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Pharmaforschung

Mangel an Versuchsaffen in Forschungseinrichtungen

Mangelware Versuchsaffe
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Ein Rhesusaffe (Macaca mulatta) im Außengehge des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen.

In der Pandemie sind Affen für die Forschung stark nachgefragt, aber knapp. Forscher befürchten Konsequenzen für die Zulassung von Medikamenten und Impfstoffen.

Washington/Göttingen (dpa) - Versuchsaffen für die Forschung kosten viel Geld, ihr Einsatz ist ethisch umstritten, und doch werden sie in der medizinischen Forschung oft als unverzichtbar angesehen.

In der Corona-Pandemie ist der Bedarf an Primaten sowohl in der akademischen als auch in der Pharmaforschung gewachsen. Doch eine wichtige Quelle für die USA und Europa ist versiegt: Seit China nach dem Beginn der Corona-Pandemie Wild- und Versuchstierexporte stoppte, werden auch keine Affen für Forschungszwecke mehr ins Ausland verkauft. Wissenschaftler befürchten Konsequenzen für die Zulassung neuer Medikamente und Impfstoffe.

„Was auf dem Spiel steht, ist eigentlich ziemlich klar: Sie brauchen diese Tiere, um fast alle Medikamente - auf jeden Fall alle Impfstoffe, über die wir jetzt reden - auf ihre Sicherheit und Wirksamkeit hin zu testen“, sagt Stefan Treue. Der Professor ist Sprecher der Informationsplattform „Tierversuche verstehen“ und Direktor des Deutschen Primatenzentrums (DPZ). „Wenn es nicht genug Tiere gibt, werden bestimmte Studien nicht durchgeführt werden können.“

Andererseits gilt auch: Corona hat die Entwicklung alternativer Methoden zu Tierversuchen befeuert. Forscher arbeiten an künstlichen Organmodellen, Computersimulationen und bildgebenden Verfahren, um im Kampf gegen das Virus voranzukommen. So lassen sich Versuche mit Lungen- oder Darmgewebe auf speziellen Chips vornehmen, wie der Neurobiologe Roman Stilling von „Tierversuche verstehen“ kürzlich erläuterte. „Mit diesen Instrumenten wurden und werden schon wichtige Erkenntnisse gewonnen – doch sie können das Immunsystem eines Gesamtorganismus derzeit noch nicht vollständig ersetzen.“

Der allergrößte Teil der medizinischen Forschung, auch bei Corona, findet demnach ohnehin schon mit Zellkulturen oder im Reagenzglas statt. Dilyana Filipova vom Verein Ärzte gegen Tierversuche bedauert, dass das staatliche Fördersystem in Deutschland diesen Trend nicht unterstütze. „Die Entwicklung tierversuchsfreier Forschung wird mit einem Prozent aller Gelder abgespeist.“

Für den in Europa und den USA beklagten Mangel an Versuchsaffen gibt es zwei Gründe: Zum einen ist wegen der Suche nach Impfstoffen und Medikamenten gegen Corona der Bedarf an Versuchsaffen gestiegen. Bei keinem der derzeit zugelassenen Impfstoffe wurde auf Versuche mit Affen verzichtet. Zum anderen hat China in Folge des Corona-Ausbruchs den Affenhandel mit dem Ausland im Januar 2020 eingestellt. Bis dahin stammten nach Angaben der Stiftung für Biomedizinische Forschung in Washington etwa 60 Prozent aller in die USA importierten Affen für Forschungszwecke aus China.

Das Primatenzentrum in Göttingen - eine außeruniversitäre, öffentlich geförderte Forschungseinrichtung - züchtet die meisten Tiere, die es für die Grundlagenforschung braucht, selbst und stellt diese auch anderen akademischen Forschungseinrichtungen in Deutschland zur Verfügung. Das macht das DPZ weitgehend unabhängig. Dennoch sind die Auswirkungen durch den Exportstopp der Chinesen zu spüren. „Weil durch die Forschung im Zusammenhang mit Corona natürlich auch unser Bedarf gestiegen ist“, sagt Treue. „Normalerweise hätten wir in so einem Fall zusätzliche Tiere für unsere Forschung importiert, das ist im Moment aber nicht möglich.“ Auch im Fortpflanzungszyklus sind die Affen den Menschen ähnlich - deshalb können die Zuchtzahlen nicht einfach von heute auf morgen erhöht werden.

