Interview zu Lebensversicherungen

„Klassische Konzepte stellen keine sinnvolle Altersvorsorge mehr dar“

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Ralph Seitz von der Versicherungskammer Bayern im Interview mit dem „Münchner Merkur“.

München - In kaum ein Finanzprodukt stecken die Deutschen lieber ihr Geld als in eine Lebensversicherung. Doch immer mehr Versicherer bieten sie gar nicht mehr an. Ein Experte erklärt im Interview, warum.

In kaum ein Finanzprodukt stecken die Deutschen lieber ihr Geld als in eine Lebensversicherung. Mehr als 90 Millionen Policen gibt es in Deutschland – also mehr als Einwohner. Doch die klassische Kapitallebensversicherung ist ein Auslaufprodukt. Die Versicherer tun sich aufgrund des Niedrigzinses schwer, die versprochenen Zinsen zu erwirtschaften. Immer mehr Versicherer bieten die klassische Lebensversicherung deshalb gar nicht mehr an – so auch die Versicherungskammer Bayern. Wir sprachen mit Ralph Seitz, der im Vorstand der Versicherungskammer für die Lebensversicherung zuständig ist.

Herr Seitz, wie lange gibt es die Lebensversicherung noch?

Ralph Seitz: Die Lebensversicherung wird weiterhin gebraucht, weil sie Lebensrisiken der Bürger abdeckt. Zum einen sichert sie Einkommen im Alter, Einkommen bei Invalidität – und natürlich schützt sie die Hinterbliebenen im Todesfall. Die Lebensversicherung wird es so lange geben, wie es das Bedürfnis nach Schutz vor diesen Lebensrisiken gibt.

Man muss unterscheiden zwischen der Risikolebensversicherung, die Hinterbliebene im Todesfall absichert, und der Kapitallebensversicherung, die der Altersvorsorge dient. Bei der klassischen Kapitallebensversicherung ist zum 1. Januar der Garantiezins erneut gesunken – von 1,25 auf 0,9 Prozent. Attraktiv klingt das nicht.

Seitz: Das stimmt erstmal. Eine Verzinsung von 0,9 Prozent klingt sehr niedrig. Da das Anlageverhalten der Deutschen eher konservativ ist, bleibt die Nachfrage dennoch hoch. Aufgrund der niedrigen Zinsen ist es jedoch auch für uns als Anleger nicht so leicht, Jahr für Jahr eine sichere Verzinsung von 0,9 Prozent zu garantieren. Im vergangenen Herbst etwa rentierte die zehnjährige Bundesanleihe minus 0,2 Prozent. Das bedeutet, wenn man in dieser Zeit beim Bund Geld anlegt, muss man dafür Aufbewahrungsgebühren bezahlen.

Immer mehr Lebensversicherer streichen Policen mit Garantiezins aus ihrem Portfolio – und bieten stattdessen neue Produkte an – mit weniger Garantien, dafür der Chance auf eine höhere Rendite. Setzt auch die Versicherungskammer Bayern auf solche Produkte?

Seitz: Die alten, klassischen Vorsorgekonzepte stellen heute keine sinnvolle Altersvorsorge mehr dar. Deshalb bieten wir diese Form der Absicherung im Privatkundengeschäft schon seit Anfang 2016 nicht mehr an, in der betrieblichen Altersvorsorge haben wir die Produkte zum 1. Januar 2017 aus dem Portfolio genommen. Uns ist aber klar, dass hier noch eine gesellschaftliche Veränderung nötig ist. Wir Deutsche legen am liebsten sicher an, auch wenn der Zins winzig ist. Wenn wir den Wohlstand im Alter halten wollen, müssen wir allerdings lernen, das Geld härter arbeiten zu lassen.

Wie viele klassische Lebensversicherungen haben Sie denn zuletzt noch verkauft?

Seitz: Im vergangenen Jahr hatten die klassischen Produkte noch einen Anteil von 20 Prozent am Neugeschäft.

Die klassische Lebensversicherung hat also ausgedient. Welche Alternative gibt es?

