Olympia-Aus: Pechsteins Hoffnungen zerstört

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Claudia Pechstein

Hamburg - Schluss, Ende, Aus: Claudia Pechstein hat den monatelangen juristischen Marathon um ihren sechsten Olympia-Start endgültig verloren.

Die Schweizer Bundesrichter zeigten der Berliner Eisflitzerin am Dienstag die kalte Schulter: Sie lehnten den Eilantrag der Anwälte der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin ab und raubten ihr auch im Hinblick auf das Hauptverfahren jegliche Illusionen. Pechstein bleibt damit die erste Athletin, die mit indirektem Beweis aufgrund auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt ist. Bundes- Richterin Kathrin Klett begründete ihre Entscheidung damit, dass der Berlinerin auch im Hauptsache-Verfahren keine Chancen auf Erfolg eingeräumt würden.

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Alberto Contador erklärte seine positive Doping-Probe mit verunreinigtem Essen. Er wurde daraufhin freigesprochen. Es ist nicht die erste merkwürdige Erklärung in der Geschichte des Dopings. © AP
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-Sprinter Dennis Mitchell nutzte seinen positiven Dopingbefund, um sich als Sexprotz zu outen. Das viele Testosteron komme von einer wilden Partynacht, in der er seine Frau verwöhnt habe. „Fünf Flaschen Bier und mindestens vier Mal Sex mit seiner Frau. Es war ihr Geburtstag. Die Lady hatte es verdient“, so lautete sein Statement. © Getty
Der Klassiker: Wer hat die Dopingmittel in Dieter Baumanns Zahnpastatube deponiert? © ots/dpa/Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Adrian Mutu: Der rumänische Fußballspieler sagte 2004 nach einer positiven Dopingprobe, er habe lediglich ein Mittel zur “Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit“ genommen. Zuvor hatte er zugegeben, Kokain genommen zu haben, dieses Geständnis wenige Tage später jedoch widerrufen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Die Lebensmittelvergiftung der anderen Art: Ex-Sprinter Linford Christie beteuert: „Ich habe nicht gedopt, ich habe nur Avocados gegessen!“ © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Die wohl abgefahrenste Ausrede für Blutdoping hatte Radsportler Tyler Hamilton: “Ich bin ein Mischwesen. Die fremden Zellen in meinem Körper werden von den Stammzellen meines vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert." © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Gefährliche Mitbringsel: Die aus Südamerika importierten Bonbons sollen mit Koks verseucht gewesen sein, meint Straßenrad-Star Gilberto Simoni. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Johann Mühlegg soll eine Spezial-Diät gemacht haben, wegen der in seinem Kreislauf eine EPO-ähnliche Substanz nachgewiesen wurde... © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Auf den Hund gekommen: Frank Vandenbroucke behauptete, als bei ihm Anabolika und EPO sichergestellt wurden, die Mittel seien für seinen asthmakranken Hund bestimmt gewesen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Justin Gatlin gab einem Masseur die Schuld. Der soll ihn nämlich mit einer testosteronhaltigen Salbe bearbeitet haben. Es soll sich sogar um eine fiese Retourkutsche des Profikneters gehandelt haben, meint Gatlin. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Christian Henn, ehemals Radprofi, wollte eigentlich nur der eigenen Libido auf die Sprünge helfen. Ein Spezialtee wurde ihm zum Verhängnis. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-T-Mobile-Fahrer Matthias Kessler nahm angeblich Präparate zu sich, auf denen chinesische Schriftzeichen standen. Nur doof, dass er kein Chinesisch kann. © Getty
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Zu tief ins Glas geschaut und damit den Testosteronspiegel erhöht. Floyd Landis schiebt‘s auf den Whiskey  © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Keiner war über einen positiven Dopingtest so verwundert wie Patrik Sinkewitz: "Ich? Das kann nicht sein", wunderte er sich. Und das ist noch nicht mal eine Ausrede...  © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Martina Hingis, die Schweizer Version von Zahnpasta-Dieter Baumann: Jemand soll ihr Koks in den Fruchtsaft gemischt haben. Sieht ja auch aus wie Süßstoff... © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-Radprofi Rolf Aldag gibt dem System die Schuld. Ohne EPO-Missbrauch hätte er im T-Mobile-Team keinen neuen Vertrag bekommen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Erik Zabel sagte, er habe nur einmal EPO probiert. Die Substanz habe aber nicht mit seinem Körper und Geist harmoniert. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Jan Ullrich ließ sich in einer Disco Ecstacy andrehen. „Ulle“ schluckte die Tabletten, ohne sich dabei etwas gedacht haben zu wollen. “Ich war den Abend ziemlich mies drauf. Das waren zwei Tabletten, wo mir bestätigt wurde, (...) und dass das eigentlich harmloses Zeug ist.“ Wer ihm die Tabletten gab, sagte er nicht. “Zu den Tabletten kann ich gar nichts sagen, ich kenn' kein Ecstasy. Ich weiß nicht wie das aussieht. Ich bin um die Ecken gezogen und war in verschiedenen Läden. Ich möchte keinen Unschuldigen da mit reinziehen.“ © Getty
400-Meter-Olympiasieger LaShawn Merritt wurde nach positiven Dopingproben gesperrt. Die positiven Tests ließen sich mit der Einnahme eines frei erhältlichen Produkts zur Vergrößerung des männlichen Geschlechtsteils erklären, sagte sein Berater. © dpa
Claudia Pechstein: “Ich weiß nun, dass ich eine Blutmacke habe, aber nicht krank bin“, sagte die Eisschnellläuferin. Die Sportlerin war 2009 wegen auffälliger Blutwerte gesperrt worden. Später erklärten Ärzte, ein von ihrem Vater vererbter Gen-Defekt sei für die hohen Retikulozyten-Werte verantwortlich. © dpa
Ivonne Kraft: Den positiven Test auf das Asthma-Mittel Fenoterol erklärte die Mountainbikerin 2007 mit einer explodierten Sprühflasche. Ihre Mutter habe Asthma-Spray benutzen wollen, dann sei die Flasche explodiert und sie habe die Substanz offenbar eingeatmet. © Getty