Auch andere Länder wie Mauritius, die Versuchsaffen exportieren, gäben an, dass ihre Kapazitäten erschöpft seien, sagt Treue. Der Großteil der Versuchsaffen bundesweit werde für die Forschung in der Industrie eingesetzt. Im Jahr 2019 wurden laut Bundeslandwirtschaftsministerium insgesamt zwei Millionen Wirbeltiere und Kopffüßer wie Kraken in Tierversuchen eingesetzt, darunter knapp 3300 Affen und Halbaffen. Menschenaffen werden in Deutschland seit 1992 nicht mehr verwendet. In der EU machen Affen nach Angaben der Europäischen Tierversuchsvereinigung EARA weniger als ein Prozent an allen für die Forschung verwendeten Tieren aus.

Versuche mit Affen gehören zu den umstrittensten Tierversuchen. Immer wieder gibt es Vorwürfe, dass solche Tiere unnötig für einen mageren Erkenntnisgewinn gequält werden. Zumindest der stellvertretende Direktor und leitende Veterinärmediziner Skip Bohm vom Primatenzentrum Tulane im US-Bundesstaat Louisiana ist überzeugt, dass sie bei zahlreichen Studien unverzichtbar sind. „In jedem Jahr deckt das Angebot nur knapp die Nachfrage. Aber ein Notfall wie eine Pandemie treibt es auf die Spitze.“ Weil der Bekämpfung der Pandemie Vorrang eingeräumt wurde, seien Tiere aus anderen Forschungsbereichen abgezogen worden, um sie für die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten einzusetzen.

In den USA gibt es insgesamt sieben Primatenzentren. Die wichtigste Behörde für biomedizinische Forschung im Land, die National Institutes of Health (NIH), gründete sie Anfang der 1960er Jahre. Tulane allein verfügt über 5000 Tiere. Einige Leute nähmen an, dass das ausreichen sollte, um alle Experimente zum Coronavirus durchzuführen, sagt Bohm. Doch zu bedenken sei, dass zugleich die Zucht aufrechterhalten werden müsse - nur ein Teil der Tiere stehe daher für Versuche zur Verfügung.

Auch in China selbst sind Versuchsaffen rar geworden. Die Nachfrage sei schon vor der Pandemie groß gewesen und habe nun noch mal stark zugelegt, sagt Wang Hui, Verkäufer des Pekinger Unternehmens Prima Biotech, das Affen und Hunde für wissenschaftliche Forschung züchtet. „Viele große Unternehmen kaufen Affen in sehr großen Mengen.“ Die Preise seien stark gestiegen, schon vor der Pandemie hätten sie bei rund 20.000 Yuan (umgerechnet 2570 Euro) gelegen. „Heute ist es mehr“, sagt Wang, nennt aber keine konkrete Zahl. Laut chinesischen Presseberichten müssen heute rund 60.000 Yuan, umgerechnet 7700 Euro, für einen Versuchsaffen ausgegeben werden.

Die Tierversuchsvereinigung EARA forderte die Weltgesundheitsorganisation im November auf, auf China einzuwirken, um den Exportstopp von Primaten für die biomedizinische Forschung zu lockern. Das Außenministerium in Peking begründet die Aufrechterhaltung weiterhin mit der Pandemie. Sobald sich die internationale Lage bessere, werde China „aktiv“ die Wiederaufnahme der Import- und Exportgenehmigung in Betracht ziehen, hieß es.

Es sei davon ausgehen, dass China eher aus wissenschaftspolitisch-strategischen Überlegungen heraus so zögerlich sei, ist hingegen Stefan Treue von „Tierversuche verstehen“ überzeugt. „Mein Eindruck ist, dass den Chinesen klar geworden ist, dass sie ihre eigene biomedizinische Forschung noch stärker auf Weltniveau bringen wollen.“ Für die USA und Europa solle das Anlass sein, über die Vergrößerung der Zuchtkapazitäten nachdenken. Denn auf die Tierversuche sei man nun einmal angewiesen.

© dpa-infocom, dpa:210516-99-615392/2

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