Das Unternehmen in der NS-Zeit

Historie der Münchner Rück: Vorreiter mit dunklen Flecken

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Das Hauptgebäude der Münchner Rück an der Königinstraße.

München - Die als Münchener Rück gegründete Munich Re war einer der ersten globalisierten Konzerne überhaupt. Zur NS-Zeit hat sie sich aber mitschuldig gemacht.

Es ist ein Moment, bei dem große, deutsche Traditionskonzerne mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Wenn sie unabhängigen Historikern ihr Firmenarchiv öffnen, fällt der Blick unweigerlich vor allem auf eine Periode – ihr Wirken zur Zeit des Nationalsozialismus. Beim 1880 als Münchener Rückversicherungsgesellschaft gegründeten Assekuranzriesen Munich Re ist das nicht anders. Dessen Firmenhistorie von 1880 bis 1980 erstmals wissenschaftlich unter die Lupe genommen haben fünf Jahre lang die Historiker Johannes Bähr und Christopher Kopper. „Das Verhalten der Unternehmensleitung im Dritten Reich ist das finsterste Kapitel dieser Unternehmensgeschichte“, schreiben sie in der nun in Buchform veröffentlichten Chronik der Munich Re.

Vorgestellt wurde sie im Beisein von Konzernchef Nikolaus von Bomhard, was die Bedeutung dieses Akts unterstreicht. Der Münchner Weltkonzern hat sich mit der Aufarbeitung seiner Geschichte allerdings mehr Zeit gelassen als andere Großkonzerne. „Wir sind spät dran, weil der ganz große Druck nicht da war“, bekennt Bomhard. Bei Dax-Konzernen wie BMW war das anders. Die Münchener Rück galt nie als einer jener Konzerne, die von Kriegswirtschaft profitieren und Zwangsarbeiter eingesetzt oder sich auf Kosten jüdischer Mitbürger bereichert haben. Dunkle Flecke sind dennoch unübersehbar.

Bereits 1933 sind Vorstände der Münchener Rück in die NSDAP eingetreten. Konzernchef Kurt Schmitt wurde damals sogar Reichswirtschaftsminister. „Ein Opportunist, aber nicht gewissenlos“, urteilt Kopper. Immerhin habe er sich in Budapest und Bukarest gegenüber Nazimachthabern vor jüdische Versicherungsmanager gestellt, wenn auch nicht aus reiner Menschlichkeit, sondern weil er ihre Expertise benötigt habe.

Anders als andere deutsche Konzerne habe sich der Rückversicherer nicht in von Nazi-Deutschland unterjochten Ländern gezielt Konkurrenten unter den Nagel gerissen, stellt Bähr klar. Grund dafür sei aber gewesen, dass der Konzern schon damals mit zahlreichen Tochterfirmen globalisiert war, wie kein anderer. „Die Münchener Rück war schon überall“, sagt Bähr. Übernahmen hätten keinen Vorteil gebracht. „Die Münchener Rück war zwar an der Ausraubung jüdischer Versicherungsnehmer und an SS-Geschäften nicht direkt beteiligt, wohl aber indirekt, als Rückversicherer“, erklärten die Verfasser.

Dabei ging es vor allem um Stornogewinne in der Lebensversicherung: Um ihre Flucht zu finanzieren und der antisemitischen Verfolgung zu entkommen, hätten tausende Juden 1938 ihre Lebensversicherungen gekündigt. Für die Kunden sei dies mit finanziellen Verlusten verbunden gewesen, für die Erstversicherungen mit Gewinnen. „Die Munich Re profitiert davon durch ihre Quotenbeteiligungen und erzielt so allein im Geschäftsjahr 1938/39 Gewinne in Höhe von bis zu 600 000 Reichsmark.“ In den Jahren 1938 und 1939 habe die Munich Re zudem Immobilien von jüdischen Besitzern zu Preisen unterhalb des Marktwerts aufgekauft. Damit sei die Notlage der jüdischen Eigentümer ausgenutzt worden.

Mit Tochterfirmen in der Schweiz und den USA habe der Konzern wie kaum ein anderer Informations- und Kontaktmöglichkeiten außerhalb des Nazi-Wirkungsbereichs gehabt. „Dieses Netzwerk wurde nicht genutzt, um dem NS-Regime zu schaden“, kritisiert Bähr. „Sie hatten privilegierten Einblick in das, was damals in Deutschland passiert ist, aber sie haben nicht reagiert“, kreidet Bomhard seinen damals managenden Vorgängern an.

Nach 1945 hat es mit der Entnazifizierung im Management nicht wirklich geklappt, als Alois Alzheimer neuer Konzernchef wurde. 1949 war der früh in die NSDAP eingetretene Manager von deutschen Gerichten hinsichtlich seiner Nazi-Vergangenheit entlastet worden. Das habe der damals weit verbreiteten „Schlussstrichmentalität“ entsprochen, so die Historiker.

In unternehmensstrategischer Hinsicht attestieren sie der Münchener Rück dagegen, ihrer Zeit oft weit vorausgewesen zu sein. Als der Konzern 1880 vom Unternehmensgründer Carl von Thieme aus der Taufe gehoben wurde, war die globale Assekuranz von britischen und US-Konzernen beherrscht. Als Rückversicherer habe es die Münchener Rück aber damals binnen zwölf Jahren geschafft, in ihrem Bereich zum Weltmarktführer aufzusteigen. Sie sei einer der ersten globalisierten Konzerne überhaupt gewesen mit anteilig 70 Prozent Auslandsgeschäft schon vor über 100 Jahren. Erzkonservativ habe sich das Haus dagegen stets bei der Geldanlage verhalten und sei so bis heute besser als andere durch alle Finanzkrisen gekommen.

Mit einem Mythos, der sich um Gründerpartriarch Thieme und das große Erdbeben in San Francisco 1906 rankt, haben die Historiker aber aufräumen müssen. „Thieme is money“ (Thieme ist Geld) ist der Satz, der sich aus dieser Zeit hartnäckig hält, aber nun ad acta gelegt werden muss. Thieme habe dafür gesorgt, dass die Münchener Rück umgehend nach der Naturkatastrophe, die San Francisco in Schutt und Asche gelegt hat, Versicherungsgelder ausbezahlt hat und damit den guten Ruf des Konzerns in aller Welt begründet. Das haben Bähr und Kopper als Geschichtsschönung entlarvt. Gezahlt habe die Münchener Rück damals erst, als sie die Lizenz für ihr Versicherungsgeschäft zu verlieren drohte.

Thomas Magenheim-Hörmann

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