EU will Macht der Wirtschaftsprüfer brechen

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EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso.

Brüssel - Brüssel greift ins Geschäft der Wirtschaftsprüfer ein: Die sogenannten “Großen Vier“ sollen künftig keine Beratung mehr anbieten dürfen. Aus der Branche kommt heftiger Widerstand.

Die EU-Kommission will die Dominanz der vier großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen in Europa brechen. Die Marktführer Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PricewaterhouseCoopers sollen künftig keine Unternehmensberatung mehr anbieten dürfen. Das sieht ein Entwurf vor, den die EU-Behörde am Mittwoch in Brüssel präsentierte. Weltweite Konzerne müssten sich in Prüfgesellschaften und Beratungsfirmen aufspalten - neue Namen entstünden. Auf diese Weise will Brüssel Bilanzskandale verhindern.

“Wir müssen das Vertrauen in die Abschlüsse von Unternehmen wiederherstellen“, sagte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier. Die Finanzkrise habe gezeigt, dass das Modell nicht funktioniere. Wirtschaftsprüfer - die parallel oft auch als Unternehmensberater tätig sind - hätten aus Interessenkonflikten nicht rechtzeitig vor Problemen von Unternehmen gewarnt. Zudem sei die Konzentration auf nur vier Gesellschaften riskant, weil der Ausfall einer Gesellschaft das ganze System bedrohen könnte.

Allein in Deutschland beschäftigen die großen Vier rund 28 000 Mitarbeiter und kommen auf einen Jahresumsatz von mehr als 4,2 Milliarden Euro. In Europa beherrschen sie nach EU-Angaben 85 Prozent des Marktes. Die Spezialisten prüfen Unternehmensbilanzen nd testieren mit ihrer Unterschrift, dass ein Konzern seine Bücher ordnungsgemäß geführt hat. In Deutschland kontrollieren die vier Marktführer die Bilanzen fast aller wichtigen Aktiengesellschaften.

Der Vorschlag bedarf noch der Zustimmung von Europaparlament und Mitgliedsstaaten. Frühestens in drei bis fünf Jahren dürften die neuen Regeln laut Kommission umgesetzt sein.

