BMW-Finanzvorstand: Ende des Euro wäre Katastrophe

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Der BMW-Finanzvorstand Friedrich Einier warnt davor, den Euro aufzugeben.

München - Der BMW-Finanzvorstand Friedrich Eichiner warnt davor, den Euro aufzugeben: Die Deutsche Wirtschaft wäre ohne die Gemeinschaftswährung nicht so stark geworden. Das Ende des Euro wäre eine Katastrophe.

BMW hat ein Rekordjahr hinter sich und will sich auch in der Euro-Krise behaupten. Über die Pläne für 2012 und die weitere Zukunft des Konzerns sprachen wir mit Finanzvorstand Friedrich Eichiner.

Sie sind im abgelaufenen Jahr von Rekord zu Rekord geeilt. Gibt es nichts, was das Bild trübt?

2011 war mit über 1,6 Millionen verkauften Fahrzeugen das beste Jahr in unserer Unternehmensgeschichte. BMW, Mini und Rolls-Royce haben jeweils einen Absatzrekord erzielt. Sie sehen, es gibt viel Positives zu berichten. Im März werden wir die Finanzzahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr veröffentlichen.

So viel ist ja schon bekannt: BMW bleibt beim Absatz die Nummer eins. Sie waren ja lange Zeit der Jäger. Wie fühlt man sich, wenn man gejagt wird? Mercedes und Audi haben enormen Ehrgeiz.

Wir sehen das sportlich. Wettbewerb belebt das Geschäft. Ohne ihn wären wir auch nicht auf dem Niveau, auf dem wir heute sind. Und natürlich ist es unser Anspruch, auch in Zukunft der weltweit führende Premiumhersteller zu bleiben.

Wie gehen Sie in ein Jahr, das mit vielen Fragezeichen versehen ist?

Wir müssen uns auf Volatilität und damit auf verschiedene Szenarien einstellen. So halten wir uns Chancen offen, sind aber auch in der Lage, schnell zu reagieren. Wir haben das 2008 nach der Lehman-Krise erlebt, als wir ganz kurzfristig die Produktion radikal reduzieren mussten. So haben wir verhindert, dass Geld verbrannt wird. Eine solche Situation ist nicht ausgeschlossen, wenn es auf den Finanzmärkten wieder zu ähnlichen Verwerfungen kommt. Aktuell spüren wir aber kein solches Szenario, wie wir es 2008, 2009 erlebt haben.

Wie kämen Sie damit heute zurecht?

Es kommt darauf an, wie scharf eine mögliche Krise wäre. Grundsätzlich sind wir heute um ein Vielfaches besser aufgestellt. Wir haben eine deutlich solidere Finanzposition mit fast elf Milliarden Euro Liquidität. Dazu haben wir uns erst kürzlich eine Kreditlinie über sechs Milliarden Euro gesichert. Und wir verfügen heute über das jüngste Produktportfolio. Das ist ebenfalls ein Vorteil. Insgesamt rechnen wir mit einer konjunkturellen Abschwächung, aber nicht mit einer Rezession.

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Beim letzten Mal half die Kurzarbeit. Der Staat hat Geld ausgegeben, um die Krise abzufedern. Die Möglichkeiten sind ja so nicht mehr da.

Wir haben ein flexibles Produktionssystem, das wir stufenweise anpassen können: Schichtmodelle ändern, Arbeitszeitkonten nutzen. Die sind voll, weil in den letzten Jahren sehr viel gearbeitet wurde. So haben wir Vorsorge getroffen und können atmen.

Haben Sie schon eine Prognose für 2012?

Für eine detaillierte Prognose ist es noch zu früh. Insgesamt blicken wir trotz des volatilen Umfelds zuversichtlich auf das neue Jahr und gehen davon aus, dass wir auch 2012 wachsen werden. Während der europäische Markt voraussichtlich stagnieren wird, dürften sich die Märkte in Asien – allen voran China – und auch in Nordamerika positiv entwickeln. Die ersten Indikatoren im Januar bestätigen diese Einschätzung. Damit können wir unsere Ziele erreichen.

