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Kaum Menschenleben gerettet?

Trügerisch, obskur und „guten Ruf“ missbraucht: Studie zu „Lockdowns ohne Wirkung“ von Experten zerpflückt

„Die Wirkung von Lockdowns ist gering bis nicht vorhanden“, lautete das Ergebnis einer Meta-Studie von drei Wissenschaftlern der renommierten John Hopkins Universität. Viele Experten zweifeln an der Glaubwürdigkeit dieser Aussagen und haben guten Argumente.
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„Die Wirkung von Lockdowns ist gering bis nicht vorhanden“, lautete das Ergebnis einer Meta-Studie von drei Wissenschaftlern der renommierten John Hopkins Universität. Viele Experten zweifeln jetzt an der Glaubwürdigkeit dieser Aussagen und haben guten Argumente.

Eine Meta-Studie von drei Wissenschaftlern der renommierten Johns Hopkins Universität in Bezug auf die Wirksamkeit von Lockdowns sorgte in der vergangenen Woche für viel Aufsehen. Darin hieß es unter anderem, dass „die Wirkung von Lockdowns gering bis nicht vorhanden“ sei. Vor allem mit Hinblick auf die Todesrate hätten die staatlichen Maßnahmen so gut wie keinen Effekt gehabt. Doch wie viel Wahrheit steckt wirklich hinter diesen Aussagen? Die Ergebnisse sind irritierend.

Unbestritten ist, dass eine Reduktion von Kontakten die Ausbreitung von Infektionskrankheiten wie Covid-19 verlangsamen. Das führt unmittelbar auch zu weniger Toten. Die Frage allerdings, ob darüber hinaus staatlich verordnete Maßnahmen helfen, ist Gegenstand der aktuell medial viel beachteten Untersuchung der drei Ökonomen.

Ihr Papier bezeichnen Jonas Herby, Lars Jonung und Steve Hanke als sogenannte Meta-Studie, die als eine Art Überblick die Daten von Einzelstudien und Arbeitspapieren zusammenfasse. Die Autoren hatten weltweit nach Studien gesucht, die sich mit Lockdowns bis Sommer 2020 und den Auswirkungen auf die Sterblichkeit beschäftigten.

Die Autoren wollen eigenen Angaben zufolge 18.590 Studien identifiziert haben, die sich potenziell mit ihrer Fragestellung befassen könnten. Infrage kamen aber offenbar nur 34 Studien, von denen schlussendlich allerdings lediglich 24 in die Meta-Analyse aufgenommen wurden - neben von Fachleuten begutachtete Studien auch nicht evaluierte Arbeitspapiere. Die Autoren wollten prüfen: Gibt es Belege für die Annahme, dass staatlich verordnete Lockdowns einen zusätzlichen Effekt auf die Covid-19-Sterblichkeit hatten - verglichen mit den Maßnahmen, die die Bevölkerung ohnehin freiwillig umgesetzt hat?

Zahlreiche Aspekte werden bei der Studie nicht berücksichtig

Die Untersuchung macht zum einen allerdings keinerlei Aussage darüber, ob generelle Maßnahmen wie Kontaktreduzierung, Maskentragen oder Handhygiene überflüssig gewesen seien. Auch fallen Informationskampagnen der Behörden oder bereitgestellte Testkapazitäten aus der Betrachtung. Wie die staatlichen Maßnahmen im Verlauf der Pandemie und unter anderen Voraussetzungen - wie etwa dem Vorhandensein von Impfstoffen - gewirkt haben, zeigen die Ergebnisse der Meta-Studie zum anderen auch nicht. Denn die von ihr untersuchten Einzelstudien beschäftigen sich wie oben bereits beschrieben nur mit der ersten Infektionswelle im Frühjahr 2020.

In Bezug auf die verwendeten Studien erklärte der Leiter des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie an der Universität Marburg, Max Geraedts, dass es eine Fülle wissenschaftlich qualitativ wesentlich hochwertigere Studien gebe, „die aber auf der Basis der von den Autoren gewählten Auswahlkriterien nicht berücksichtigt wurden“.

