"Wofür sitzen Sie eigentlich hier"?

Bahn: Der große Wahnsinn aus Sicht eines Mitarbeiters

+
Der ganz normale Wahnsinn - aus der Sicht eines DB-Angestellten.

München - Dass es bei der Bahn mitunter chaotisch bis kurios zugeht, ist nicht neu. Wie aber sieht der Spaß aus der Perspektive der Mitarbeiter aus? Andreas Schorsch hat es in seinem neuen Buch festgehalten.

Welcher Bahnreisende kennt das nicht: Man will eigentlich nur mit dem Zug von A nach B. Aber immer kommt irgendetwas dazwischen, seien es nun technische Probleme oder das eigene Unvermögen, aus dem sicherlich mit Absicht verschlüsselten Automaten das richtige Ticket zu ziehen. Was nun? Ganz klar, die Technik hat versagt, also muss nun doch ein Mensch her. Hinter der Scheibe, über der ein großes Schild verheißungsvoll "DB-Service-Point" verkündet, sitzt schon einer. Dem werde ich jetzt aber was erzählen, denkt sich wohl manch einer und sprintet auf den Glaskasten zu.

Andreas Schorsch: "Wofür sitzen Sie eigentlich hier? Geschichten vom DB-Service-Point" Wilhelm Goldmann Verlag8,99 Euro

Mit einem haben die Reisenden allerdings nicht gerechnet: Andreas Schorsch. Er ist der Mann, der hinter der Scheibe sitzt. Und das seit mehr als 30 Jahren. Ihn kann so schnell wohl nichts mehr schockieren: Randalierende Fußballfans? Nackte Flitzer in der Bahnhofshalle? Alles schon gesehen. Er sei DB-Mitarbeiter aus Leidenschaft, heißt es im Klappentext zu dem launigen Buch, das Andreas Schorsch nun über seine skurrilen, verstörenden und amüsanten Erlebnisse geschrieben hat. Alle Geschichten haben eines gemeinsam: Irgendwie wollen die Menschen alles von ihm, aber nur nichts übers Reisen wissen. Stoff genug, ein ganzes Buch zu füllen, dachte sich wohl Schorsch und hat nun "Wofür sitzen Sie eigentlich hier?: Geschichten vom DB-Service-Point" herausgebracht, das seit Anfang April erhältlich ist.

Hier können Sie einen Ausschnitt aus dem Buch lesen - ein kurzweiliger und amüsanter Zeitvertreib, denn - wer weiß? - vielleicht sitzen Sie ja gerade an einem Bahnhof und warten auf den Zug?

================================

Auszug aus dem Buch "Wofür Sitzen Sie eigentlich hier?"

================================

Erstes Kapitel: FRÜHSCHICHT - Bescheinigungen

"Guten Tag." Das ist schon mal ein solider Anfang. Doch ich spüre bereits, dass es mit dem jungen Mann nicht so freundlich weitergeht. Er trägt amerikanische Sneakers, eine schmal geschnittene Jeans über den Spargelbeinen und eine dunkelblaue Stoffjacke mit weißem Reißverschluss, aus deren Innentasche er einhändig seine Geldbörse zu lupfen versucht. Es gelingt nicht, da die Schlabberjacke sich mit nach oben zieht.

Verärgert hält er sie mit der linken Hand stramm, um unfallfrei an seine Papiere zu kommen. Einen Augenblick später liegen sein Ausweis und sein Studententicket vor mir. "Der Bruder einer Nachbarin, der Cousine meiner Kommilitonin, hat gesagt, dass sein Gemüsehändler gesagt hätte, ich darf mit dem Studententicket an Samstagen auch im ICE fahren."

Bescheinigen sie mir das. Äh...nein?

