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Ein Jahr nach dem Diesel-Skandal

Hauptversammlung von VW: Nur nicht übermütig werden 

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Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, bei der Hauptversammlung von Volkswagen in Hannover 2016.

Vor einem Jahr war bei Volkswagen der Tag der Abrechnung: Die erste Hauptversammlung nach Auffliegen des Diesel-Skandals wurde für die Konzernführung zum Spießrutenlauf. Ein Jahr später dürfte das schon anders aussehen. Ist VW aus dem Gröbsten heraus?

Hannover/Wolfsburg - Der Vergleich in den USA steht, die Gewinne sprudeln wieder bei Volkswagen - Europas größter Autobauer ist dennoch weit davon entfernt, „Diesel-Gate“ hinter sich zu lassen. Denn der Betrug bei Abgaswerten von Millionen Autos bleibt allgegenwärtig vor der VW-Hauptversammlung an diesem Mittwoch. Überwunden scheinen zwar die aggressive Stimmung und die Verbitterung, die das Aktionärstreffen vor einem Jahr geprägt hatten.

Damals hatten Aktionäre Vorstand und Aufsichtsrat teils mit heftigen Worten angeschrien, von krimineller Energie und Vollkasko-Mentalität war die Rede. Klar ist aber auch: Es bleiben noch „einige dunkle Wolken am Horizont“, mahnt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.

Auf der Haben-Seite dürfte stehen: Die Geschäfte laufen, auch wenn der Diesel-Anteil an den verkauften Autos in Deutschland seit einiger Zeit sinkt. Der „Zukunftspakt“ für die Marke VW sieht zwar den Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen vor, gleichzeitig sollen aber auch neue Stellen entstehen. Und: wichtige Zukunftsthemen wie Elektromobilität, autonomes Fahren und Mobilitätsdienste wie Carsharing sind auf den Weg gebracht.

Mehrere Vertreter des Aufsichtsrats betonen allerdings regelmäßig, dass die Aufklärung weitergehen muss. Die Affäre wird den Konzern denn auch nach Einschätzung von Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch noch lange beschäftigen. „Einen richtigen Schlusspunkt wird es so schnell nicht geben können“, sagt er im März der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit Blick auf die internen Ermittlungen. Es werde „wohl eher noch länger dauern als bis zum Jahresende 2017“.

Zumal sich die Justiz sehr für den Skandal interessiert. Die Münchner Staatsanwaltschaft durchsuchte im Zusammenhang jüngst nicht nur Standorte bei der VW-Tochter Audi, sondern auch die US-Kanzlei Jones Day. Deren Anwälte waren von Volkwagen nach dem Auffliegen der Manipulationen mit internen Ermittlungen beauftragt worden. VW reagierte empört auf die Durchsuchungen.

Der Dachverband der Kritischen Aktionäre bemängelt indes den Umgang des Konzerns mit „Diesel-Gate“: „Der Abgasskandal ist noch lange nicht ausgestanden, denn jeden Tag kommen von VW Hunderte fabrikneue Euro-6-Diesel auf unsere Straßen, die ihre gesetzlichen Stickoxidgrenzwerte nur im Labor einhalten“, kritisiert Sprecher Jens Hilgenberg. „Alle Kunden haben ein Recht darauf, dass ihr Fahrzeug nicht nur im Labor die Grenzwerte einhält.“ Könne VW eine wirksame Nachrüstung aller Autos mit der Abgasnorm Euro 5 und Nachbesserung der Euro-6-Fahrzeuge nicht zusichern, müsse der Konzern wie in den USA die Fahrzeuge zurückkaufen.

Für den Vorstand ist der Diesel-Skandal also keineswegs beendet. Zumal auch die Gegenanträge zur Hauptversammlung eine deutliche Sprache sprechen: gefordert wird, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung, also den üblichen Vertrauensbeweis, zu verweigern. Dazu kommen Anlegerklagen: Im Musterverfahren von VW-Aktionären beginnt Anfang 2018 die mündliche Verhandlung. Die Anleger werfen VW vor, im September 2015 zu spät über die Abgas-Manipulationen informiert zu haben. Das Problem: Nach Bekanntwerden der Manipulationen waren VW-Aktien abgestürzt und hatten zwischenzeitlich fast die Hälfte ihres Werts verloren. Volkswagen weist die Vorwürfe zurück.

Analyst Frank Schwope von der Landesbank NordLB geht zwar davon aus, dass die wesentlichen Kosten des Skandals nach dem Vergleich in den USA abgehakt sind. Aber: Außerhalb der Vereinigten Staaten seien die Kosten, die VW belasten könnten, noch nicht ganz klar. Dennoch erwartet er, dass die Aktionäre die Sanierungsbemühungen anerkennen. Auch im Umfeld des Unternehmens hofft man, dass die Anteilseigner den Blick stärker auf das operative Geschäft richten.

Der Aufsichtsrat schlägt nun vor, dem gesamten Vorstand das Vertrauen auszusprechen. Allerdings stellt Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bereits im März klar, dass sich die empfohlene Entlastung ausschließlich auf 2016 bezieht. Um 2015, als die Abgasaffäre bekannt wurde, geht es nicht. Der VW-Großaktionär Niedersachsen hatte auf der vergangenen Hauptversammlung dem im Skandal zurückgetretenen Ex-Konzernchef Martin Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess den Vertrauensbeweis verweigert.

Eine Reizfigur ist für manche Aktionäre auch Aufsichtsratschef Pötsch, einst mächtigster Vorstand neben Winterkorn. Eine Reihe von Beteiligten scheint die Personalentscheidung aber inzwischen akzeptiert zu haben. Ein Grund: Nach einer Reform der Vergütung für die Vorstände wurde auch die Aufsichtsratsvergütung bei VW komplett umgebaut - auch als Reaktion auf öffentliche Kritik an hohen Boni.

dpa

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