Gewichtung der Studien nicht nachvollziehbar

Skepsis gegenüber der Meta-Analyse gibt es auch deswegen, weil die Gewichtung der herangezogenen Studien nicht eindeutig nachvollziehbar ist. Statistik-Professor Christoph Rothe von der Universität Mannheim zum Beispiel twittert: „In der von Ökonomen verfassten Meta-Analyse [...] werden Studien von Nicht-Sozialwissenschaftlern (z.B. Epidemiologie) automatisch als „von geringerer Qualität“ eingestuft.“

Andreas Backhaus, Ökonom an der LMU München, analysiert ebenfalls, dass einige der untersuchten Einzelstudien „nicht übermäßig überzeugend“ seien. Sie erhielten „in der Meta-Analyse jedoch ein sehr hohes Gewicht, treiben also das Gesamtergebnis“, twitterte er. Die Studie und die Analyse sei „trügerisch“. Backhaus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Herby und seine Kollegen kommen in ihrem Papier zu dem Schluss, dass staatlich geregelte Maßnahmen weltweit im Vergleich zu Empfehlungen und freiwilligen Verhaltensänderungen der Bevölkerung kaum Effekt gehabt hätten: In der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 sei aus den untersuchten Studien herauszulesen, dass die Covid-Todesrate durch verordnete Regelungen um nur 0,2 Prozent gesenkt worden sei.

Herby erklärt konkret: „Es gab insgesamt ungefähr 300.000 Covid-19-Tote in Europa und den USA während der ersten Welle mit Lockdowns“, schreibt er auf Twitter. „Ohne Lockdowns wären es nach wissenschaftlichen Schätzungen 300.601 gewesen.“

In einem ausführlichen Artikel zur Meta-Analyse erläutert Herby, dass diese nicht zwangsläufig den Schluss zulasse, Lockdowns hätten in keinem Land der Welt etwas bewirkt. Wenn Regierungen „das richtige Timing“ für ihre Maßnahmen gefunden hätten, dann könnten die Regeln eine große Wirkung erzielt haben.

Die 0,2 Prozent beziehen sich auf alle staatlichen Maßnahmen zum Lockdown insgesamt. Einzelnen Regelungen hingegen wird in der Meta-Analyse durchaus ein deutlicher Effekt hinsichtlich der Todeszahlen zugeschrieben - etwa dem Maskentragen am Arbeitsplatz oder geschlossenen Clubs und Bars.

Zweifelhafte Definition von „Lockdown“

Und auch bei der Definition tun sich Fragen auf. Herby und Kollegen definieren Lockdown „als die Auferlegung von mindestens einer obligatorischen, nicht-pharmazeutischen Intervention“. Unter diese fallen staatliche Anordnungen, die Menschen direkt betreffen - wie etwa die Einschränkung der Bewegungsfreiheit oder das Verbot grenzüberschreitender Reisen.

Das Team um den Mobilitätsforscher Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin hält den Begriff Lockdown für nicht sehr aussagekräftig. „In Deutschland wurde darunter vor allem ein weitgehendes Herunterfahren der öffentlichen Freizeit, des Einzelhandels sowie der Schulen verstanden“, erklären die Experten. Hingegen sei hierzulande im Bereich Arbeit im Vergleich zu anderen Ländern wenig eingegriffen worden.

Gewählter Index hat massiven Nachteil

Besonders problematisch ist, dass sich die Meta-Analyse auf den „Government Stringency Index“ der Universität Oxford bezieht. „Die Studien zum Stringency-Index zeigen, dass die Covid-19-Sterblichkeit durch Lockdowns in Europa und den Vereinigten Staaten im Durchschnitt nur um 0,2 Prozent gesenkt werden konnte“, schreiben die Autoren.

Doch hat dieser Index einen massiven Nachteil. Denn er beachtet immer nur die strengsten Maßnahmen, die egal auf welcher Verwaltungsebene in einem Land gelten. Beispiel Deutschland: Haben Bundesländer oder gar einzelne Landkreise zeitweise strengere Regeln, als sie bundesweit vorgesehen sind, behandelt der Stringency-Index das so, als würden die Maßnahmen deutschlandweit gelten.

