Lehrermangel

Ein „Notprogramm“: Studenten als Junglehrer

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Unterricht in einer Grundschulklasse: Lehrer werden dringend gesucht. 

München/Miesbach - Auf der Suche nach Lehrern für Grundschulen versucht es das Kultusministerium mit einer neuen Methode: Es rekrutiert Studenten. Dazu gibt es auch warnende Stimmen.

Großen Protest gab es nicht, bis jetzt: Seit mehreren Jahren bekämpft Bayern den Lehrermangel mit einer etwas zwielichtigen Methode: Es holt Lehramts-Anwärter, die im Winter gerade ihr 1. Staatsexamen gemacht haben, für das zweite Schulhalbjahr an das Lehrerpult. Meist als Springer („Mobile Reserve“) für Krankheits- oder Schwangerschaftsfälle, manchmal aber auch als regulären Lehrerersatz.

Lesen Sie zum Thema „Lehrermangel an Grundschulen“ den Kommentar „Der Schweinezyklus“ von Merkur-Redakteur Dirk Walter

Das stößt nun auf Kritik. „Meines Erachtens muss endlich geklärt werden, was die Kollegen dürfen und was nicht“, sagt der Personalratsvorsitzende im Schulamt Miesbach, Markus Schäffner. Er spricht von einem rechtlich ungesicherten „Notprogramm“. Es sei unklar, ob die Jung-Lehrer Noten geben und Zeugnisse schreiben dürfen.

Offenbar ist das aber üblich. Gerd Nitschke vom BLLV kennt einen Fall in Schwaben, wo eine Studentin nach dem 1. Staatsexamen und noch vor dem Referendariat eine Klassenleitung und einen Vertrag über 21 Stunden erhielt.

Die „Erst-Examisten“, so der interne Sprachgebrauch, würden letztlich ausgenutzt, meint Schäffner. Trotzdem sei es nur ein kleiner Beitrag, um den seit Jahren spürbaren Mangel an Grundschullehrern zu beheben. Diese Unterversorgung bringe auch etablierte Kollegen in Schwierigkeiten. Lehrer trauen sich nicht mehr, zu Fortbildungen zu gehen. Auch Krankmeldungen gebe es nur mit schlechtem Gewissen. Schäffner weiß sogar von einer Kollegin, die eine Herz-OP verschoben habe.

Abhilfe ist wohl nicht in Sicht, denn erneut werden wohl bis zu einer Gesamtprüfungsnote von 3,5 alle Jung-Lehrer auf Probe in das Beamtenverhältnis übernommen. Diese Notengrenze wird am Freitag offiziell bekannt gemacht. Trotzdem werde das nicht ausreichen, prophezeit man beim BLLV. Mit dem Plan, Lehrern im Februar 2018 die vorzeitige Ruhestands-Versetzung zu streichen und so ein halbes Jahr länger einige hundert Lehrer zu haben, ist Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) wie berichtet kürzlich gescheitert.

Vielleicht sollte er sich Rat in Miesbach holen. Statt noch mehr Studenten zu locken, schlägt Schäffner etwas anderes vor: die Einstellung des Lotsendienstes. Gemeint sind Grundschullehrerinnen, die als sogenannte Lotsen für Fünftklässler stundenweise an Gymnasien abgeordnet sind, für „Lernen lernen“-Projekte etwa. Dieses Rundum-sorglos-Paket für die Jung-Gymnasiasten sei zwar gut gemeint, in Zeiten des Lehrermangels aber übertrieben.

Ganz anders als an den 2400 bayerischen Grundschulen ist die Situation an den gut 400 staatlichen Gymnasien. Die Einstellungsnoten werden zwar traditionell erst Ende Juli bekannt gegeben. Schon jetzt ist aber klar, dass an Bewerbern kein Mangel herrschen wird. Im vergangenen Schuljahr erhielt nur ein Sechstel der Lehramts-Kandidaten (189 von 1229) eine Beamtenstelle.

Auch in diesem Jahr erwartet Philologenchef Michael Schwaegerl keine guten Nachrichten, er sagt: „Wir warten mit Spannung und großer Sorge auf den Termin.“

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