Der Euro ist derzeit eher schwach. Das ist doch für ein Unternehmen, das vorwiegend in der Eurozone produziert, aber außerhalb verkauft, vorteilhaft.

Derzeit ist der Euro aus unse-rer Sicht fair bewertet. Er schwankt um den Gleichgewichtskurs, bei dem die Warenkörbe diesseits und jenseits des Atlantik etwa den gleichen Wert haben. Das ist unser Maßstab. Erst wenn der Euro unter 1,28 Dollar fallen würde, hätten wir eine wirklich schwache Währung.

Was würde es für Sie bedeuten, wenn der Euro scheitert und nationale Währungen zurückkommen? Mit Wolfgang Reitzle hat das ein Unternehmenschef, der früher BMW-Vorstandsmitglied war, nicht mehr ausgeschlossen.

Es wäre für Deutschland und auch für uns das schlimmste denkbare Szenario. Das würde zu einer erheblichen Aufwertung unserer Währung führen mit allen Konsequenzen. Etwa einer deutlichen Verteuerung der Exporte. Wir sehen das ja in der Schweiz. Und das hätte irgendwann auch negative Beschäftigungseffekte. Aber ich sehe in diesen Aussagen von Reitzle kein Plädoyer für eine Rückkehr zur D-Mark. Ich habe sie anders verstanden: Man dürfe eine Alternative nicht ausschließen, wenn der Euro nur zu einem Preis gerettet werden könnte, den man nicht mehr tragen kann. Eines muss uns Deutschen klar sein: Wir profitieren vom Euro. Unsere Wirtschaft wäre ohne den erheblichen Beitrag der Gemeinschaftswährung nicht so stark geworden. Wir haben viel zu verlieren, wenn wir den Euro verteufeln oder aufgeben.

Sie müssen auf alle möglichen Szenarien vorbereitet sein. Ist ein Scheitern des Euro bei Ihnen auf dem Bildschirm?

Wir schauen uns natürlich alle möglichen Szenarien an, halten aber ein Scheitern des Euro für unwahrscheinlich. In diesem Fall würden wir aufgrund des Aufwertungsdrucks gezwungen sein, unsere Kostenstrukturen anzupassen und uns die einzelnen Produktionsstandorte genau anzusehen. Das ist aber alles nur hypothetisch. Wir sind der Meinung, dass eine Rückkehr zu den nationalen Währungen keine Alternative wäre, sondern ein katastrophaler Rückschritt. Es käme zu Abschottungen, nationalen Grenzen und womöglich Zöllen.

Die Frage, wo Produktion hingeht, hat für den Raum München existenzielle Bedeutung. Würden Sie Arbeitsplätze in die USA oder nach China verlagern?

Ich nehme für unser Haus in Anspruch, dass wir ein starkes Bekenntnis zum Standort Deutschland abgegeben haben: Wir produzieren weit über 60 Prozent unserer Fahrzeuge in Deutschland, verkaufen hier aber nur 18 Prozent. Wir haben unsere administrativen Funktionen hier, den Vierzylinder und das Forschungs- und Innovationszentrum. Und wir haben das Werk Leipzig aufgebaut. Allein im vergangenen und in diesem Jahr werden wir über zwei Milliarden Euro in die deutschen Standorte investieren. Wir sehen in Deutschland viele Vorteile: Hoch qualifizierte Mitarbeiter, die uns helfen, Premiumfahrzeuge zu entwickeln und zu produzieren. Man kann Kostennachteile auch über Produktivitätssteigerungen kompensieren.

Sie haben erstmals seit mehreren Jahren wieder über 100 000 Beschäftigte. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Im vergangenen Jahr haben wir rund 4000 neue Mitarbeiter eingestellt. Wir werden insbesondere in den Zukunftstechnologien weiterhin Mitarbeiter brauchen. Unser Unternehmen, aber auch die ganze Industrie, steckt mitten in einem Veränderungsprozess. Die Herausforderungen infolge der anspruchsvollen Umweltziele in Europa, in den Vereinigten Staaten und in China führen dazu, dass wir völlig neue Technologien entwickeln müssen. Dafür suchen wir unter anderem nach engagierten Ingenieuren. Wenn das Unternehmen in der Lage ist, zu wachsen, wird die Beschäftigung ein Stück mitwachsen.

