Deutsche haben das Sagen an der Wall Street

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New York - Nun ist es offiziell: Die Deutsche Börse und die New York Stock Exchange fusionieren. Die Frankfurter übernehmen dabei die Rolle des Seniorpartners. Das gefällt vielen in den USA überhaupt nicht.

Konservative US-Politiker spucken Gift und Galle: Die “Deutsche Bors“, wie die Amerikaner sagen, hat künftig das Sagen an der Wall Street. Und das nagt schwer am Nationalstolz der einst unangefochtenen Wirtschaftssupermacht Vereinigte Staaten. Die Deutschen sind dabei gar nicht mal die Bösen. Manch US-Politiker hadert viel mehr mit den Fehlern im eigenen Land, die den amerikanischen Einfluss in der Welt haben schwinden lassen.

“Keiner wird den anderen dominieren: Europa nicht die USA, die USA nicht Europa“, beteuerte am Dienstag zwar der Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, Manfred Gentz. Und der Chef der NYSE Euronext, Duncan Niederauer, versicherte: “Wir sind einen Vertrag mit einem Partner eingegangen, dem wir vertrauen.“ Von der Papierform her ist aber klar, wer den Ton angibt: Die Aktionäre der gewichtigeren Frankfurter werden 60 Prozent des neuen Unternehmens kontrollieren, die aus New York lediglich 40 Prozent.

Schon als die ersten, noch unreifen Fusionspläne vor einer Woche durchsickerten, war in den Vereinigten Staaten ein deutliches Unbehagen zu spüren. “Die New Yorker Börse, zwei Jahrhunderte lang ein Symbol des amerikanischen Kapitalismus, bekommt vielleicht schon bald neue Besitzer - Europäer“, schrieb die “New York Times“. Und das “Wall Street Journal“ stellte leicht melancholisch fest: “Für New York ist der Schritt ein Symbol für die schwindende Dominanz auf der Weltbühne.“

Dann mischten sich die ersten US-Politiker ein. Ihnen ging es vor allem um den glanzvollen Namen als Wahrzeichen der amerikanischen Wirtschaft. “Amerika hat eine Tradition, seine nationalen Heiligtümer zu schützen; und wir müssen nun handeln, um die New Yorker Börse zu schützen“, forderte der demokratische Kongressabgeordnete Ted Deutch aus Florida. “Wir würden ja auch nicht den Namen der Freiheitsstatue ändern, von Mount Rushmore oder der Golden Gate Bridge.“

Der einflussreiche demokratische US-Senator Charles Schumer schlug in die gleiche Kerbe: Die Eröffnungsglocke auf dem Parkett der Wall Street gehöre genauso zu Amerika wie der allmorgendliche Treueschwur auf Nation und Fahne in den Klassenzimmern. Würde der Name verschwinden oder in den Hintergrund rücken, wäre das ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Deutschen die Oberhand im Unternehmen hätten, warnte Schumer.

Die Polterei wirkte. Um keinen Widerstand der amerikanischen Öffentlichkeit und der Politiker heraufzubeschwören, stellten die Börsenbetreiber die Namensfindung erstmal hinten an. “Das ist eine emotionale Frage“, sagte NYSE-Chef Niederauer ganz offen. Es gehe um den Nationalstolz. Der Arbeitstitel lautet deshalb unverfänglich “The Premier Global Exchange Group“.

Letztlich ist das aber nur Kosmetik - und die von den Frankfurtern bestimmte Fusion die harte Realität. “Das ist ein herber Rückschlag für unsere Fähigkeit, die Welt anzuführen“, stellte der ehemalige republikanische Abgeordnetenhaus-Sprecher Newt Gingrich fest. Er schürte allerdings keine Ressentiments gegenüber den Deutschen - im Gegenteil, er pries die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung, die die Industrie fördere und Arbeitsplätze schaffe, und schimpfte auf das seiner Meinung nach schlechte Management des demokratischen US-Präsidenten Barack Obama.

Der wichtige republikanische Kongressabgeordnete Spencer Bachus stellte sich sogar schützend vor die Deutschen. Er führte das positive Beispiel des Autobauers Mercedes-Benz ins Feld, der in seinem Wahlkreis ein großes Werk unterhält. Das hatte Tausende Arbeitsplätze ins wirtschaftlich eher schwache Alabama gebracht.

Beim Blick hinter die Kulissen erscheint die ganze Aufregung ohnehin reichlich skurril: Nicht nur, dass die Deutsche Börse mit Reto Francioni schon seit Jahren von einem Schweizer gelenkt wird. Die Großaktionäre stammen auch fast ausnahmslos aus dem angloamerikanischen Raum - letztlich würden also doch wieder Amerikaner die New York Stock Exchange kontrollieren und die Deutsche Börse gleich mit. Sorgen aus Deutschland wollte Francioni aber gar nicht erst aufkommen lassen: “Das ist kein gegeneinander, das ist ein miteinander.“

Schon einmal, bei der “Fusion unter Gleichen“ der NYSE mit der europäischen Euronext im Jahr 2006, hatten letztlich die Amerikaner das Steuer an sich gerissen. Von der Euronext mit ihren Handelsplätzen in Paris, Amsterdam, London und Lissabon spricht heute kaum noch jemand. Vielleicht hat New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg an diese Entwicklung gedacht, als er zur anstehenden Fusion sagte: “Das ist die richtige Sache für New York City.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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