Da steht sie nun, diese Behauptung, haltlos wie eine Pappel im Sturm. Ich warte ab. Der Student schickt seine Pupillen für eine Sekunde auf eine Reise fernab ihrer Zentralposition, greift beiläufig mit der linken Hand nach dem Griff seines Reißverschlusses und zeigt schließlich mit der rechten auf seine zwei Ausweise, die meine Theke schmücken: "So. Und nun bescheinigen Sie mir das bitte!" 

"Äh … nein?" Man muss dazu sagen: Ich kann nichts dafür, dass ich eine so tiefe Stimme habe. Das liegt an meiner Körpergröße, für die ich ebenfalls nichts kann. Jede Menge Raum für Resonanz. Wenn eine junge Frau mit braunen Locken, die beim Sitzen ihre Knie aneinanderschmiegt und die Tasse mit beiden Händen hält, "Äh, nein?" sagt, hat das etwas Putziges. Kommt dieser Satz aus meinem Mund, fassen ihn die Menschen meistens als Anmaßung  auf.

"Wie, äh, nein?" "Das muss ein derbes Missverständnis sein." Der junge Mann tritt einen Schritt zurück und vollführt vor dem Tresen eine kleine theatralische Drehung, bei der seine Stoffjacke neckisch in Schwung gerät wie das Kleidchen einer Rock’n’Roll-Tänzerin. Seine Drehung endet punktgenau mit beiden Ellbogen auf meiner Theke.

Das ist nicht mein Schaffner

Jetzt flackern seine Augen in einer Mischung aus Angriffslust und Angst vor meiner väterlichen Autorität. Mit diesem Blick könnte er Aaron Paul aus der Fernsehserie Breaking Bad sein, in seiner Rolle als junger Kleinkrimineller Jesse Pinkman, dem ausgerechnet sein uncooler, ehemaliger Chemielehrer zeigen wird, wo im Drogenlabor der Hammer hängt."Ihr unfähiger Schaffner hat auch gesagt Äh, nein, also sinngemäß, und dann hat er mich auf der Fahrt hierher aufgeschrieben! Gibt es denn so was? Der hat doch keine Ahnung!"

"Das ist nicht mein Schaffner", sage ich. "Wenn es mein Schaffner wäre, säße ich nicht hier, sondern in einem großen, dreieckigen Büro mit vollverglastem Ausblick über ganz Berlin. Ich würde mich nur fragen, was man mit der superspitzen Zimmerecke machen könnte. Eine Gummipalme? Ein Ficus? Oder einfach jeden Morgen mich selber reinstellen und über meine Stadt schauen wie Joh Fredersen im neuen Turm zu Babel?"

Jesse Pinkman schaut mich verdutzt an. Mist, die Anspielung auf Metropolis war zu alt. Dabei sind diese jungen Leute trainiert darauf, ironische Anspielungen grundsätzlich verstehen zu müssen oder zumindest so zu tun, als ob. "Sie bescheinigen mir das jetzt!"  Pinkman tobt. Er muss stets seinen Willen durchsetzen wie ein trotziger kleiner Junge. "Äh, nein?" "Jetzt hören Sie doch mal auf mit Ihrem bescheuerten Äh, nein?! Wofür sitzen Sie hier eigentlich?"

Wage es, weise zu sein

Ich seufze und öffne die Schublade mit meinem dicken Block voller Bescheinigungen. Annika sieht es im Augenwinkel und schüttelt tadelnd den Kopf. Sie kennt meinen Block. Er enthält Bescheinigungen, die ich eigenhändig an meinem heimischen Computer gestaltet  habe. Dazu gibt es einen passenden Stempel. Natürlich nicht von der Deutschen Bahn.

Guckt man genauer hin, sieht man, dass ich lediglich meine Adresse samt einem lateinischen Zitat von Kant auf das Blatt ramme. Sapere aude. "Wage es, weise zu sein." Üblicherweise übersetzt mit: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Mein Stempel sieht mächtig aus, ein ganz dicker Brummer aus Stahl, der den satten Klang unumgänglicher Autorität und Allmacht ausstrahlt, die mir junge Männer wie der Student in der Stoffjacke grundsätzlich unterstellen. Der Gute guckt auch schon ganz hoffnungsvoll. "Eine Möglichkeit gibt es", sage ich.