Sie setzen auf Elektromobilität. Ist das nicht ein Risiko? Es ist noch nicht absehbar, ob die Kunden das wollen.

Wie immer müssen sich neue Technologien erst durchsetzen. Die ersten Fahrzeuge, die wir jetzt sehen, sind keine originären Elektrofahrzeuge. Man nimmt ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor und baut es um. Wir sind einen Schritt weiter gegangen und haben mit dem BMW i3 ein Auto speziell für den Elektroantrieb komplett neu entwickelt – sozusagen „born electric“. Dadurch kann man mehr Funktionalitäten anbieten. Das Fahrzeug hat dank seines revolutionären Leichtbaukonzepts auch deutlich weniger Gewicht als herkömmliche Fahrzeuge mit Elektromotor. Das hat auch Vorteile bei der Reichweite und Agilität.

Wie wirkt sich das aus?

Man spürt das sofort, wenn man so ein Fahrzeug fährt. Das macht enorm viel Spaß. Es ist völlig leise, und man kann trotzdem mit hoher Dynamik fahren. Man muss nicht mehr zu einer Tankstelle, sondern nutzt zuhause die Steckdose. Trotzdem ist man mobil, vor allem im urbanen Umfeld. In den Urlaub wird man vielleicht noch mit einem anderen Auto fahren. Aber wir glauben, dass der Trend unumkehrbar ist. Was wir nicht wissen, ist, wie schnell er kommt.

Kann ein Elektrofahrzeug ähnliche Emotionen auslösen wie ein Auto mit Verbrennungsmotor?

Davon bin ich überzeugt. Es sind ja keine Autos, in denen man auf etwas verzichten muss. Wer glaubt, diese Fahrzeuge seien weniger dynamisch, wird überrascht sein. Das Drehmoment steht von Anfang an zur Verfügung. Und viele Menschen werden Elektrofahrzeuge wollen, weil Nachhaltigkeit zu ihren Werten gehört. Auch da findet ein Wandel statt.

Bedeutet das, dass Sie künftig andere Leute brauchen? Elektroingenieure statt Fahrzeugtechniker?

Wir brauchen beides. Prognosen gehen davon aus, dass 2020 bestenfalls zehn Prozent Plugin-Hybride oder Elektrofahrzeuge verkauft werden. Das heißt, dass immer noch über 90 Prozent mit einem Verbrennungsmotor fahren. Auch die müssen trotz aller Fortschritte noch deutlich effizienter werden. Es reicht nicht, nur auf das Elektrofahrzeug zu setzen. Wir müssen auch die Potenziale moderner Diesel- und Benzinmotoren ausschöpfen.

Ich stelle mir einen 16-Jährigen vor, der sich noch nicht für einen Beruf entschieden hat, aber gern bei Ihnen arbeiten würde. Welchen Ausbildungsweg würden Sie ihm empfehlen?

Er hätte gute Chancen, wenn er sich naturwissenschaftlich orientiert und Ingenieur wird. Wir sehen derzeit einigen Bedarf im Bereich Elektrotechnik. Auch das Thema Leichtbau wird immer wichtiger. Aber auch der Maschinenbau spielt weiterhin eine wichtige Rolle.

Sie müssen als Finanzvorstand die Visionen anderer auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Doch jetzt erwarte ich eine Vision von Ihnen. Wo wird BMW in 30 Jahren stehen?

BMW wird auch in 30 Jahren noch ein sehr erfolgreicher Automobilhersteller sein. Beim Bedürfnis der Menschen nach individueller Mobilität dürfte sich jedoch einiges ändern: Es wird Menschen geben, die Fahrzeuge nur noch zeitweise nutzen wollen. Viele wollen auch die richtige Kombination mit anderen Verkehrsträgern haben, um schnell von A nach B zu kommen. Künftig werden neben Produktion und Verkauf also auch entsprechende Dienstleistungen für den Erfolg entscheidend sein. Darauf stellen wir uns ein.

Interview: Martin Prem

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