Pechstein bricht Schweigen - Laborchef: kein Präzedenzfall

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Claudia Pechstein beim Training in Berlin (09.07.2009)

Berlin - Claudia Pechstein bricht ihr Schweigen, Experten streiten weiter um die Bewertung der komplizierten Doping-Affäre um die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin.

Die wegen auffälliger Blut-Werte gesperrte Berlinerin brach schon nach fünf Tagen ihr Schweigegelübde und beklagte sich am Montag auf ihrer Homepage über eine Behauptung des Frankfurter Doping-Experten Klaus Pöttgen. Der medizinische Direktor des Ironman-Triathlons hatte ihr in einem Zeitungs-Interview unterstellt, sie habe im März 2007 einmal auch den zulässigen Grenzwert für Hämoglobin von 16,0 überschritten.


"Bis zu meiner noch nicht terminierten Pressekonferenz habe ich mir ja eigentlich selbst einen Informations-Stopp auferlegt. Wenn allerdings die Blutwerte meiner Dopingkontrollen falsch interpretiert werden, dann muss ich mich doch zur Wort melden. Denn mit jeder Falschmeldung wird meine Reputation weiter zerstört, das ist für mich ein nicht akzeptabler Zustand", schrieb Pechstein. "Der von der ISU festgelegte Hämoglobin-Grenzwert von 16,5 wurde bei dieser Messung am 1. März 2007 nicht überschritten. Er lag bei 16,1", stellte Pechstein klar. Weitere Aussagen Pöttgens interpretierte sie wie folgt: "Die ISU unterstellt mir seit dem Jahr 2000 Blutdoping, und Klaus Pöttgen gibt durch die Blume zu verstehen, dass ich selbst sieben Jahre später noch nicht gewusst habe, wie es richtig funktioniert... Da habe ich das Gefühl, dass Herr Pöttgen durchaus Zweifel an der Theorie der Pechstein-Jäger aufwerfen wollte. Doch leider hat er neben dieser Einschätzung den Bock mit der Hämoglobingrenze geschossen. Denn, dass diese bei der ISU 16,5 beträgt, ist ihm verborgen geblieben."

Bezug nehmend auf Äußerungen von Experte Fritz Sörgel, der vermutet, dass Pechsteins Daten "nur durch ein perfektes System der Verschleierung zu erklären wären", schlussfolgert die Olympiasiegerin: "Ich müsste über fast ein Jahrzehnt lang noch raffinierter und krimineller als sämtliche Dopingsünder des Radsports gewesen sein." Indes geht der Chef des Anti-Doping-Labors Kreischa, Detlef Thieme , davon aus, dass die Affäre um die mit keinem positivem Befund gesperrte Hauptstädterin nicht als Präzedenzfall in der Berufungs-Verhandlung beim Internationalen Sportgerichtshof CAS dienen kann. "Für einen Präzedenzfall scheint mir Pechstein nicht gut geeignet, weil der Fall möglicherweise nicht repräsentativ ist", erklärte der Rechtsmediziner der "Sächsischen Zeitung" (Montag).


Der Internationale Eislauf-Verband ISU werde sich sicher gut überlegt haben, ob seine Daten für eine Sperre der Olympiasiegerin reichen. "Gewarnt sind sie durch den Fall der Sprinterin Katrin Krabbe, die wegen einer wissenschaftlich begründeten, aber juristisch anfechtbaren Sperre eine erhebliche Abfindung vom Internationalen Leichtathletik-Verband bekam", sagte Thieme. Der Chef des von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA akkreditierten sächsischen Anti-Doping-Labors wies darauf hin, dass sich seit Jahren die Verbände im Radsport, Biathlon und Eisschnelllauf mit dem Problem auffälliger Veränderungen von Blutwerten beschäftigen. "Ein wenig bekannter Athlet wäre für ein Grundsatzurteil sicher besser gewesen, mit weniger Nebengeräuschen", sagte Thieme. "Mehrere Verbände stehen mit typischen Fällen in Habachtstellung und erwarten ein Grundsatzurteil."

Der Nürnberger Doping-Experte Fritz Sörgel unterstrich noch einmal, dass ihm in seiner medizinischen Praxis so hohe Retikulozyten-Werte wie bei Pechstein ohne Medikamenteneinnahme noch nie begegnet seien und schlussfolgerte in der "Westdeutschen Zeitung": "Im Fall Pechstein wäre es vorwiegend Epo-Doping. Ich kann mir keine Krankheit vorstellen, die dafür infrage kommt."

Auf die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit sei, dass Pechstein gedopt habe, antwortete Sörgel: "Gering ist sie nicht. Das Problem ist: Der Effektwert fehlt. Bei Frau Pechstein waren Hämoglobin, also der rote Blutfarbstoff, und Hämatokrit niedrig." Daher schlussfolgert Sörgel: "In diesem Fall zwei Jahre zu sperren, da bekomme ich kalte Füße. Wenn es Doping war, dann in Kombination mit einer perfekten Vertuschung." Sörgel unterstellte der ISU , vorschnell gehandelt zu haben. "Da waren einige zu schnell begeistert von dem, was sie gefunden haben. Der Reiz, es einmal darauf ankommen zu lassen, war für die Funktionäre anscheinend hoch, vielleicht zu hoch."

Von Frank Thomas, dpa

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