Knapp 2,5 Millionen Menschen ohne Job

Was hinter der Arbeitslosenzahl steckt

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Die offizielle Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist zuletzt erneut gesunken – auf den niedrigsten Juni-Wert seit 1991.

Jeden Monat gibt die Bundesagentur für Arbeit die aktuelle Zahl der Arbeitslosen in Deutschland bekannt. Knapp 2,5 Millionen sind es derzeit offiziell. Ein genauer Blick in die Statistik zeigt allerdings: Auf Jobsuche sind viel mehr Menschen.

München – Seit Monaten sinkt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland. Im Juni waren zuletzt laut Statistik 2,473 Millionen Menschen ohne Job – der niedrigste Wert in dem Monat seit 1991. Die offizielle Zahl der Arbeitslosen umfasst allerdings nicht alle Personen, die in Deutschland auch wirklich auf Jobsuche sind. Zählt man Menschen, die zum Beispiel gerade eine Schulung besuchen oder einen Ein-Euro-Job haben, dazu, steigt die Zahl der Arbeitslosen auf knapp 3,5 Millionen. Kritiker verweisen deshalb darauf, dass die Zahl, die die Arbeitsagentur als wichtigste kommuniziert, die Situation auf dem Arbeitsmarkt verzerrt darstellt. Wir erklären, wer in der Arbeitsmarktstatistik auftaucht – und warum das so ist.

Die Bundesagentur für Arbeit verweist darauf, dass per Gesetz genau definiert ist, wer offiziell als arbeitslos gilt. Die Grundlage bildet Paragraf 16 im Sozialgesetzbuch III. Darin heißt es: „Arbeitslos sind Personen, die wie beim Anspruch auf Arbeitslosengeld vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen (mehr als 15 Stunden pro Woche) und dabei den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung stehen und sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet haben.“ Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen (etwa Umschulungen oder Eingliederungsmaßnahmen) gelten laut § 16 SGB III explizit nicht als arbeitslos. Außerdem gilt nach § 53 a SGB II, dass 58-Jährige und Ältere, die zwölf Monate ohne Jobangebot waren, nicht mehr als arbeitslos gelten.

Wer gilt als arbeitslos und wer nicht?

Dazu kommt: Wer als arbeitslos gilt und wer nicht, hat sich in den vergangenen Jahren wiederholt geändert. Laut BA gab es seit 1986 insgesamt 17 gesetzliche Änderungen, die Einfluss auf die Erfassung der Arbeitslosigkeit hatten. Viele haben dazu geführt, dass die offizielle Zahl der Arbeitslosen gesunken ist. So gelten zum Beispiel seit 2004 Teilnehmer an Trainings- und Eingliederungsmaßnahmen nicht mehr als arbeitslos. Einige, wie etwa die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe 2005, haben dagegen zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit geführt.

Verheimlicht wird bei der Bundesagentur für Arbeit nichts. Wer die Arbeitsmarktstatistik durchforstet, findet Zahlen, die neben der Arbeitslosigkeit auch die sogenannte Unterbeschäftigung beschreiben. Hier werden zum Beispiel Menschen berücksichtigt, die an Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik teilnehmen. Ein Arbeitsloser, der gerade in einem Seminar lernt, wie man am besten Bewerbungen schreibt, fällt zum Beispiel aus der offiziellen Statistik heraus. Zur Unterbeschäftigung zählen zudem Personen mit Sonderstatus (zum Beispiel kurzfristig Erkrankte) und wiederum Arbeitslose nach § 16 SGB III – also alle offiziell Arbeitslosen. Die Zahlen zur Unterbeschäftigung werden seit 2009 veröffentlicht.

Mehr als 2,473 Menschen ohne Job

Schlüsselt man die aktuellen Arbeitsmarktzahlen entsprechend auf, ergibt sich folgendes Bild: Als offiziell arbeitslos galten im Juni insgesamt 2,473 Millionen Menschen. Zählt man dazu Personen, die sich in einer beruflichen Eingliederungsmaßnahme befanden, und berücksichtigt zudem die Sonderregelung für Ältere (§ 53 a SGB II), steigt die Zahl auf 2,861 Millionen. Die BA spricht von „Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne“. Addiert man nun Personen in beruflicher Weiterbildung (inklusive der Förderung von behinderten Menschen) und in Förderprogrammen (zum Beispiel Sprach- oder Computerkurse), berücksichtigt zudem Beschäftigungszuschüsse, kurzfristige Arbeitsunfähigkeit, Gründerzuschüsse und Einstiegsgelder für Selbstständige, kommt man für Juni 2017 auf 3,496 Millionen Arbeitslose – offiziell fallen sie in die Kategorie „Unterbeschäftigung“. Kurzarbeit wird dabei nicht berücksichtigt.

Und eine weitere Gruppe fehlt in der Statistik: Die sogenannte stille Reserve, die sich erst gar nicht bei der Bundesagentur für Arbeit als arbeitssuchend meldet.

Manuela Dollinger

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