Streitpunkt Grenzschließung wegen Corona-Mutation in Österreich

Wird Tirol zum Virusmutationsgebiet erklärt? Söder: „Werden das wohl entscheiden“

Tirol hat mit steigenden Infektionszahlen mit einer neuen Corona-Mutation zu kämpfen. Eine Innsbrucker Virologin fordert einen massiven Lockdown.
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Tirol hat mit steigenden Infektionszahlen mit einer neuen Corona-Mutation zu kämpfen. Eine Innsbrucker Virologin fordert einen massiven Lockdown.

Tirol - Noch heute löst die bloße Nennung des Ortsnamen Ischgl genau einen Gedanken aus: Hotspot. Wie aus aktuellen Berichten österreichischer Medien hervorgeht, steht dem Bundesland erneut eine Welle negativer Schlagzeilen ins Haus. Der Grund: Die stark zunehmende Verbreitung der neuen Corona-Virus-Mutationen.

Update, 12. Februar 13.24 Uhr - Werden Tirol und Tschechien zu Virusmutationsgebiet erklärt?

Wegen massiver Corona-Infektionszahlen in Tschechien und der Ausbreitung der britischen Virus-Mutation soll die Grenze zwischen Bayern und dem EU-Nachbarn undurchlässiger werden. Tschechien, bisher bereits als Hochrisikogebiet eingestuft, soll - wie etwa Großbritannien - zum Virusvariantengebiet erklärt werden, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Donnerstag, den 11. Februar.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte der „Süddeutschen Zeitung“: „Wir werden das wohl so entscheiden.“ Bayern und Sachsen hätten um die Neueinstufung gebeten und Grenzkontrollen beantragt. Start solle in der Nacht zum Sonntag sein. Die Maßnahmen würden den Einreisesperren aus Großbritannien entsprechen und zwischen den Regierungsressorts abgestimmt. Auch über Ausnahmen werde noch verhandelt.

Die Infektionszahlen sinken, aber für umfassende Lockerungen seien „die Zahlen noch zu hoch und die Virusmutationen zu gefährlich“. Das erklärte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn in einer Pressekonferenz am Freitag, den 12. Februar. Er mahnt, dass man bei einer zu frühen Öffnung einen Rückschlag riskiere: „Es geht darum, unser Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen.“

„Wir müssen unser Land vor dem Eintrag weiterer Viren schützen“, erklärte Spahn, weswegen man Tirol und Tschechien zu Virusmutationsgebieten erklärt habe: „Diese Maßnahme schmerzt, ist aber sie ist unumgänglich“

Update, 10. Februar 12.40 Uhr - Platter versöhnlich über verschärfte Maßnahmen: „Gemeinsam an einem Strang ziehen“

Die südafrikanische Corona-Mutation breitet sich immer weiter in Österreich aus. Deshalb dürfen Menschen das Bundesland Tirol aktuell nur noch mit negativem Corona-Test verlassen. Fürs Erste soll die Maßnahme von Freitag an für zunächst zehn Tage gelten, sagte Kanzler Sebastian Kurz am Dienstag, den 9. Februar, in Wien. „Das wird einen massiven Effekt haben“, so Kurz.

Die Maßnahme wurde von Bund und Land gemeinsam beschlossen. „Der Weg zur Normalität wird sich noch einmal um Monate verzögern“, teilte Kurz mit. „Je stärker, je schneller, je entschlossener man hier reagiert, desto besser“, mahnte Kurz an, da der Impfstoff von AstraZeneca möglicherweise nicht so wirksam gegen die Mutation sein könnte wie erhofft.

Im Tiroler Lokalfernsehen gab sich Tiroler Landeshauptmann Günther Platter nach Berichten des Standard deeskalativ. Er habe die Maßnahmen der Regierung demnach gutgeheißen. „Gemeinsam an einem Strang ziehen“, sei es, was man nun müsse, so Platter. Nach anfänglichen „Irritationen“ sei es nun an der Zeit „Muskelspiele“ zu unterlassen gab sich der Landeshauptmann versöhnlich.

Dennoch habe sich Platter relativierend gegenüber der verschärften Grenzkontrollen von Nordtirol geäußert. Für die Tiroler ändere sich fast nichts, da sie sich innerhalb des Bundeslandes weiterhin frei bewegen können. Jedoch ist die Bevölkerung derzeit angehalten, ihre Mobilität weitestgehend einzuschränken. Zudem ist die Ausreise nur mit negativem Corona-Testergebnis erlaubt. Für Pendler aus Deutschland bedeuten die Maßnahmen neue Regelungen (Plus-Artikel). Laut Der Standard wurden aktuell mindestens 120 aktiv positive Fälle bestätigt und rund 300 Fälle der südafrikanischen Corona-Mutante bisher insgesamt nachgewiesen.

