Neuer Chef soll Rodenstock retten

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Der Brillenhersteller Rodenstock steckt in der Krise. Ein neuer Manager soll helfen. 

München - Der größte deutsche Brillenhersteller Rodenstock steckt mehr als 130 Jahre nach der Gründung in einer schweren Krise. Jetzt soll ein neuer Manager helfen: Am Montag nahm Oliver Kastalio seine Arbeit auf.

Ein neuer Chef soll nach schwierigen Jahren den Niedergang der Traditionsfirma Rodenstock stoppen. Das Unternehmen kämpft mit horrenden Schulden, Besitzerwechseln und Umsatzrückgängen durch die wachsende Konkurrenz von Billigbrillen aus dem Supermarkt. Alle Hoffnungen der mehr als 4000 Mitarbeiter ruhen nun auf den Banken und einem neuen Chef: Seit Montag steht der 46 Jahre alte Manager Oliver Kastalio an der Rodenstock-Spitze. Kastalio ist bereits der vierte Chef innerhalb von sieben Jahren und hat keine Zeit zu verlieren. Zusammen mit dem Aufsichtsrat brütet er über einem 100-Tage-Plan, mit dem er Rodenstock in die Zukunft führen will. “Wir werden nicht alles anders machen als bisher, sondern erfolgreiche Ansätze wie die Internationalisierung und die Marken-Lizenzen weiter vorantreiben“, kündigte er an. Er kennt sich mit Luxusmarken aus: Fast 20 Jahre arbeitete er beim Konsumgüterkonzern Procter & Gamble und war dort zuletzt für Parfüm und Luxusmarken verantwortlich.

Rodenstock nutzt unter anderem für Brillen die Marken Mercedes Benz, Porsche und Dunhill und sieht in diesem Bereich vor allem bei den markenversessenen Kunden in Asien oder Russland Potenzial. Aufholen kann Rodenstock auch bei Brillen für Frauen: Nur rund 20 Prozent der Kunden sind weiblich. Der Markt insgesamt ist riesig. Allein in Deutschland tragen mehr als 40 Millionen Menschen eine Brille. Auch die zunehmende Verbreitung von Kontaktlinsen und Laser-Augenkorrekturen haben daran nicht viel geändert. “Jeder Kontaktlinsenträger braucht auch eine Brille“, sagt eine Rodenstock-Sprecherin.

Geändert hat sich aber das Angebot an Brillen: In der einfachsten Form sind sie inzwischen für 2,99 Euro an der Supermarktkasse zu haben. Die wichtigste Aufgabe des neuen Chefs in den nächsten Wochen sind neben der künftigen Firmenstrategie aber Verhandlungen mit den Banken: Rodenstock sitzt nach Informationen aus Branchenkreisen auf einem Schuldenberg von 300 Millionen Euro und muss verhindern, dass die Banken ihre Kredite zurückfordern. “Die Verhandlungen laufen auf Hochtouren“, heißt es im Unternehmen. Angefangen hatten die Probleme des Traditionsunternehmens vor rund zehn Jahren. Unter dem damaligen Chef Randolf Rodenstock verhob sich das Unternehmen an der Expansion in den USA und verlor viel Geld. Im Jahr 2003 verkaufte die Familie Rodenstock an die Beteiligungsgesellschaft Permira, die die Firma wenige Jahre später an den Finanzinvestor Bridgepoint weitergab.

Randolf Rodenstock, der das Unternehmen in vierter Generation von 1983 bis 2003 geführt hatte, war damals aber überzeugt davon, das Unternehmen in gute Hände abzugeben. Die Finanzinvestoren seien “keine Heuschrecke, sondern eine Honigbiene“, sagte er 2007, als die Familie ihre letzten Anteile verkaufte und damit endgültig bei Rodenstock ausstieg. Doch Bridgepoint verging schnell der Spaß am Honigsaugen bei Rodenstock. Vor wenigen Monaten wollte der Investor die Firma an die Beteiligungsgesellschaft Trilantic verkaufen. Die Gespräche platzten im September, wozu nach Informationen aus Branchenkreisen auch die unsichere Finanzlage des Unternehmens beigetragen haben soll.

Mit dem Umsatz ging es in dieser Zeit stetig nach unten. Allein seit 2007 sanken die Erlöse um rund 50 Millionen auf 345 Millionen Euro im Jahr 2009. Für das Jahr 2010 waren vor vielen Jahren einmal 700 Millionen Euro geplant - davon wird Rodenstock meilenweit entfernt bleiben. Rodenstock wurde 1877 in Würzburg gegründet und zog wenige Jahre später nach München um, wo das Unternehmen bis heute mitten in der Stadt seinen Firmensitz hat. Ein Umzug an den Stadtrand ist aber schon beschlossene Sache, das alte Grundstück in bester Lage hat Rodenstock schon vor einigen Jahren verkauft. Dort sollen nach dem Abriss der alten Rodenstock-Zentrale luxuriöse Eigentumswohnungen gebaut werden - zumindest für die finden sich in München immer Käufer.

dpa

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