Wirtschaftskrise: Diese Banken hat es am meisten getroffen

Wirtschaftskrise: Diese Banken hat es am meisten getroffen

Kaupthing Bank
Zahlungsunfähig seit einem Jahr: Die isländische Kaupthing Bank steht seit Oktober 2008 unter staatliche Aufsicht. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot erlassen. Die deutschen Kaupthing-Anleger bangen noch immer um ihre Einlagen. © dpa
Protest nach Lehman-Pleite
Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers am 15. September 2008 war die größte Pleite eines Unternehmens, das die Welt je gesehen hat. In Folge brachen weltweit die Aktienmärkte ein und das globale Finanzsystem befand sich am Rande des Kollapses. Ein Jahr nach der Pleite erheben deutsche Banken Anspruch auf 50 Milliarden Dollar aus der Insolvenzmasse. © dpa
Hypo Real Estate
Die Hypo Real Estate ist seit 13. Oktober 2009 vollständig in staatlicher Hand. Die Bank war in Schieflage geraten und konnte nur mit staatlichen Hilfen vor der Pleite bewahrt worden. Viele Anleger fühlen sich nun um ihr Erspartes gebracht. © AP
Bayern LB
Die BayernLB hatte allein 5,2 Milliarden Euro mit verbrieften US-Immobilienkrediten verspielt. Weitere 2,6 Milliarden Euro kostete das Engagement bei der österreichischen Skandalbank Hypo Alpe Adria. Dem Freistaat Bayern gehören inzwischen 94 Prozent der Bank. Doch 2010 erzielte die Bank wieder einen Profit von 635 Millionen Euro. © AP
westLB
Die nordrhein-westfaelische Landesbank WestLB steckt seit 2007 durch Fehlspekulationen und die Auswirkungen der Finanzkrise in Schwierigkeiten. Für 2010 meldete sie ein Minus von 240 Millionen Euro - und das, obwohl sie marode Kredite im Volumen von 77 Milliarden Euro in eine Bad Bank ausgelagert hat. © AP
IKB
Bereits im Sommer 2007 wäre die in Düsseldorf ansässige IKB beinahe pleite gegangen. Als erstes großes Geldinstitut in Deutschland. Zehn Milliarden Euro waren notwendig, um die Mittelstandsbank zu retten, vor allem der Staat musste einspringen. Doch noch immer sind die Ursachen für die Pleite nicht aufgeklärt. © AP
Commerzbank
Die Commerzbank musste vom Staat mit Milliardensummen gestützt werden. Dennoch hat die Bank Anfang Oktober 2009 nach Berichten des Handelsblatts Teile der von der Politik beschlossenen Regeln zum Anlegerschutz heftig attackiert. Bis Juni 2011 will die Bank 14,3 Milliarden Euro Rettungsgelder zurückzahlen. Das sind 88,3 Prozent der Stillen Einlage des staatlichen Bankenrettungsfonds SoFFin von 16,2 Milliarden Euro. © dpa
HSH Nordbank
Die Landesbank für Hamburg und Schleswig-Holstein kommt nicht mehr aus den Schlagzeilen. 2008 legte die HSH Nordbank einen Verlust von 2,8 Milliarden Euro hin. Sie überlebte nur dank Steuermilliarden. 2010 erzielte sie nach harter Restrukturierung einen klitzekleinen Gewinn von 48 Millionen Euro bei einer Bilanzsumme von 151 Milliarden Euro. Die verbliebene Neun-Milliarden-Euro-Bürgschaft des Bankenrettungsfonds SoFFin will sie bis Mitte 2012 abbauen. © dpa
LBBW
Die finanziell schwer angeschlagene Landesbank Baden-Württemberg will bis 2013 ganze 2500 Stellen streichen, um so jährlich rund 700 Millionen Euro einzusparen. Inzwischen ist klar: Im Frühjahr 2009 war die LBBW quasi pleite. Gerettet haben sie Land und Sparkassen und ein Risikoschirm von 12,7 Milliarden Euro. © dpa
Bear Stearns
Die Finanzkrise erreichte mit dem Notverkauf der fünftgrößten US-Investmentbank Bear Stearns im März 2008 einen ersten Höhepunkt vor der Lehman-Pleite. Die Bank wurde mit Unterstützung der US-Notenbank von ihrem früheren Konkurrenten JP Morgan Chase übernommen. © AP
Uni Credit
2006 übernahm die italienische Uni Credit, der Mutterkonzern der Bank Austria, die deutsche Hypo Bank. Unser Archivfoto zeigt den Uni Credit Chef Alessandro Profumo beim Verkünden dieser Nachricht. Die Wirtschaftskrise nötigte die Bank zu einer Kapitalerhöhung bis zu 6,6 Milliarden Dollar und zu einem Expansionsstopp in Osteuropa. © dpa
Goldman Sachs
Bei Goldman Sachs, einer weltgrößte Investmentbank, ist Warren Buffett eingestiegen. Die Finanzbranche fürchtet erneute Rückschläge, die Krise ist längst noch nicht vorbei. Aber Goldman Sachs legte im Juli 2009 Zahlen wie aus Tagen des Turbokapitalismus: Mit einem Gewinn von 2,7 Milliarden Dollar hat das krisengeschüttelte Institut für einen Paukenschlag gesorgt. © AP
Merill Lynch
Die drittgrößte US-Investmentbank Merrill Lynch hat sich inmitten der Wall-Street-Krise in einem Eilverkauf unter das Dach der Bank of America gerettet. Der Kaufpreis lag bei 50 Milliarden Dollar - allerdings nur in Aktien. Damit bewahrte der Merrill-Chef sein Traditionshaus vor dem Schicksal des insolventen Konkurrenten Lehman Brothers. © dpa
Northern Rock
Lange Schlangen gab es vor den Fillialen von Northern Rock, einem Baufinanzierer aus Großbritannien, da die verzweifelten Kunden ihr Ersparnisse retten wollten. Trotz eines Notfall-Kredits durch die Bank von England wurde das Institut im Februar 2008 verstaatlicht. © dpa
Zentrale US-Versicherungsgigant American International Group AIG
Beim taumelnden US-Versicherungsgiganten American International Group AIG hat die US-Regierung kaum vorstellbare 180 Milliarden Dollar Steuergelder zu dessen Rettung investiert. Die Gehälter der Manager der Handelssparte will die US-Regierung drastisch kappen. © dpa
Chrysler-Zentrale Michigan
Nur dank enormer Staatshilfen hat die Autobank Chrysler-Financial des Chrysler-Konzerns die Wirtschaftskrise bislang überstanden. In der Zentrale des Konzerns in Auburn Hills, Michigan, müssen die Manager derweil mit Gehaltseinbußen rechnen. Die US-Regierung will deren Bezüge drastisch kürzen. © dpa
citigroup
Die US-Großbank Citigroup hatte im September 2009 angekündigt, Staatshilfen im Wert von 20 Milliarden Dollar zurückzahlen zu wollen. Doch bislang stimmte die US-Regierung dem nicht zu. Diesen will zunächst offenbar keine weiteren staatlich gestützten Finanzinstitute aus ihrer Kontrolle entlassen. © AP
GM-Zentrale Detroit Michigan
Der Autokonzern General Motors, hier seine Zentrale in Detroit, betreibt auch eine Autobank namens GMAC. Der größte Autofinanzierer des Konzerns musste wegen Milliardenverlusten Staatshilfen in Anspruch nehmen. © dpa

Zudem will die EU-Behörde die übliche Praxis abschaffen, dass ein Unternehmen seine Geschäftsberichte über Jahrzehnten von immer derselben Gesellschaft prüfen lässt. Konzerne sollen verpflichtet werden, ihren Wirtschaftsprüfer nach sechs Jahren zu wechseln (Rotationsprinzip). Falls zwei Gesellschaften prüfen, soll die Frist neun Jahre betragen. Firmen müssen ihre Aufträge ausschreiben. Der Sektor soll unter die Kontrolle der Wertpapieraufsicht ESMA kommen.

Aus der Branche, die um ihr Geschäftsmodell fürchtet, kommt Kritik. Weil das klassische Geschäft mit der Bilanzprüfung seit Jahren stagniert, wird die lukrative Beratung immer wichtiger. Von einer “verpassten Chance“ sprach PricewaterhouseCoopers (PwC). Der Vorschlag werde die Qualität verschlechtern und die Kosten erhöhen, kritisierte Vorstandssprecher Norbert Winkeljohann von PwC Deutschland.

Unter dem Druck der Lobby verzichtete die Kommission bereits auf die Idee, dass die “Großen Vier“ ihre Beratungsgeschäft mit kleineren Konkurrenten in gemeinsamen Aufträgen teilen müssen.

Der Vorschlag ist Teil eines ganzen Bündels der EU zur besseren Kontrolle der Finanzmärkte. Erst vor zwei Wochen hatte die EU-Kommission strengere Regeln für Ratingagenturen vorgestellt.

dpa

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