Gucken Sie im Netz nach, wo der Bahnverkehr gerade zusammenbricht

Glitzern in Pinkmans Augen. "Wenn alle anderen Verbindungen ausfallen oder schwer gestört sind und dadurch der ganze Betriebsablauf durcheinanderkommt, dann gibt entweder der Schaffner oder ein freundlicher Servicemitarbeiter vor Ort auch mal einen ICE zur Fahrt für alle Nichtberechtigten frei. Wenn Sie also mit dem Studententicket unbedingt ICE fahren wollen, machen Sie es wie diese Autoverkehrsliebhaber, die den Polizeifunk abhören, um absichtlich in einen Stau zu geraten . Gucken Sie im Netz nach, wo der Bahnverkehr gerade zusammenbricht, fahren Sie dorthin und nutzen Sie die Sondererlaubnis."

Pinkman ist nicht amüsiert. Die Stoffjacke bebt. "Sie bescheinigen mir das jetzt. Sofort!" "Ich kann Ihnen vieles bescheinigen, wenn Sie wollen", sage ich und rücke meine Formulare gerade. "Ich kann Ihnen bescheinigen, dass Sie Plattfüße haben, zum Beispiel." "Ich habe keine Plattfüße!", empört sich Pinkman und guckt dabei hastig runter zu seinen Sneakers, als sollte er es doch lieber noch mal überprüfen.

"Dann bescheinige ich Ihnen, dass Sie unter einer Hamsterhaarallergie leiden. Das kann sehr praktisch werden, falls Sie mal nachts unerwartet mit Hamstern zu tun bekommen. Oder die kleine Schwester die Eltern darum anfleht, nun auch endlich einen Nager zu bekommen, und Sie wissen schon, dass Sie es sind, der sich nach 14 Tagen um das Vieh zu kümmern hat, weil es sonst bald platt und trocken im Heu liegt wie ein Waschlappen in der Mittagssonne. Ich meine, falls Sie noch zu Hause wohnen."

Pinkman kratzt sich mit der rechten Hand am Kragen und knetet mit der linken erneut den Reißverschlussgriff.

Hier waren wir, Bescheinigungen

Er wohnt noch zu Hause. Ganz sicher. Daher auch seine Übung darin, vom großen Mann mit der tiefen Stimme stets Rettung zu erwarten und gleichzeitig sauer auf sich zu sein, dass er ihn überhaupt braucht. Ich raschele mit den Blättern, da der Kleine langsam die Konzentration verliert. Zu viel YouTube. "Hier waren wir, Bescheinigungen!", sage ich. Er reibt sein rechtes Auge mit dem Handrücken. "Ich kann Ihnen eine schwere Arbeitsphobie bescheinigen. Das geht auf jeden Fall!"

Ich ernte einen vorwurfsvollen Blick seitens Annika. Sie ist seit einigen Minuten damit beschäftigt, einer Rentnerin zu erklären, wohin die laut den Notizen ihrer Tochter auf dem mitgebrachten Zettel eigentlich mit dem Zug fahren soll. "Eine Arbeitsphobie?", empört sich Pinkman. "Ich studiere!" "Ich weiß", sage ich, da wir schließlich über sein Studententicket diskutieren, und stelle die Gegenfrage: "Chemie?"

Er schüttelt den Kopf. "Mathematik?" "Nein." "Architektur?" "Nein." "Garten- und Landschaftsbau?" "Nein, Mann! Soziologie!" "Hervorragend, das passt eins a, ich kann Ihnen die Phobie also bescheinigen!" Pinkman schnaubt. Die Rentnerin fragt Annika mit großen Augen: "Aber warum will meine Tochter denn, dass ich dahin fahre?"

Keiner sagt einem was in diesem Sauladen!