Update, 8. Februar 15.26 Uhr - Keine Entscheidung in Tirol: Österreich lockert und spricht Reisewarnung aus

Während die Entscheidung über eine Grenzschließung von der Regierung Tirols noch nicht gefällt wurde, kam eine andere Entscheidung von der Landesregierung selbst: Österreich hat für das eigene Bundesland Tirol aufgrund der risikoreich eingeschätzten Corona-Lage ab sofort eine Reisewarnung verhängt. Am Montag erklärte die österreichische Regierung dies in Wien, wie die dpa berichtet. Mittlerweile gibt es in Tirol 293 belegte Fälle der zuerst in Südafrika entdeckten Mutation des Coronavirus. Die Zahl der aktiven Fälle werde auf zumindest 140 geschätzt.

Alles zu tun, um zu verhindern, dass sich diese Mutationen immer weiter ausbreiten“, forderte der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz. Vonseiten der Landesregierung Tirols wurden Verschärfungen der Maßnahmen zu Eindämmung des Infektionsgeschehens nur bedingt gutgeheißen. Aktuell wird noch an einem eigenen Weg festgehalten.

Laut Appell der Regierung seien alle nicht zwingend notwendigen Reisen nach Tirol zu unterlassen. Darüber hinaus werden alle Urlauber, die sich in den vergangenen zwei Wochen in Tirol aufgehalten haben, aufgefordert, sich einem Corona-Test zu unterziehen. Reisende aus Tirol sollen sich vor der Fahrt in ein anderes Bundesland ebenfalls testen lassen.

Das Auswärtige Amt in Berlin warnte bereits zuvor ebenfalls vor allen nicht notwendigen, touristischen Reisen nach Österreich. Bis auf die Exklaven Jungholz und Kleinwalsertal gilt nun ganz Österreich als Risikogebiet. Doch trotz relativ hoher Infektionszahlen lockerte Österreich ab Montag, den 8. Februar, seinen Lockdown. Handel und Schulen öffneten mit einer Testoffensive wieder. 

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek hält trotz der großen Sorgen wegen der Corona-Lage in Tirol Grenzschließungen weiterhin für noch nicht angemessen. „Grenzschließungen kann man als Ultima Ratio nicht ausschließen. Aber zunächst gilt es, den Grenzverkehr auf das notwendigste Maß zu reduzieren“, sagte Holetschek am Montag in München. Bayern und Deutschland würden die Lage genau beobachten und bereits jetzt verstärkt kontrollieren. Je nach Entscheidung auf österreichischer Seite müsse das auch weiter engmaschig begleitet werden. Generell müsse man die Lage aber sehr ernst nehmen.

Update, 17.30 Uhr - Tiroler Arbeiterkammerpräsident über von Laers Forderung: „Unerhörte Frechheit“

Der Präsident der Tiroler Arbeiterkammer (AK) Erwin Zangerl hält die Forderung der Insbrucker Virologin von Laer für übertrieben und verantwortungslos. „Es ist eine unerhörte Frechheit und verantwortungslos, wenn eine einzige Expertin vorprescht und Tirol zum europäischen Krisengebiet erklärt sowie die Totalisolation fordert“, wetterte der AK-Präsident gegen die Virologin, wie der ORF berichtet.

Weiter heißt es, dass Zangerl im Falle eines neuerlichen Lockdown Tirols keinen gemeinsamen Weg sieht: „Es reicht, dass die EU bei der Bekämpfung der Pandemie in Bezug auf die Impfstoffbeschaffung schwere Fehler gemacht hat. Wenn wir jetzt auch in Österreich keinen gemeinsamen Weg finden, dann werden heute Tirol, morgen Salzburg und übermorgen Kärnten unter Quarantäne gestellt, Länder, die eine weit höhere 7-Tages-Inzidenz haben, als Tirol.“ Sollte es tatsächlich zu einem Lockdown kommen, soll Zangerl laut ORF sämtlichen verfügbaren Impfstoff nach Tirol beordern wollen, um die scheinbar besonders gefährdete Bevölkerung zu schützen.

Zangerl sieht die Gefahr, dass aufgrund von öffentlichem Druck politische Fehlentscheidungen getroffen werden könnten. Zahlreichen Experten zufolge sei eine Schließung der Tiroler Grenzen nicht notwendig und auch andere Gründe gebe es, mahnte der AK-Präsident an. Auch Österreichs Gesundheitsminister Anschober hält derzeit noch am „straffen Fünf-Punkte-Programm“ fest, „mit dem die Situation genau untersucht werden soll“.