„Dieser Index kann die tatsächliche Effizienz verschiedener ergriffener Maßnahmen nicht objektiv bewerten“, heißt es auch von Nagel und Kollegen. Der Epidemiologe Geraedts aus Marburg findet „besonders problematisch“, dass unklar sei, inwiefern diese staatlichen Maßnahmen „tatsächlich in den verschiedenen betrachteten Ländern durchgesetzt wurden“.

Die Berliner Mobilitätsforscher um Nagel sehen in der Studie von Herby und Kollegen „erste Ansätze“, um die Wirkung behördlicher Anordnungen besser zu verstehen, wie sie auf dpa-Anfrage schreiben. Das Team weist allerdings darauf hin, dass die deutsche Bevölkerung bereits während der ersten Corona-Welle ihre Mobilität eingeschränkt habe, „bevor die formalen Restriktionen begannen“ - und dass die Menschen wieder mehr unterwegs waren, bevor die Politik offiziell die formalen Restriktionen beendet habe. Eine Reaktion der Bevölkerung hänge also von vorgegebenen Regeln ab.

Eine Schwierigkeit - auch dieser Meta-Analyse - ist es also, herauszuarbeiten, welchen Anteil staatliche Regelungen am tatsächlichen Verhalten der Menschen hat.

Wer steckt eigentlich hinter der Studie?

Die Autoren sind keine Epidemiologen, Virologen oder sonstige Mediziner. Steve Hanke ist Professor für angewandte Wirtschaftswissenschaften an der Johns Hopkins University in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland). Auf dem Server seiner Hochschule ist das Papier der drei Ende Januar veröffentlicht worden. In der Werbung für die Studie schrieb er damals auf Twitter: „Lockdowns sind für Verlierer.“ Zudem ist er in der Vergangenheit damit aufgefallen, staatliche Corona-Maßnahmen etwa in Italien oder Deutschland öffentlich als „faschistisch“ zu bezeichnen.

Zudem ist Hanke leitender Wissenschaftler am Cato-Institut, einer wirtschaftspolitischen US-Denkfabrik mit nach eigenen Angaben „libertären Prinzipien“, die sich gegen staatlichen Einfluss in Wirtschaft und Gesellschaft einsetzt.

Jonas Herby ist ein Berater der politisch-libertären Denkfabrik Cepos in Kopenhagen. Nach eigener Aussage sind seine Schwerpunkte Recht und Wirtschaft. Der dritte Autor ist der pensionierte Wirtschaftsprofessor Lars Jonung, der an der Universität im schwedischen Lund lehrte.

Warum ist der Weg der Veröffentlichung befremdlich?

Die Studie ist nicht in einem begutachteten Fachjournal erschienen, sondern Ende Januar auf der Internetseite eines der wirtschaftswissenschaftlichen Institute der Johns Hopkins Universität. „Der gute Ruf der Johns Hopkins Universität wurde genutzt, um diesem Arbeitspapier eine hohe Glaubwürdigkeit zu bescheinigen“, erklärt Experte Geraedts aus Marburg.

„Die Publikationsreihe erlaubt es Studierenden, Mitarbeitenden und ehemaligen Angehörigen dieses Instituts, ihre Arbeiten zur Diskussion zu stellen“, so Geraedts. Qualitätskriterien, die Arbeitspapiere erfüllen müssten, würden auf der Institutsseite nicht benannt.

Die Ergebnisse von Herby und Co. wurden also vor Veröffentlichung nicht in einem nachvollziehbaren Prüfverfahren untersucht. „Dadurch umgehen die Autoren die Begutachtung durch Fachleute (Peer Review), eine der wichtigsten Maßnahmen zur Qualitätssicherung in der Wissenschaft“, teilt der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen der dpa mit. „Studien im Eigenverlag herausgeben, ist absolut unüblich und unwissenschaftlich.“ Auch Geraedts wirft den Autoren vor, „bewusst nicht den Weg gewählt“ zu haben, ihre Methodik und die daraus erzielten Ergebnisse und Interpretationen von unabhängigen Wissenschaftlern überprüfen zu lassen.

mz/dpa

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