Sanierung

Insolvenz als Chance zur Rettung

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Vertreter führender Sanierer und Insolvenzverwalter haben sich beim Forum „Insolvenz und Sanierung“ der Mediengruppe Münchner Merkur tz getroffen, um über Themen ihrer Branche zu diskutieren.

Früher sah man die Insolvenz als Folge einer gescheiterten Sanierung. Die Sichtweise wandelt sich mittlerweile auch in Deutschland – eine gut umgesetzte Sanierung kann auch insolvente Unternehmen retten, sagen Experten.

In der Unternehmenswelt hat sich vieles geändert. Galt früher die Insolvenz als unumstößlicher Ausdruck des Scheiterns, richtet sich heute der Blick auf die Chancen, einen Betrieb und damit Arbeitsplätze und Geld der Gläubiger zu retten. Dazu beigetragen hat die Reform des Insolvenzrechts aus dem Jahr 2012. Das neue „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen“ (ESUG) ermöglicht Schutzschirmverfahren, die ein angeschlagenes Unternehmen möglichst retten, nicht zerschlagen sollen. In den USA gibt es ein ähnliches Verfahren, in Fachkreisen unter dem Schlagwort „Chapter 11“ bekannt, das ebenfalls Betriebe erhalten und Unternehmern ermöglichen soll, den Betrieb in Eigenverwaltung zu sanieren.

Beim Begriff "Insolvenz" bricht in Europa gleich Panik aus

Noch sind diese Chancen in der Wirtschaft nicht durchgedrungen, stellen die Teilnehmer des Wirtschaftsforums „Insolvenz und Sanierung“ der Mediengruppe Münchner Merkur tz bei ihren Diskussionen fest. „Es müsste mehr Akzeptanz dafür bei Unternehmen und in der Gesellschaft geschaffen werden“, meint zum Beispiel Dr. Frank Girotto (PricewaterhouseCoopers). An dieser Stelle zeigen sich Unterschiede zwischen ESUG und Chapter 11, europäischer und amerikanischer Kultur. Bob Rajan (Alvarez & Marsal Deutschland) ist in der „Chapter 11-Welt aufgewachsen“, in der zum Beispiel Fluggesellschaften wie Delta Airlines oder TWA gerettet wurden. In den USA sei Insolvenz kein negativer Begriff, in Europa breche dabei gleich Panik aus.

Eine Kultur des Scheiterns vermisst auch Prof. Dr. Thomas Druyen (Sigmund Freud Privat Universität), der das Thema aus psychologischer Sicht betrachtet: „Unsere Wertvorstellungen sind da veraltet. Um etwas zu erreichen, muss man auch scheitern können.“

Das neue Recht kann sich – so die Experten – nur wirkungsvoll entfalten, wenn ein früherer Widerspruch aufgelöst wird – entweder Sanierung oder Insolvenz als gescheiterter Sanierungsversuch: „Heute wird klar: Insolvenz ist Teil der Sanierung“, bringt Dr. Thomas Sittel (Goetzpartners) es auf den Punkt.

Konsequenzen für den Markt

Mit Konsequenzen für den Markt: Haben früher Insolvenzverwalter und Sanierer getrennt voneinander gearbeitet, gibt es heute ein Zusammenwirken. „Im Sanierungsprozess muss der Betriebswirt mit dem Juristen sprechen“, beschreibt Dr. Stephan Kolmann (BBL Bernsau Brockdorff & Partner) den neuen Weg; „in Sanierungsgutachten sollte von vornherein die Sanierung mit insolvenzrechtlichen Mitteln mitbedacht werden“.

Wenn Sanierer und der in der Eigenverwaltung statt eines Insolvenzverwalters bestellte Sachwalter im Team zusammenarbeiten, könnten alle Seiten, zum Beispiel das Unternehmen und die Gläubiger, von der Expertise beider profitieren, fügt Dr. Matthias Hofmann (Pohlmann Hofmann Insolvenzverwalter) hinzu, und Dr. Maximilian Pluta (Pluta Rechtsanwalts GmbH) ergänzt: „Zu einem Konzept gehört die plausible Erklärung, welche Auswirkung die jeweiligen Maßnahmen haben, die aufgeführt werden.“ Dabei könne auch dargestellt werden, dass eine Insolvenz Mittel für die Zukunft eines Unternehmens sichern könne.

„Eine so umfassende Betrachtung sämtlicher Sanierungsmöglichkeiten bringt möglicherweise einen Erkenntnisgewinn, ist jedoch in der Praxis regelmäßig nicht Gegenstand von Sanierungsgutachten“, gibt Christoph Elzer (Ernst & Young) zu bedenken. Diese zielen ganz überwiegend auf die außerinsolvenzliche Sanierung des Unternehmens ab, so dass die zusätzliche Analyse weitere Kosten verursachen würde. „Es bedarf für eine derartige Insolvenzbetrachtung den ausdrücklichen Wunsch des Unternehmens oder der beteiligten Banken, die Insolvenz als Option mit einzubeziehen.“

Dreh- und Angelpunkt bleibt der Unternehmer

„Dreh- und Angelpunkt bleibt der Unternehmer“, wirft Dr. Martin Heidrich (White & Case) ein. Er müsse davon überzeugt werden, Insolvenz als Chance zu sehen – zum Beispiel, um einengende Verträge loszuwerden. Mittlerweile würden immer mehr Geschäftsführer die Insolvenz in Eigenverwaltung als mögliche Lösung durchaus ins Auge fassen, ergänzt Dr. Max Liebig (Dr. Max Liebig Insolvenzverwaltung & Restrukturierung). Die Manager könnten sie aber nur effektiv nutzen, wenn sie die Instrumente des ESUG kennen.

Insgesamt müsste noch die Kommunikation verbessert werden, sagt Dr. Leo Plank (Kirkland & Ellis): „Wir müssen zeigen, dass eine erfolgreiche Sanierung ein Unternehmen auch zu hundert Prozent retten kann. Auch Oliver Schartl (Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen) ist überzeugt: „Eine neue Kommunikationsstrategie kann dazu beitragen, alle Beteiligten mitzunehmen.“

„Die Sanierung funktioniert nur gemeinsam“, ist auch Prof. Dr. Georg Streit (Heuking Kühn Lüer Wojtek) überzeugt. Gegen den Willen wichtiger Gläubiger würden auch Schutzschirme nicht funktionieren. Immerhin ermögliche das ESUG, einzelne Störer der Sanierung zu überstimmen. Und weil nun in der Insolvenz kein Blockadepotential mehr gegeben sei, sei auch der nötige Konsens für außerinsolvenzliche Sanierungen leichter zu erreichen.

Am Anfang eines Sanierungsprozesses muss eine betriebswirtschaftliche Analyse stehen, erklärt Prof. Dr. Markus Stadler (Wellensiek Rechtsanwälte). Zeigt sich dabei, dass das Geschäftsmodell nachhaltig nicht funktioniert, biete sich die Regelinsolvenz als Ausweg an. Ein zu hoch verschuldetes oder nicht profitables Unternehmen könne auch außergerichtlich saniert werden, wenn die Gläubiger mitspielen. Kann man das Unternehmen profitabel machen, dann sollten Berater und Insolvenzverwalter gemeinsam eine Lösung finden.

Jürgen Grosche

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