Ukrainekrise bereitet lokaler Wirtschaft Sorge

"Das ist der Preis, den wir zu zahlen hätten"

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Felix Kleinert, Geschäftsführer der Firma Netzsch, befürchtet eine Schwächung der Exporte bayerischer Unternehmen im Falle weiterer Sanktionen gegen Russland.
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Waldkraiburg - Auf einem Pressegespräch blickten Unternehmer aus der Region sorgenvoll auf die Ukrainekrise. Weitere Sanktionen könnten die Exportwirtschaft schwächen.

Sollte es seitens der Europäischen Union weitere Sanktionen gegen Russland geben, ist die bayerische Exportwirtschaft in Gefahr. Dies machte Felix Kleinert, Geschäftsführer der Netzsch Pumpen und Systeme GmbH in Waldkraiburg auf einem Pressegespräch der Verbände bayme, vbm und vbw deutlich. Im Moment sei der Export nach Russland zwar nur in Einzelfällen beeinträchtigt, erläuterte Kleinert. "Aber wenn sich die Lage weiter zuspitzt und es zu weiteren Sanktionen kommt, wird es natürlich den Export der bayerischen Wirtschaft schwächen." Das sei der Preis, den man zu zahlen hätte. Kleinert machte jedoch deutlich, dass es dem Primat der Politik obliegt, über mögliche Sanktionen zu entscheiden: "Wir haben Vertrauen in die Bundesregierung."

"Ohne Europa 200 statt 600 Mitarbeiter"

Im Fokus des Pressegesprächs stand jedoch - angesichts der anstehenden Europawahl - die Bedeutung Europas für die Wirtschaft in der Region. Dabei hielten Kleinert und weitere Unternehmensvertreter deutliche Plädoyers für Europa und die Europäische Union: "Wenn wir Europa nicht als Markt hätten, hätten wir hier nicht 600 Mitarbeiter, sondern vielleicht 200", sagte Kleinert mit Blick auf das in Waldkraiburg ansässige Unternehmen Netzsch. Der Geschäftsführer untermauerte seine Position mit einigen volkswirtschaftlichen Kennzahlen. So hätten die bayerischen Unternehmen 2013 Waren im Wert von 168 Milliarden Euro exportiert. "Das war fast dreimal so viel wie vor 20 Jahren." Über die Hälfte der Ausführen sei dabei in die 28 EU-Mitgliedsstaaten gegangen, so Kleinert.

Irene Wagner

Irene Wagner, Geschäftsführende Gesellschafterin der psm protech GmbH und Co. KG, machte deutlich, dass auch der Euro ein für die wirtschaftliche Entwicklung wichtiges Element der europäischen Integration ist. "Wir fakturieren fast ausschließlich mit Euro", so Wagner. Um mit vielen Währungen und den damit verbundenen Risiken und Schwankungen zu hantierten, habe man gar nicht das fachliche Know-How.

"Europa wird ein wichtiger Personalmarkt"

Für viele Unternehmen ist Europa längst nicht mehr nur Absatz- und Beschaffungsmarkt. Auch Fachkräfte aus ganz Europa sind bei Unternehmen in der Region beschäftigt. "Auch für uns ist Europa ein wichtiger Absatzmarkt. Es wird aber auch ein immer wichtigerer Personalmarkt werden", sagte Andreas Bublak, Vorstand der COC AG in Burghausen. Zum eine könne das IT-Unternehmen mit Mitarbeitern aus der EU dem in der Branche vorherrschenden Fachkräftemangel begegnen. Zum anderen seien ausländische Mitarbeiter auch wegen ihrer Sprachfähigkeiten wichtig - etwa, wenn es darum geht, Lösungen für einen Kunden in Polen oder Kroatien zu entwickeln.

Belimed schafft am Standort in Mühldorf ein "European Business Center", kündigte Geschäftsführer Klaus Zwicker an. Dort sollen die Tochtergesellschaften aus ganz Europa Unterstützung bei Großprojekten erhalten. Im Juli wolle man starten, so Zwicker, der dadurch mittelfristig mehr Personalbedarf am Standort Mühldorf erwartet.

Den Fachkräftebedarf mit einheimischen Mitarbeitern zu decken stellt beispielsweise Belimed vor eine große Herausforderung - nicht in Deutschland aber am Schweizer Standort. "Dort haben wir schon ein massiveres Problem Fachkräfte zu bekommen", erklärte Klaus Zwicker, Geschäftsführer der Belimed Deutschland GmbH. Aktuell arbeiten bei Belimed in der Schweiz beispielsweise Deutsche, Österreicher, Franzosen und Spanier.

"Europa ist wichtig und Europa wird zunehmend wichtiger", sagte Frank Eberle, Geschäftsführer der ALPMA Alpenland Maschinenbau GmbH in Rott am Inn. Das Unternehmen gewinne bewusst Arbeitskräfte aus europäischen Nachbarstaaten, um sie entweder in Deutschland zu beschäftigen oder aber in den ausländischen Niederlassungen einzusetzen.

Kleinert warnt vor Populisten mit lockeren Sprüchen

Unverständnis hat Zwicker dementsprechend für das Referendum zur Begrenzung von Zuwanderung, das die Schweizer Anfang des Jahres mit knapper Mehrheit angenommen haben. "Ein Großteil der Leute distanziert sich davon", betonte Zwicker, der erklärte, dass das Referendum vor allem in jenen Regionen begrüßt wurde, wo Zuwanderung eigentlich kaum ein Thema ist. Ein Grund für das Referendum ist nach Ansicht Zwickers eine vorübergehende wirtschaftliche Schwäche der Schweiz. Nun habe man aber Erfolge, komme aus der Situation raus, so Zwicker. Die Zuwanderungsskeptische Haltung der Eidgenossen, davon ist Zwicker überzeugt, flache wieder ab.

Pressegespräch bei Netzsch in Waldkraiburg

Felix Kleinert von der Netzsch GmbH warnte vor Populisten, die mit einer skeptischen Haltung gegenüber Europa im Wahlkampf Stimmung machen. Die Erfolge Europas dürfe man sich "nicht kaputt machen lassen von lockeren Sprüchen". Irene Wagner stellte die Bedeutung der EU für den Frieden in Europa - und damit auch für die wirtschaftliche Entwicklung - heraus. Auch dank Jahrzehnten des Friedens sei Europa dazu in der Lage gewesen "wirtschaftlich zu gedeihen", so Wagner.

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