Update, 5. Februar 15.21 Uhr - Söder kritisiert Österreichs Lockerungspläne: Platter sieht „Egotrip“

In der Talk-Runde bei Maybrit Illner im ZDF vom 4. Februar kritisierte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder den Weg der Lockerung, den Österreich beschreiten möchte. Er sieht angesichts der hohen Inzidenz und der Verbreitung der Corona-Mutation in den Plänen „eine überstürzte Lockerung“. Diese wäre laut Söder nicht der dritte Weg zwischen hartem Lockdown und Impfung, sondern „der schlechteste Weg“. Er meint, man könne mit Corona „keinen Deal machen“, auch wenn es für Lockerungen politische Mehrheiten gebe.

Söder betont, dass jeder möchte, dass Kinder baldmöglichst wieder in die Schule und Eltern wieder zur Arbeit gehen können. Das ginge aber nur wenn „die Zahlen besser werden“ und beispielsweise die Landkreise bei einer Inzidenz unter 35 oder niedriger liegen. Lockerungen seien vorsichtig zu planen. Er schloss seinen Beitrag mit den Worten: „Natürlich wollen wir Verbesserungen, aber lieber einen Schritt langsamer, als es am Ende wieder zu verspielen.“

Update, 18.09 Uhr - Landeshauptmann Platter über Lockdownforderung: „Das gibt die Datenlage nicht her.“

Aufgrund der öffentlichen Debatte äußerte sich Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) zu den Forderungen der Innsbrucker Virologin Dorothee von Laer: „Das gibt die Datenlage nicht her.“ Er sehe in der aktuellen Entwicklung keine Notwendigkeit einer so drastischen Maßnahme. Zwar müsse man „natürlich immer auf der Hut sein“, aber wichtig sei auch, „dass die Verhältnismäßigkeit gegeben ist“, teilte der Tiroler Landeshauptmann mit.

Bislang wurde in Tirol in bereits 75 Fällen die südafrikanische Corona-Variante und in 21 Fällen die britische festgestellt, wie es in einem Bericht von Der Standard heißt. Seitens der Platter heißt es weiter, dass nach Rücksprache mit Experten beschlossen wurde, die Kontaktnachverfolgung und die Anwendung von Tests zu intensivieren.

Österreichs Gesundheitsminister Anschober teilte im Zuge der Diskussion mit, dass ein „sehr straffes Fünf-Punkte-Programm aufgestellt“ wird, „mit dem die Situation genau untersucht werden soll“. Eine definitive Meinung zum Thema des neuerlichen Lockdown teile er nicht mit. Er setze auf die Ergebnisse der Prüfung, denn: „Diese paar Tage abzuwarten, ist notwendig.“

Erstmeldung:

Noch vor Beginn des neuen Jahres zierte die Debatte um die Öffnung von Skiliften in Deutschland und Österreich eine Vielzahl von Artikeln. Aufmachen oder nicht? Wie groß ist das Risiko der Ansteckung? Muss man wirklich auf Nummer Sicher gehen? Während in Deutschland die Lifte geschlossen blieben, entschied sich Tirol für eine teilweise Öffnung, welche von manchen Urlaubern offenbar umgangen werden konnte. Nun folgt die Kritik, da die Zahlen der Neuinfektionen mit den neuen Virusmutationen höher liegen als gedacht.

Insbesondere die Südafrika-Mutation soll in Tirol sein Unwesen treiben. Der Standard beschreibt das Land als „der neue Hotspot der Südafrika-Mutation in Europa“. Die Grenzen sollen nun nach Aussage der Virologin Dorothee von Laer von der MedUni Innsbruck „dichtgemacht“ werden, wie das österreichische Nachrichtenportal schreibt. Laut Einschätzung der Virologin sei die weite Verbreitung des Corona-Virus SARS-Cov-2 der Grund dafür, dass sich neue Varianten entwickeln konnten. Sie spricht von mehreren Fällen eines „Tiroler Subtyps” der südafrikanischen Mutation. Besonders brisant: Die Eigenschaften dieser Mutation seien laut ihrer Aussage derzeit nicht bekannt.

Expertin warnt vor „zweitem Ischgl“

Aus diesem Grund fordert von Laer, die Grenzen Tirols für einen Monat zu schließen und das Bundesland zu isolieren: “Noch kann man die Ausbreitung dieser Variante vielleicht verlangsamen und zumindest Zeit gewinnen.” Zuvor hätte sie laut ZACKZACK schon für sinnvoll erachtet, den Jochberg wegen eines Clusters der britischen Mutation abriegeln zu lassen, um eine weitere Verbreitung zu verhindern. Von Laer übt auch scharfe Kritik am Land Tirol im Umgang mit den Corona-Mutanten - die Expertin warnt bereits vor einem „Zweiten Ischgl“.

