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Gustav Gressel im Interview

„Es knarzt heftig im Gebälk“: Militärexperte sieht Putin vor großen Problemen und glaubt an Ukraine-Sieg

Russland: Putin-Gegner werden mit Repression überzogen, wollen aber standhaft bleiben.
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Russland: Rolltreppe in die Niederlage? Wladimir Putin steht vor Problemen. (Archivbild)

Kann die Ukraine den Krieg gewinnen? Experte Gustav Gressel bejaht das im Merkur-Interview. Er sieht Wladimir Putin unter Druck.

München – Sechseinhalb Monate nach Beginn des Ukraine-Kriegs hat sich der Wind gedreht: Kiew drängt die russischen Invasoren zurück. Gustav Gressel, Militärexperte am European Council on Foreign Affairs, ist optimistisch: Wladimir Putin, sagt er, bleibe nur eine Option.

Ukraine-Krieg: Experte Gustav Gressel erklärt Putins Lage – „Es gibt ein Personalproblem“

Herr Gressel, teilen Sie die These, dass der Ukraine-Krieg einen Wendepunkt erreicht hat?
Absolut. Die Ukraine hat jetzt die Initiative. Das ist noch kein Sieg, aber eine wichtige Bedingung, um den Sieg zu erreichen. Die Frage, wann die Initiative von den Russen auf die Ukrainer übergehen würde, stand schon länger im Raum. Jetzt ging es aber doch schneller als erwartet. 
Ist es denkbar, dass die Kreml-Truppen die Initiative zurückgewinnen?
Ich denke nicht. Auf russischer Seite gibt es schon länger ein Personalproblem: Die Ukraine kämpft mit deutlich mehr Soldaten, das Verhältnis ist etwa 3 zu 1. Dafür hatten die Russen bisher mehr Feuerkraft, Panzer und Artillerie. Nun sind aber zwei Dinge passiert: Erstens haben die Ukrainer lange eine Offensive auf Cherson im Süden angekündigt. Die Russen reagierten, indem sie zur Verteidigung Truppen ans Nordufer des Flusses Dnepr verlegten – was die Ukraine wiederum dazu nutzte, die Brücken hinter den Feinden zu zerstören.
Eine List...
Taktisch sehr klug. 20.000 bis 30.000 Mann sind vom Nachschub abgeschnitten, darunter viele Fallschirmjäger und Eliteverbände. Auch ein Teil der russischen Artillerie ist dort gebunden, und kommt da nicht mehr raus. Diese personelle und materielle Schwäche der Russen haben die Ukrainer dann – zweitens – für die Offensive im nordöstlichen Charkiw genutzt.

Ukraine hat die Initiative: „Wenn nichts grob Unvorhergesehenes passiert, gewinnt sie diesen Krieg“

Die ja überraschend erfolgreich war. Kiews Truppen konnten viel Gelände zurückgewinnen.
Und die Russen stark schwächen. Wir sprechen von 5000 Kriegsgefangenen, womöglich mehr. Viele andere flüchteten und ließen schweres Gerät zurück, das jetzt in Händen der Ukrainer ist. Die russische Front im Osten ist jetzt so ausgedünnt, dass sie nur noch schwer zu verteidigen ist. Die Russen sind nur bedingt abwehrfähig. Auch operative Reserven im Hinterland fehlen. Die Ukraine muss den Vorteil jetzt nutzen und braucht weiter Unterstützung aus dem Westen. Wenn nichts grob Unvorhergesehenes passiert, würde ich sagen: Sie gewinnt diesen Krieg.
Wie konnten sich die Russen so überlisten lassen?
Die Offensive im Nordosten war sehr gut vorbereitet. Interessanterweise haben russische Kriegsblogger früh davor gewarnt, die Militärführung hat daraus aber nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Möglich, dass die Aufklärung nur sehr unvollständig war und man nicht den ganzen Aufmarsch mitbekommen hat. Es kann aber auch sein, dass die Kommandokette es einfach verschlafen hat.
Welche Rolle haben westliche Waffen gespielt?
Eine große. Die deutschen Gepard-Panzer etwa, von denen die Ukrainer zwölf bis 15 haben, schließen wirklich eine Fähigkeitslücke des Militärs. Er ist geländegängig, hat einen guten Splitterschutz und eine starke, wiederholbare Feuerkraft, die gerade gegen russische Aufklärungsdrohnen von Nutzen ist. Das ist ein gutes System und die Ukrainer haben schnell gelernt, damit umzugehen.

