Kassenpatienten warten länger auf Termine

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Mitglieder gesetzlicher Krankenversicherungen warten beim Arzt länger auf einen Termin.

München - Was viele Patienten nur vermuten, hat die AOK jetzt durch Stichproben belegt. Bei Arztbesuchen gibt es in Deutschland eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Mitglieder gesetzlicher Krankenversicherungen (GKV) warten im Durchschnitt erheblich länger auf einen Termin beim Facharzt als Privatpatienten. Das ergab eine Umfrage der AOK Rheinland/Hamburg vom Juni. Mitarbeiter der Krankenkasse hatten testweise 800-mal in Praxen von Fachärzten angerufen. Zunächst gaben sie sich als gesetzlich Versicherte aus und fragten nach einem normalen Untersuchungstermin. Später riefen sie als vermeintliche Privatpatienten erneut bei denselben Medizinern an.

Das Ergebnis: Am schwierigsten ist es für gesetzlich Versicherte demnach, einen Termin bei einem Kardiologen zu bekommen. Im Schnitt müssen Kassenpatienten dort stolze 71 Tage warten, Privatpatienten hingegen nur 19 Tage. Bei den Radiologen sind es für gesetzlich Versicherte 46 Tage, für Privatpatienten sieben. Die Augenärzte vergeben durchschnittlich nach 65 Tagen Termine an ihre Kassenpatienten, an die private Kundschaft nach 16 . „Das Verhalten mancher Fachärzte ist äußerst ärgerlich“, sagt Wilfried Jacobs, Chef der AOK Rheinland/Hamburg. Er fordert vom Gesundheitsministerium entsprechende Sanktionsmöglichkeiten: „Die Kassen sollten das Recht bekommen, nicht mehr mit Fachärzten zusammenarbeiten zu müssen, die gesetzlich Versicherten keine zeitnahen Termine geben. Mediziner mit einem guten Terminmanagement sollten hingegen besser vergütet werden."

Allein die AOK Rheinland/Hamburg bekommt pro Monat rund 300 Anrufe von Versicherten, die Probleme mit einem zeitnahen Termin haben. „Die Dunkelziffer bemesse ich mit dem Vierfachen“, sagt Jacobs. Manche Ärzte hätten auf dem Anrufbeantworter sogar unterschiedliche Ansagen für Kassen- und Privatpatienten. In Bayern sind die Beschwerden von Mitgliedern über lange Wartezeiten bei Facharztterminen indes kein „Massenphänomen“, sagt AOK-Sprecher Michael Leonhart. Allerdings hat die AOK Bayern noch keine Wartezeiterhebung vorgenommen.

Eine bundesweite AOK-Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts ergab im April, dass 25 Prozent der gesetzlich Versicherten mit akuten Beschwerden mindestens zwei Wochen lang auf einen Termin beim Arzt warten müssen, bei Privatversicherten traf dies nur für knapp acht Prozent zu. Ein Grund für die längeren Wartezeiten für Kassenpatienten ist, dass Ärzte für die Behandlung von Privatpatienten deutlich mehr Geld abrechnen können als für gesetzlich Versicherte, berichtet der Spiegel. Für Privatpatienten können sie oft mehr als doppelt so hohe Rechnungen stellen wie bei Mitgliedern von gesetzlichen Krankenkassen.

Schätzungen zufolge erwirtschaften viele Ärzte 30 Prozent ihres Einkommens allein mit Privatpatienten. Bei einigen niedergelassenen Medizinern in Ballungsgebieten bzw. Großstädten sind es gar 50 Prozent der Umsätze. Ein Ärztemangel besteht laut der AOK-Studie in Deutschland bis auf einige Regionen in Ostdeutschland und auf dem Land nicht. Insgesamt sei die Zahl der Kassenärzte in den vergangenen 20 Jahren um 40 Prozent auf mehr als 137 000 gestiegen.

uf

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