Hinter Jesse Pinkman baut sich ein Geschäftsmann auf, der in allen Belangen das Gegenteil von ihm darstellt. Zwei Köpfe größer, schwarze Lederschuhe, Anzug, die Haut vor lauter Zorn so straff, dass er jeden Moment aufplatzen könnte. Er schaut auf seine Uhr, auf mich, auf den Studenten. Der Lautsprecher über unseren Köpfen verkündet: "Achtung, an Gleis 16, ICE 625 nach Frankfurt am Main Hauptbahnhof, planmäßige Abfahrt war 11:21 Uhr, dieser Zug hat voraussichtlich eine Verspätung von 20 Minuten!"

Wobei, der Lautsprecher verkündet gar nichts, das ist Uwe aus der Zentrale, der heute am Mikrofon sitzt. Der Geschäftsmann verliert die Geduld, macht einen Schritt nach vorn, schiebt Pinkman wie ein Eishockeyspieler zur Seite und blafft mich ohne Einleitung an: "Was ist denn jetzt hier mit den Verbindungen nach Frankfurt! Keiner sagt einem was in diesem Sauladen!"

Der Student legt entsetzt die Ohren an. Jetzt hat er ein besseres Feindbild als mich. Annika sieht nicht mal vom Zettel auf, über dem sie mit der alten, leicht schwerhörigen Dame hängt und gemeinsam mit ihr behutsam herauszufinden versucht, was wohl in ihrer Tochter vorgeht. Einfache Fahrt nach Buxtehude ohne Rückfahroption? Was soll das? "Überlegen Sie mal. Kennen Sie jemanden in Buxtehude? Wartet dort jemand auf Sie?" Die Frau denkt tatsächlich scharf nach.

Dann schaut sie Annika wieder mit ihren entwaffnenden, herzlichen, naiven Mädchenaugen unter schlohweißem Haar an und haucht: "Nein. Da kenne ich niemanden." Ich sehe dem Geschäftsmann in die Augen, deute auf Pinkman und sage: "Ich habe hier noch einen Kunden vor Ihnen." Oh, wie das Pinkman freut, der mir bis eben noch so zürnte!

Der Herr Schorsch, der hat noch einen Kunden vor dir

Am liebsten würde er sich jetzt auf Brust und Schultern klopfen und dem arroganten Lackaffen sagen: "Guck hier! Ich, der Soziologiestudent, habe die gleichen Rechte wie du, du gieriger Weltenzerstörer! Ja, so sieht’s nämlich aus! Der Herr Schorsch, der hat noch einen Kunden vor dir! Der Geschäftsmann tobt. "Die Bahn, der Sauladen, der gottverdammte! Das ist eine Unverschämtheit!" Er hebt seine rechte Hand samt Aktenkoffer und zeigt damit auf mich, die zwei Meter Unverschämtheit am Stück: "So Leute wie Sie, ja, so Leute wie Sie in der freien Wirtschaft, und unser Land ginge längst am Stock. Am Stock, das sage ich Ihnen!"

"Es gibt da jetzt ganz was Neues", antworte ich, "die Deutsche Bahn heißt jetzt Deutsche Bahn AG. Ist eben erst verkündet worden. Gestern, glaube ich. Ich bin Angestellter einer AG." Der Geschäftsmann schürzt die Lippen wie der untalentierte Darsteller eines Rockerbösewichts und legt den Kopf schräg, die Aktenkofferhand weiter zitternd: "Ja, AG, Scheiße-AG. Ihr seid doch alle immer noch Beamte! Ihr kriegt ja nicht mal den Börsengang hin, den ihr 2006 beschlossen habt. Pah! Unsereins muss täglich blitzschnell schalten, und ihr kriegt nichts mit. Gar nichts kriegt ihr mit!"