Ukraine-Krieg vor der Wende? „Dann machen sich die Soldaten aus dem Staub“

Berlin ziert sich, mehr zu liefern, etwa Panzer vom Typ Marder. Würden sie der Ukraine in der jetzigen Situation helfen?
Natürlich würden sie helfen. Gepanzerter Transport von Infanterie ist ein wichtiges Thema für die Ukraine. Das kann der Marder und er ist zudem so sicher, dass man ihn auch an der Frontlinie einsetzen kann. Überhaupt gilt: Jeder Materialersatz ist für Kiews Truppen wichtig. Deutschland sollte liefern.
Wie schlagkräftig sind Moskaus Truppen noch?
Die Armee ist in einer sehr schlechten Verfassung. Viele Kräfte sind ganz einfach abgekämpft. Es gibt keine Rotationen, sie haben wenig Freizeit, das ist eine enorme psychische Belastung. Mit der Zeit ermüdet man. Das ist ein Teil der Erklärung für den schnellen Zusammenbruch. Dazu kommt, dass die Motivation eine andere ist. Wenn ich mein eigenes Land verteidige, kämpfe ich anders, als wenn ich Besatzer und deshalb nicht willkommen bin. Und dann ist da noch die militärische Führung... 
... die oft als schwach kritisiert wird...
Die russischen Kommandeure laufen immer der Lage hinterher, sie treffen Entscheidungen viel zu langsam. Das zieht sich durch den ganzen Krieg, vom Kampf um Kiew bis zur jetzigen Offensive. Die ukrainischen Offiziere sind besser als die russischen, sie sind flexibler, schneller, aggressiver und nutzen ihre Chancen besser. Wenn die Front wie jetzt nicht mehr statisch ist, sondern in Bewegung gerät, zählt genau das. Die schwerfällige russische Kommandokette ist da enorm ineffektiv. Wenn die Soldaten sehen, dass ihre Kommandeure mit der Lage nicht zurechtkommen, machen sich die Leute aus dem Staub. 

Putin hat ein Problem: „Es knarzt heftig im Gebälk“

Der Druck vom Wochenende ist gerade raus. Was ist der nächste Schritt der Ukraine?
Zur Zeit ist sie damit beschäftigt, die Kräfte, die zuletzt in jede mögliche Lücke vorgedrungen sind, zu versorgen, neu zu sortieren, aufzutanken. Das dauert ein bisschen. Andererseits sehen wir schon wieder neue Kämpfe im Süden von Charkiw, auch starke Partisanentätigkeit im Rücken der Russen am Oskil, einem Fluss im östlichen Charkiw. Ob das systematische Angriffe sind, wo die Ukrainer genau stehen, lässt sich schwer sagen. 
Das große Ziel Kiews ist es, den Donbass und die Krim zurückzuerobern. Vor Kurzem war das noch undenkbar. Und jetzt?
Das hängt sehr davon ab, wie die Ukraine weiter vorgeht. Aber es schaut nicht schlecht aus, ich meine, der Donbass wäre jetzt durchaus möglich. Käme ein weiterer Angriff, wäre die alte Kontakt-Linie von 2014 die letzte stabile und auch mit wenigen Truppen gut zu verteidigende Stellung, auf die sich die Russen zurückziehen könnten. Dann müssten sich die Ukrainer überlegen, ob sie das Risiko hoher Verluste und vieler Toter eingehen will, um diese Linie einzunehmen. Wenn ich mir die Stimmung gerade anschaue, würde ich sagen: Ja. Aber es wird nicht einfach.
Die schlechten Nachrichten kommen auch in Russland an, die Kritik wächst. Sind das Störgeräusche oder wächst da eine Gefahr für Wladimir Putin?
Verlorene Kriege haben in Russland immer die Gefahr geborgen, dass es zu revolutionären Umstürzen kommt. So weit ist es sicher noch nicht, aber es knarzt heftig im Gebälk. Es gab ja schon vor diesem Krieg Unzufriedenheit mit Putin, vor allem auch wegen seiner Unfähigkeit, eine Nachfolge für sich zu organisieren. Alle fähigen Leute hat er kaltgestellt, sein Umfeld – Sergej Schoigu oder Dmitri Medwedew – wird in Russland nicht akzeptiert, weil alle wissen, dass das Kasperl sind. Putin dachte, mit einem schnellen Sieg und der Wiederherstellung des Sowjet-Imperiums könne er seine Macht konservieren. Jetzt steigt der Druck und im Land ist die Grundstimmung da, dass sich etwas ändern muss. Wie schnell das geht, ist aber eine andere Frage.

Ukraine-Krieg: Militärexperte Gustav Gressel erklärt Putins letzte Optionen

Aber ist ein unter Druck stehender Putin nicht besonders unwägbar? Manche fürchten, er könnte taktische, also kleine Nuklearwaffen einsetzen...
Das halte ich für relativ unwahrscheinlich. Eine taktische Atomwaffe würde an der Front wenig ändern, schon weil das ukrainische Militär relativ dezentral organisiert ist. Die jüngste Charkiw-Offensive hätte Putin mit einer Atomwaffe nicht gestoppt, dazu hätte es schon zehn oder zwanzig solcher Bomben gebraucht. Aber die Reaktionen auf so etwas wären verheerend, auch in Indien, China und anderen Moskau wohlgesonnenen Staaten. 
Bleibt nur die Generalmobilmachung...
Dafür gibt es jetzt ein Zeitfenster, deshalb drängt auch die Armeeführung so darauf. Putin ist aber ein Geheimdienstler, kein General – er sieht immer zuerst das innenpolitische Risiko. Und weite Teile der urbanen Elite in den Krieg zu schicken, wäre ein gewaltiges Risiko. Um eine Chance zu haben, die Ukraine noch zu besiegen, bräuchte es etwa anderthalb Millionen zusätzliche Soldaten. Auf die kommt Putin nur, wenn er komplett mobil macht und Reservisten einzieht. Die müssten aber erst ausgebildet werden und die Ukrainer könnten sich derweil vorbereiten. Die Mobilmachung ist also keine Knopfdruck-Option, sie birgt große Risiken.
Was bleibt ihm also?
Er könnte versuchen, die Niederlage als Sieg zu verkaufen und so etwas sagen wie: Wir haben das ukrainische Atomwaffenprogramm gestoppt. Das ist die aus seiner Sicht wahrscheinlichste Option.
Würden Sie orakeln? Wann endet dieser Krieg?
Dieses Jahr wird schwierig. Einige ukrainische Militärs munkeln, es könnte sich bis März ausgehen. Die Voraussetzungen dafür wären da. Wenn man sich noch mal anschaut, wie hochtrabend die imperialen Ambitionen der Russen waren, muss man sagen: Das, was die Ukrainer geschafft haben, ist für die europäische Sicherheit der größte Gewinn, seit Schabowski aus Versehen die Mauer aufgemacht hat. Wir können uns gar nicht glücklich genug schätzen, dass die Ukrainer sich so gut und tapfer geschlagen haben.

Interview: Marcus Mäckler

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