Seitz: Wir bieten Hybridprodukte an, die zum Teil dem klassischen Konzept folgen – ein Teil des Geldes geht ins Sicherungsvermögen. Der andere Teil fließt in den Aktienmarkt – etwa in Dividendenpapiere. Diese Konstruktionen bieten Sicherheit, denn die eingezahlten Beiträge bleiben erhalten. Der Teil, der in Dividendenpapiere investiert ist, erwirtschaftet die Rendite. Der Zins ist für uns das, was für die Autoindustrie der fossile Brennstoff oder der Sprit ist. Den Anlegern ist aufgrund der EZB-Zinspolitik sozusagen der Sprit, also der feste, sichere Zins ausgegangen. In der Autoindustrie gehen irgendwann die fossilen Brennstoffe aus. Derzeit geht es in der Diskussion darum, den Benzinverbrauch zu minimieren, also entwickeln die Autohersteller Hybridautos. Wir machen etwas ähnliches – wir haben zwei Motoren in unseren Produkten: einen, der die Garantien produziert, und einen, der Rendite erzeugt.

Aber widerspricht das nicht dem Versicherungsgedanken, wenn Sie dem Kunden Risiko statt Sicherheit bieten?

Seitz: Wir bieten Sicherheit. Das Zwei-Motoren-Konzept macht es möglich, dass die eingezahlten Beiträge am Ende auch zu 100 Prozent wieder ausbezahlt werden können.

Wenn allerdings in den kommenden Jahren die Inflation anzieht, hat der Kunde verloren.

Seitz: Das ist richtig. Allerdings darf man nicht vergessen, dass das Geld, das nicht in das Sicherungsvermögen fließt, mit hoher Wahrscheinlichkeit eine positive Rendite erwirtschaftet. Angenommen, diese liegt bei vier Prozent, ergäbe das bei einer Inflation von zwei Prozent, immer noch ein Plus von zwei Prozent. Das geht mit dem alten Klassiker nicht mehr.

Vom Neugeschäft, zurück zum Bestand: Zur Belastung für die Versicherer werden ja vor allem die Altkunden mit ihren hochverzinsten Verträgen. Wie kommen Sie zurecht?

Seitz: Die durchschnittliche Verzinsung in der Kapitalanlage liegt bei der Bayern Versicherung Lebensversicherung 2016 bei rund 3,2 Prozent. In der Neuanlage sind es aktuell rund 2,5 Prozent. Dem stehen 2017 durchschnittliche Zinsgarantien in Höhe von zwei Prozent gegenüber. Das ist ein gutes Verhältnis für die 1,8 Millionen Lebensversicherungsverträge, die wir im Bestand haben.

Wie haben Sie es geschafft, die durchschnittliche Belastung auf zwei Prozent zu drücken?

Seitz: Wir haben den Zins nicht gedrückt. Wir haben seit Jahren vorausschauend gehandelt und die Gelder unserer Kunden konservativ angelegt. Wir haben es ja kürzlich erlebt, dass Versicherer, die noch eine hohe Anzahl von Kunden mit einem vierprozentigen Garantieniveau haben, diese anschreiben, und sie freundlich auf die Möglichkeit einer Kündigung hinweisen. So gehen wir nicht mit unseren Kunden um. Wir haben stets eine sichere Politik bei unseren Produkten gewählt – zum Beispiel beim Höchstrechnungszins, den wir nicht immer voll ausgeschöpft haben. Das kommt unseren Kunden nun zugute. Dazu kommt, dass wir bereits seit 2011 Hybridprodukte mit niedrigeren Garantien anbieten, was sich in unserem Gesamtbestand positiv bemerkbar macht.

Sie legen das Geld Ihrer Versicherten an den Finanzmärkten an, um die Garantieversprechen, die Sie Ihren Kunden gemacht haben, zu erwirtschaften. Wie sieht in Anbetracht der niedrigen Zinsen Ihre Anlagestrategie aus? Mehr Risiko?

Seitz: Nein, riskante Anlagen sind für uns grundsätzlich tabu. Wir investierten zum Beispiel verstärkt in Infrastruktur und Erneuerbare Energien. Vor ein paar Jahren haben wir eine neue Abteilung aufgebaut, die sich ausschließlich damit beschäftigt. Anlagen, in die wir bereits investiert haben, sind etwa Alten- und Studentenheime oder Windparks.

Wann denken Sie kommt die Zinswende in der Eurozone?

Seitz: Wir machen zwar keine Zinsprognose, aber wir beobachten: Die Zinsen steigen gerade sehr langsam in den USA, weil dort die wirtschaftliche Entwicklung sehr gut ist. In Europa ist das grundlegend anders. Wir sind von einer Zinswende weit entfernt. In der gesamten Eurozone sehen wir eine hohe Arbeitslosigkeit und eine schwache Wirtschaftskraft. Dem folgt die Europäische Zentralbank mit ihrer Zinspolitik. Doch auch wenn die Niedrigzinsphase noch Jahre andauert, können wir als Versicherer die Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden erfüllen.

Interview: Manuela Dollinger, Sebastian Hölzle

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