Der Lautsprecher verkündet: "Achtung, erneute Durchsage für Gleis 16, ICE 625 nach Frankfurt am Main Hauptbahnhof, planmäßige Abfahrt war 11:21 Uhr, aufgrund eines Unfalls im Gleisbett hat dieser Zug nun eine voraussichtliche Verspätung von 30 Minuten und fährt abweichend auf Gleis 9." Annikas Rentnerin sagt, das Köpfchen auf die Hand gestützt: "Die Henriette, die hatte mal einen Schwager in Bremen, den Otto. Liegt Buxtehude nahe bei Bremen? Aber was soll ich denn beim Otto?"

Und immer ist es Klima

Pinkman sagt zum Geschäftsmann: "Sehen Sie denn nicht, dass ich hier noch Bescheinigungen kriege?" Der Geschäftsmann flucht: "Gut, wenn hier keiner bereit ist, einem zu sagen, was mit Frankfurt los ist, dann wird bei mir nur noch geflogen. Das sage ich euch! Dann sieht die sogenannte Bahn AG von mir keinen Cent mehr! Ihr mit euren grünen Tickets da, ihr CO2-Heinis, ihr! Das ist doch alles sowieso der letzte Schwachsinn! Mal ist es zu kalt. Mal ist es zu heiß. Und immer ist es Klima. Kerosin heißt es jetzt! Aber frag nicht nach Sonnenschein! Kerosin!!!"

Er zieht ab, die Hand samt Koffer erhoben, noch ein paar Mal skandierend: "Kerosin! Kerosin!" Pinkman schüttelt den Kopf und lächelt mich an, als hätte sich alles verändert und wir beide wären nun gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Er lehnt sich auf die Theke und zeigt mit dem Daumen hinter sich: "Dem hätten Sie Wahnsinn bescheinigen können." Ich brumme zustimmend.

Pinkman nickt immerfort mit dem Kopf wippend, als hätte er plötzlich Reggaemusik in den Ohren. Annika fragt die Rentnerin: "Wollen Sie denn überhaupt nach Buxtehude? Oder irgendwohin?" Die süße Dame legt Annika ihre Hand auf den Unterarm: "Eigentlich will ich heute nur zu der Edeltraud nebenan und wie jeden Donnerstag Rommé spielen."

Ich frage Pinkman: "Soll ich Ihnen jetzt was bescheinigen? " Er bekräftigt mit Freuden. "Gut, dann bescheinige ich Ihnen erst mal den Erhalt des Passierscheins A 39. Das ist wichtig, belegen zu können, dass Sie den haben, denn das wurde im neuen Rundscheiben B 65 so festgelegt."

BRRRRTACK! Was für ein Geräusch.

Ich sehe Pinkman an, dass er schon wieder nicht kapiert, worauf ich anspiele, obwohl Asterix erobert Rom immerhin 49 Jahre später gedreht wurde als Metropolis. Er strengt sich allerdings immer mehr an, nachzudenken. Wahrscheinlich überlegt er gerade, ob der Gag mit den Passierscheinen bei Hangover oder bei Sin City vorkommt. Ich trage den Erhalt des Passierscheins auf meine selbst gestaltete Bescheinigung ein, schreibe seine Personendaten samt Matrikelnummer der Universität ab und stempele die Bescheinigung mit meinem mächtigen Gerät. BRRRRTACK! Was für ein Geräusch.

Pinkman grinst. "Was?", frage ich. "Können Sie mir noch was bescheinigen?" "Sicher." "Für meinen Vater, zum Geburtstag. Schreiben Sie bitte: Hiermit bescheinige ich, dass Alfons Zinke auch nach fünfzig Jahren immer noch eine Nervensäge ist." "Na ja", sage ich, "dafür habe ich aber keinen Beweis." Ich mustere den jungen Mann von oben bis unten und füge hinzu: "Obwohl, jetzt, wo ich seinen Sohn kenne." Er lacht. So schnell kann’s gehen: Einmal in seiner Gegenwart einen Manager kleingemacht und schon bin ich sein Homie. Ich stelle die Bescheinigung für den Herrn Papa aus und lasse den Stempel knallen. Annikas alte Dame haucht hoffnungsvoll: "Meinen Sie denn, ich muss gar nicht nach Buxtehude fahren?"