Das Enthüllungsportal ZACKZACK berichtete schon in der Vergangenheit über britische Skifahrer, welche mit Urlaubern aus den Niederlanden, Spanien, Irland und Estland zusammen in Gasthäusern am Jochberg feierten. Laut ZACKZACK folgten auch nach der ersten Corona-Erkrankung keine Maßnahmen.

Berichte über Urlaube von Hoteliers zum Golfen in Südafrika inmitten der Pandemie

Als wäre die Thematik nicht brisant genug, häufen sich auch Berichte über Zillertaler Hoteliers, die zum Golfen in Südafrika Urlaub machten, wie Der Standard  berichtet. Demnach gab es Gerüchte, dass einige der fraglichen Personen nach ihrer Reise positiv auf Corona getestet wurden. Der Verdacht hierbei ist, dass sie die südafrikanische Mutante einschleppten.

Der Leiter des Corona-Einsatzstabs, Elmar Rizzoli bestätigte gegenüber der APA zunächst, dass der Verdacht bestehe. Weiteren Berichten zufolge haben sich einige der betroffenen Personen darüber hinaus nicht an die verordnete Quarantäne gehalten und so die Verbreitung ermöglicht.

Aufgrund dieser Gerüchte meldete sich ein Hotelierspärchen öffentlich mit einer Stellungnahme wie die Tiroler Tageszeitung berichtet. „Hier werden Gerüchte verbreitet, die jeglicher Grundlage entbehren“, teilte die Lebensgefährtin des Hoteliers mit. Zwar haben sie eine Reise nach Südafrika unternommen, doch betonte sie: „Bei der Einreise hatten wir einen negativen Corona-Test, bei der Heimreise ebenfalls. Danach haben wir uns vorschriftsmäßig in Quarantäne begeben.“ Auch alle anderen Vorwürfe dementierte sie im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung: „Wir haben niemanden angesteckt. Aufgrund der Gerüchte und Spekulationen haben wir jetzt sogar einen Antikörpertest gemacht. Wir hatten nie Corona.“ Auf welchem Weg die Corona-Mutation in Tirol angekommen ist, ist nach Aussage von Rizzoli, bislang nicht bekannt. In Bezug auf den Urlaub der Tiroler Hoteliers teilte er im Ö1-Morgenjournal mit: „Darauf gibt es keine Hinweise.“ (Anm. d. Red. dieser Absatz wurde nachträglich zur Vollständigkeit eingefügt)

Cluster im Zillertal

In dem Bericht vom 26. Januar heißt es weiter, dass im Zillertal - genauer vom Skigebiet Hochfügen ausgehend - ein Cluster festgestellt wurde. 16 Seilbahnmitarbeiter sollen demnach infiziert worden sein. Die folgenden Massentests bestätigten am Montag, den 25. Januar, insgesamt 29 positive Ergebnisse. Der genaue Grund für die Einfuhr der Virusmutation und deren Verbreitung konnte bislang nicht festgestellt werden, doch die Rolle des Skitourismus steht im Mittelpunkt.

Selbst in München und Umgebung wurden zwei neue Varianten festgestellt. Laut „Apotheken-Umschau“, welche Berichte des Münchner Labors Becker & Kollegen zitiert, handle es sich um die in Großbritannien entdeckte Mutation B.1.1.7 und die in Südafrika entdeckte Mutation B.1.351.

„Ehestmögliche“ Massentests von Anschober gefordert

Der österreichische Bundesminister für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz Rudolf Anschober forderte vor diesen Hintergründen, „ehestmöglich“ Massentests durchzuführen. Über die Folgen der sich verbreitenden Mutation, welche „nicht erst gestern bekannt geworden sind“, meinte er, dass diese „für uns alle weltweit ein großes Fragezeichen“ sind, wie Der Standard berichtet. Ein Frühwarnsystem und das Kontaktpersonenmanagement seien überaus wichtig, betonte Anschober.

Ob ein neuerlicher Lockdown für Tirol kommt, ist aktuell noch offen. Schon im Frühjahr des vergangenen Jahres 2020 wurden die Grenzen Tirols geschlossen. Dieser Lockdown dauerte von Mitte März bis Anfang April, wobei sämtliche Gemeinden unter Quarantäne gestellt wurden.

mda

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