“Mich wundert in diesem Fall nichts mehr. Ich bin mir trotzdem zu 100 Prozent sicher, früher oder später vollumfänglich rehabilitiert zu werden“, meinte Pechstein gefasst. “Alle, die an mich glauben und mich unterstützen, können gewiss sein, dass sie mich auf jeden Fall nochmals auf dem Eis wiedersehen werden“, konterte die 37 Jahre alte Berlinerin alle Gerüchte über ein sofortiges Karriereende.

“Die Zeit der Spekulationen ist vorbei. Für Vancouver herrscht Klarheit. Ich hoffe sehr, dass sich jetzt die Aufmerksamkeit und der Enthusiasmus der Öffentlichkeit auf die nominierten Athleten und den Sport konzentrieren“, erklärte DOSB-Präsident Thomas Bach, räumte aber ein: “Wir verkennen natürlich nicht die menschliche Situation der Athletin und bleiben mit Claudia Pechstein im Gespräch.“ Das Urteil erlöst nun zumindest den DOSB-Präsidialausschuss von einer pikanten Aufgabe in Sachen Olympia-Nominierung.

Armin Baumert, Vorstandsvorsitzender der Nationalen Anti-Doping- Agentur NADA, sieht in dem Urteil eine Stärkung der Sportgerichtsbarkeit. “Die Sportwelt sieht an dieser Entscheidung, dass die Autonomie der Sportgerichtsbarkeit respektiert werden muss. Das Urteil ist ein Signal, dass sich allein aus Kommentierungen von verschiedenen Seiten keine einhellige Meinung ableiten lässt“, sagte Baumert der dpa. Die Richter hätten mit Sicherheit alles abgewogen, sie ließen sich von niemandem unter Druck setzen.

Pechsteins Anwälte konzentrieren sich nach der juristischen Niederlage nun auf ein Revisionsverfahren vor dem Sportgerichtshof, für das der Antrag beim Bundesgericht bis Anfang März eingereicht werden muss. Der CAS hatte am 25. November Pechsteins Sperre durch den Eislauf-Weltverband ISU bestätigt. Im Hauptsacheverfahren vor dem Bundesgericht stehen ihre Chancen nach dem Urteil vom Dienstag denkbar schlecht. Es scheint überhaupt fraglich, ob es überhaupt noch zu einer Anhörung im Hauptsacheverfahren kommen wird. Vor dem Bundesgericht hatten Pechsteins Anwälte nur noch Verfahrensfehler des CAS reklamieren können.

“Die Entscheidung kommt leider nicht überraschend“, sagte Pechsteins Anwalt Simon Bergmann. Es zeige sich gerade an diesem Fall, dass die Sportgerichtsbarkeit reformiert werden müsse. “Es kann nicht sein, dass die beiden einzigen Tatsachen-Instanzen vor von Interessen geleiteten Schiedsgerichten stattfinden und die erste neutrale Instanz die Urteile nur noch auf schwerwiegende Verfahrensfehler überprüft. Der Sportler erhält hierdurch kein faires Verfahren und muss selbst erkennbar falsche Urteile mit schwerwiegenden Folgen hinnehmen“, sagte Bergmann weiter.

Im Revisionsverfahren wollen die Anwälte durch die angestrebte Wiederaufnahme des Verfahrens doch noch die Aufhebung der Sperre erreichen. Bisher hat es aber nur einen Fall gegeben, in dem es vor dem CAS zur Wiederaufnahme eines Verfahrens kam. Dabei wurden die Ein-Jahres-Sperren gegen die italienischen Fußball-Profis Daniele Mannini und Davide Possanzini, die zu spät bei einem Doping-Test erschienen, aufgehoben. In Pechsteins Revisisonsantrag sollen neue Erkenntnisse zu ihrer Blutanomalie im Mittelpunkt stehen, die zum Zeitpunkt der CAS-Verhandlung noch nicht bekannt waren. Ob das Bundesgericht dem Antrag stattgibt, scheint indes mehr als fraglich.

“Wir müssen diese Entscheidung zur Kenntnis nehmen. Das ist überaus bedauerlich für Claudia Pechstein“, sagte Gerd Heinze, der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESG zu dem Richterspruch, fügte jedoch hinzu: “Wir haben weiterhin große Probleme mit dieser Art der Rechtsprechung. In Kenntnis des Sachverhaltes bleibe ich persönlich an Claudias Seite. Aber Fakt ist, dass ihre sportliche Zielsetzung Olympia endgültig zerstört ist.“

Auch im Trainingslager des deutschen Teams in Erfurt wurde die Entscheidung mit gemischten Gefühlen aufgenommen. “Das ist eine Tragik ohne Ende, denn es gibt einfach zu viele Fragezeichen in dieser Geschichte. Aber wenn sie die einzige ist, die da über die Klinge springen muss, wäre das ein Wahnsinn“, meinte Bundestrainer Markus Eicher. Teamchef Helge Jasch verwies auf die aus seiner Sicht verwirrende Rechtslage: “Man kann bei den Gerichten gar nichts mehr abschätzen, es gab da so viele unerwartete Dinge in alle Richtungen“.

dpa

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