Eine der Dramatik zugeneigte Stimme neben mir sagt: "Was sind denn das für komische Bescheinigungen?" Es ist der kleine Prinz. Dass der sich aber auch immer so exzellent anschleichen kann. Da er nur einen dezenten Anzug und keine auffällige rote Mütze trägt, erkennt mein neuer Homie Pinkman ihn nicht sofort als Mitglied der Deutschen Bahn. Und identifiziert ihn erst recht nicht als meinen Chef, da der überschaubare Mann mir bloß bis zur Brusttasche reicht.

Besonders stark irritiert ihn mein mächtiger Stempel

Sofort erklärt Pinkman dem kleinen Prinzen begeistert: "Das ist voll witzig mit den Dingern! Bei Herrn …", er liest das erste Mal mein Namensschild, "Schorsch kann man sich für alles Mögliche Bescheinigungen ausstellen lassen. Zum Bei…" Ich hebe die Hand, Fläche nach unten, und schließe halb die Augen. Das internationale Verständigungszeichen für ist gut jetzt. Der kleine Prinz runzelt die Stirn. Besonders stark irritiert ihn mein mächtiger Stempel. "Das ist so ein Scherz zwischen mir und meinem Neffen ", sage ich und tätschele dem Studenten über der Theke die Schulter. Der begreift und stammelt: "Ja, hö hö, die Bescheinigungen. Unser Running Gag."

 Der kleine Prinz hebt den Zeigefinger und schließt für eine halbe Sekunde die Augen, bevor er loslegt. In solchen Momenten sieht er aus wie eine Mischung aus Norbert Blüm und diesem hageren Lehrer Lämpel bei Max & Moritz. "Herr Schorsch, es ist nicht rechtens, in offizieller Funktion irgendwelchen Schabernack mit Stempeln zu treiben. Auch nicht, wenn nur der Neffe … ich wusste überhaupt nicht, dass Sie einen Neffen haben. Das ist sowieso so eine Sache. Von Ihrem Privatleben erzählen Sie einem im Grunde gar nichts!"

Aus den Augen, aus dem Sinn

"Also mein Privatleben soll ich im Beruf offenbaren, aber private Scherze mit meinem privaten Neffen sind im Beruf verboten?", frage ich und packe derweil Stempel und Bescheinigungen wieder in meine Überraschungsschublade. Wenn die Sachen vom Tisch sind, sind sie auch wörtlich vom Tisch, denn beim kleinen Prinzen gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn. An der Nordsee sollte man ihn niemals alleine ins Watt gehen lassen.

"Das habe ich so nicht gesagt", sagt der kleine Prinz. "Ich muss dann mal", sagt mein neuer Neffe. "Sollen wir Ihre Tochter mal anrufen?", fragt Annika. "Achtung, erneute Durchsage für Gleis 16, ICE 625 nach Frankfurt am Main Hauptbahnhof, planmäßige Abfahrt war 11:21 Uhr, dieser Zug entfällt nun vollständig. Ihre nächste Reisemöglichkeit ist ICE 123 um 12:48 Uhr, dann auch wieder auf Gleis 16, so Gott will." Der kleine Prinz reißt den Kopf hoch. Uwe aus der Zentrale nimmt sich mal wieder Freiheiten am Mikrofon heraus. Meine Bescheinigungen sind vergessen.

"… so Gott will …", tobt der Chef zitierend von dannen und regt sich dabei mehr über die zarte Degradierung der Bahn auf als über die Verletzung der weltanschaulichen Neutralität im Amt. Uwe war Pfadfinder und Messdiener, wollte mal Radiomoderator werden und hat eine fünfstellige Plattensammlung zu Hause. Bevor ich meine Schublade schließe, überlege ich mir, ob ich ihm zum Geburtstag Humor und Christlichkeit bescheinigen soll.

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser