Besuch aus Afrika

Die geheimnisvolle Liaison des Neandertalers

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Oberschenkelknochen eines Neandertalers aus der Hohlenstein-Stadel Höhle. Foto: Wolfgang Adler/Museum Ulm

Die Beziehung zwischen Menschen und Neandertalern war offenbar komplexer als bisher vermutet. Die Analyse eines Oberschenkelknochens von der Schwäbischen Alb liefert überraschende Befunde - und löst ein altes Rätsel.

Tübingen/Jena (dpa) - Der Oberschenkelknochen eines Neandertalers wirft ein neues Licht auf die Ausbreitung der Menschen aus Afrika.

Ein internationales Forscherteam hat aus dem Knochen, der auf der Schwäbischen Alb entdeckt wurde, das Erbgut entschlüsselt - mit überraschenden Resultaten: Demnach hat eine Gruppe Urmenschen Afrika schon vor grob 300 000 bis 400 000 Jahren verlassen und sich dann in Europa mit Neandertalern vermischt. Bei den Urmenschen handele es sich entweder um den Homo sapiens oder eine damit sehr eng verwandte, bislang unbekannte Art, sagt Erstautor Cosimo Posth vom Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

"Wir können noch nicht genau sagen, wer diese Urmenschen waren." Nach bisheriger Lehrmeinung entstand der moderne Mensch (Homo sapiens) vor etwa 300 000 Jahren in Afrika. Vor rund 100 000 Jahren verließ er den Kontinent und breitete sich später um die Welt aus. Vor rund 40 000 Jahren erreichte er dann Europa, das damals von Neandertalern bewohnt war. Diese starben kurz nach Ankunft des Homo sapiens aus.

Das Team um Posth analysierte nun den Oberschenkelknochen, der aus der Höhle Hohlenstein-Stadel östlich von Ulm stammt. Dabei entschlüsselten sie die vollständige mitochondriale DNA (mtDNA). Diese DNA steckt in den Zellkraftwerken, den Mitochondrien, und wird nur über die mütterliche Linie vererbt - im Gegensatz zur DNA im Zellkern (nDNA), die Erbgut beider Elternteile enthält. Die im Fachblatt "Nature Communications" veröffentlichte Analyse ergab, dass der Knochen von einem Neandertaler stammt, der vor etwa 124 000 Jahren lebte.

Zudem zeigt der Erbgut-Vergleich mit modernen Menschen, anderen Neandertalern und in Zentralasien gefundenen Denisova-Menschen, dass die mtDNA Sequenzen von Urmenschen enthält, die mit dem Homo sapiens wesentlich enger verwandt waren als Neandertaler.

Ältere Neandertaler-Knochen, die aus der nordspanischen Höhle Sima de los Huesos stammen und etwa 430 000 Jahren alt sind, enthalten diese Sequenzen ebenso wenig wie Überreste von Denisova-Menschen, die eng mit Neandertalern verwandt sind. Daraus und aus dem Ausmaß der Erbgut-Veränderungen folgert das Team, dass Urmenschen irgendwann vor grob 300 000 bis 400 000 Jahren von Afrika nach Europa gelangten und sich mit Neandertalern vermischten.

Demnach enthält das bislang entschlüsselte mitochondriale Erbgut aller späteren Neandertaler - sowohl von der Schwäbischen Alb als auch aus dem 5000 Kilometer entfernten sibirischen Altai-Gebirge - Sequenzen der Urmenschen-DNA aus Afrika. Einzige bislang bekannte Ausnahme: die alten Funde aus Sima de los Huesos.

"Die Ergebnisse der Studie stimmen mit bisherigen Forschungsarbeiten großteils überein", kommentiert Faysal Bibi vom Museum für Naturkunde in Berlin. "Aber sie liefern deutlich mehr Details über die Beziehungen zwischen modernen Menschen und Neandertalern." Laut Bibi deuten die DNA-Spuren darauf hin, dass diese Kreuzungen zwischen dem - vermuteten - modernen Homo sapiens und Neandertalern noch vor der Zeit liegen müssen, aus der die ersten archäologischen Nachweise des modernen Menschen in Europa stammten.

"Die Schlüsselfrage ist deshalb: Wo soll das ganze passiert sein?", ergänzt Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung Menschliche Evolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Sowohl Hublin als auch Bibi halten es für wahrscheinlich, dass sich diese frühen Begegnungen in der Levante und dem Mittleren Osten abgespielt haben könnten.

Die Studie löst zudem ein Rätsel zur Datierung des letzten gemeinsamen Vorfahren von modernem Menschen und Neandertaler: Analysen von Zellkern-DNA deuteten bislang darauf hin, dass dieser Ahne vor etwa 600 000 bis 700 000 Jahren lebte. Dagegen gingen mtDNA-Studien - aufgrund von größeren Ähnlichkeiten dieser Art Genome - von einer wesentlich jüngeren Abspaltung aus: vor etwa 400 000 Jahren. Diese Ähnlichkeit geht demnach auf die nun entdeckte zwischenzeitliche Vermischung der aus Afrika zugewanderten Urmenschen und Neandertaler zurück.

Demnach wäre die Entwicklung der Menschenarten folgendermaßen abgelaufen: Vor etwa 600 000 bis 700 000 Jahren trennten sich die Linien von modernen Menschen und einer anderen Gruppe, die Afrika in der Folgezeit verließ. Aus dieser gingen dann in Eurasien Neandertaler und Denisova-Mensch hervor. Eine Gruppe von Urmenschen wanderte dann vor 300 000 bis 400 000 Jahren aus Afrika aus und vermischte sich mit Neandertalern. Der moderne Mensch verließ Afrika demnach - wie bislang angenommen - vor rund 100 000 Jahren.

MPI für Menschheitsgeschichte

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