und Kunar gemeldet. Diese Woche fielen mit Herat und Kandahar bereits die dritt- und die zweitgrößte Stadt des Landes an die Islamisten.

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani sagte in einer kurzen TV-Ansprache am Samstag, er wolle nicht, dass weiter das Blut unschuldiger Menschen in Afghanistan vergossen werde. Er habe Konsultationen mit politischen Führern des Landes und internationalen Partnern abgehalten und wolle die Ergebnisse seinen Landsleuten „bald“ mitteilen.

13. August 2021

Update, 16.32 Uhr - Deutschland reduziert Botschaftspersonal in Kabul auf Minimum

Als Konsequenz aus dem Vormarsch der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan hat die Bundesregierung beschlossen, das Personal der deutschen Botschaft in Kabul in den nächsten Tagen auf das „absolute Minimum“ zu reduzieren. Das sagte Außenminister Heiko Maas (SPD) am Freitag im baden-württembergischen Denzlingen. Es werde dazu sofort ein Unterstützungsteam in die afghanische Hauptstadt geschickt.

Anhänger der militant-islamistischen Taliban patrouillieren in der Stadt Gasni im Osten Afghanistans. Die militant-islamistischen Taliban haben in Afghanistan ihre Gebietsgewinne in rasantem Tempo fortgesetzt und binnen einer Woche mehr als die Hälfte aller Provinzhauptstädte eingenommen.

Die Botschaftsmitarbeiter würden mit Chartermaschinen ausgeflogen, sagte Maas weiter. Darin würden auch afghanische Ortskräfte, die früher für die Bundeswehr oder Bundesministerien gearbeitet haben oder heute noch für sie arbeiten, ausgeflogen. Zwei Charterflüge waren dafür bis Ende des Monats geplant. Diese würden nun vorgezogen, sagte Maas. Er bekräftigte, dass die Visaerteilung für die Ortskräfte in Deutschland erfolgen werde, um den Prozess zu beschleunigen.

„Alle weiteren Maßnahmen werden wir mit unseren internationalen Partnern in den nächsten Tagen abstimmen“, sagte Maas. Er rief alle Deutschen auf, das Land sofort zu verlassen. Eine hohe zweistellige Zahl deutscher Staatsbürger sind noch im Land.

Die Beschlüsse wurden vom Krisenstab der Bundesregierung gefasst, der am Freitag angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan zusammengekommen war.

Die USA hatten bereits am Donnerstag die Reduzierung ihres Botschaftspersonals und die Entsendung von rund 3000 zusätzlichen Soldaten an den Flughafen in Kabul angekündigt. Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums schloss nicht aus, dass auch Bundeswehrsoldaten zur Absicherung einer Rückholaktion zum Einsatz kommen könnten. Die Bundeswehr halte Kräfte bereit, die „im Falle eines Falles zur Verfügung stehen“, sagte er.

Update, 12.10 Uhr - UN: In Afghanistan droht humanitäre Katastrophe

Die Lage der Menschen in Afghanistan wird nach Einschätzung der Vereinten Nationen immer verzweifelter. „Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe“, sagte eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR am Freitag in Genf. Vor allem Frauen und Kinder würden vor den vorrückenden Taliban flüchten.

Inzwischen sei die Lebensmittelversorgung von etwa einem Drittel der Bevölkerung nicht mehr sichergestellt, erklärte ein Sprecher des UN-Welternährungsprogramms (WFP). Allein zwei Millionen Kinder seien auf Hilfe angewiesen. „Wir fürchten, dass das Schlimmste noch bevorsteht.“ Die Lage werde immer unübersichtlicher. Jedenfalls stehe angesichts der Eskalation viel zu wenig Geld zur Verfügung, um wirklich helfen zu können. Bis Jahresende würden 200 Millionen Dollar gebraucht.

Update, 11.50 Uhr - Weitere wichtige Provinzhauptstadt Afghanistans fällt an die Taliban

Mit Pul-i Alam haben die militant-islamistischen Taliban eine Provinzhauptstadt nur rund 70 Kilometer südlich von der Hauptstadt Kabul erobert. Die Islamisten hätten die wichtigsten Regierungseinrichtungen der Stadt übernommen und den Provinzgouverneur sowie den Geheimdienstchef gefangen genommen, sagten ein Provinzrat und ein Parlamentarier der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Pul-i Alam mit seinen geschätzt 120.000 Einwohnern ist die Hauptstadt der Provinz Logar im Osten des Landes. Aus Sicherheitskreisen heißt es seit längerem, dass in der Provinz Logar Taliban-Kämpfer für einen Angriff auf Kabul versammelt werden. Die Taliban kontrollieren fünf der sieben Bezirke, die zwei näher zur Provinz Kabul liegenden - Choschai und Mohammed Agha - sind umkämpft. Von Pul-i Alam sind es nur rund eineinhalb Stunden mit dem Auto nach Kabul.

Mit Pul-i Alam haben die Taliban binnen einer Woche 16 der 34 Provinzhauptstädte eingenommen. In der Nacht zum Freitag (Ortszeit) war die zweitgrößte Stadt Kandahar im Süden des Landes an sie gefallen, am Freitagmorgen noch die wichtige Stadt Laschkargah in Kandahars Nachbarprovinz Helmand.

Update, 6.57 Uhr - Laschkargah im Süden Afghanistans fällt an die Taliban

Die militant-islamistischen Taliban haben die wichtige Stadt Laschkargah in der Provinz Helmand im Süden Afghanistans eingenommen. Die Islamisten kontrollierten die wichtigsten Regierungseinrichtungen der Stadt mit geschätzt 200.000 Einwohnern. Das bestätigten zwei afghanische Provinzräte der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Kandahar: Zweitgrößte Stadt Afghanistans fällt an Taliban

Die militant-islamistischen Taliban setzen ihre dramatischen Gebietsgewinne weiter fort. In der Nacht zum Freitag eroberten sie mit Kandahar im Süden des Landes die zweitgrößte Stadt Afghanistans. Das bestätigten zwei Parlamentarier und ein Provinrat der Deutschen Presse-Agentur. Damit fällt die 13. Stadt binnen einer Woche an die Islamisten. Von den wichtigen Städten hält die Regierung nur noch die Hauptstadt Kabul, Masar-i-Scharif im Norden und Dschalalabad im Osten - auch Laschkargah, die Hauptstadt von Helmand, steht an der Kippe einer Übernahme.

In einer Woche mehr als 13 Hauptstädte überrannt

Kandahar hat mehr als 650.000 Einwohner. Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz ist das wirtschaftliche Zentrum des Südens und war der Geburtsort der Taliban-Bewegung in den 1990er-Jahren. Kandahar diente zudem als Hauptstadt der Islamisten während ihrer Herrschaft zwischen 1996 und 2001.

Mehr als drei Wochen lang kam es innerhalb der Stadt zu schweren Zusammenstößen zwischen der Regierung und den Taliban in Kandahar, bevor die Sicherheitskräfte die Stadt evakuierten, sagte der Parlamentarier Gul Ahmad Kamin, der die Provinz im Parlament vertritt. Die Regierungstruppen hätten schließlich die wichtigsten Regierungsbehörden verlassen und im 205. Armeekorps der Provinz Zuflucht gesucht.

Mit dem Zusammenbruch der Stadt Kandahar haben die Taliban nun innerhalb einer Woche 13 Hauptstädte der 34 Provinzen des Landes überrannt. Am Donnerstag alleine konnten sie drei Städte einnehmen - darunter die drittgrößte Stadt Herat und die strategisch wichtige Stadt Gasni, die nur 150 Kilometer von Kabul entfernt liegt. Vertreter der afghanischen Regierung haben die sich überschlagenden Ereignisse noch nicht kommentiert. 

USA schicken 3000 Soldaten

Angesichts des Vormarsches werden die US-Streitkräfte sofort rund 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen in Kabul verlegen. Damit soll eine geordnete Reduzierung des US-Botschaftspersonals unterstützt werden, hieß es von einem Sprecher des US-Verteidigungsministeriums. Zudem verlegen die USA demnach bis zu 4000 weitere Soldatinnen und Soldaten nach Kuwait und 1000 nach Katar - falls Verstärkung gebraucht würde.

Der Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan solle aber bis 31. August abgeschlossen werden, so der Sprecher am Donnerstag (Ortszeit). Auch Großbritannien will rund 600 zusätzliche Soldaten schicken, um bei der Rückführung von Briten aus Afghanistan zu helfen. Zuletzt hatte US-Präsident Joe Biden am Donnerstag im Weißen haus erklärt, die Afghanen müssten nun „selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen“.

mh/bcs/dpa

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