Dax-Konzern stürzt in die Krise

Wirecard: Hatte der abgetauchte Ex-Vorstand Verbindungen zum Geheimdienst?

Der Bilanzskandal um Wirecard nimmt kein Ende - der Konzern sieht sich aber selbst als Opfer. Es besteht der Verdacht der Geldwäsche. Hatte ein Ex-Vorststand Kontakte zum Geheimdienst?

  • Der Dax*-Konzern Wirecard will Strafanzeige gegen Unbekannt erstatten.
  • Das IT-Unternehmen mit Sitz bei München muss abermals die Vorlage der Jahreszahlen verschieben.
  • Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun wurde im Zuge des Skandals festgenommen (siehe Update 23. Juni, 10.20 Uhr), kommt allerdings gegen eine Millionen-Kaution frei.
  • Der abgetauchte Ex-Vorstand Jan Marsalek könnte Kontakte zum Geheimdienst gehabt haben (siehe Update 10. Juli, 21.21 Uhr)

Update vom 10. Juli 2020, 21.21 Uhr: Jan Marsalek (40), nach der Aufdeckung des milliardenschweren Bilanzskandals geschasster Vize-Boss des insolventen Aschheimer Unternehmens Wirecard, ist und bleibt verschwunden. Es gibt gerade mal zwei steif-gestellte Aufnahmen des Geschäftsmannes, mit dem dieinternationale Fahndung durchgeführt werden kann. Umso ungeheuerlicher und haarsträubender sind die Berichte über das Agieren des gebürtigen Wieners in der Vergangenheit. Das neueste Kapitel im bizarren Wirecard-Krimi: 2018 habe der Mann in Großbritannien mit brisanten Geheimdienst-informationen geprahlt, wie die Financial Times schreibt. 

Die Zeitung hat die 50 Seiten geprüft, die Marsalek damals den Börsenhändlern zeigte: Darin habe sich sogar die genaue chemische Formel für dasNervengift Nowitschok befunden, mit dem kurz vorher ein Anschlag auf einenrussischen Ex-Spion in Salisbury verübt wurde (siehe Kasten unten). Die Financial Times, die das zwielichtige Gebaren des Unternehmens Wirecard seit Jahren verfolgt, vermutet, Marsalek habe mit seinen Kontakten zum Geheimdienst Eindruck bei Vertretern der Londoner Finanzbranche schinden wollen.

Wirecard/Jan Marsalek: Verbindung mit Geheimdiensten?

Schon mehrfach war der Österreicher mit Geheimdiensten in Verbindung gebracht worden. So seien Investoren überwacht worden, die auf einen Kurssturz der Wirecard-Aktien gewettet hatten. Solchen Shortsellern auf die Spur zu kommen, diente angeblich auch das Werben mit Geheimdienstpapieren gegenüber den Londoner Händlern. Wirecard bestritt jedoch stets, an diesen Operationen beteiligt zu sein.

Unterdessen schreibt Die Presse in Österreich, Marsalek habe regelmäßig dierechtsextreme Partei FPÖ in seiner Heimat mit Informationen aus dem Verfassungsschutz und dem Innenministerium versorgt. Darauf sei man bei der Recherche nach dem Ibiza-Skandal um die FPÖ-Größen Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus gekommen. Nachdem sich die zwei Freiheitlichen zur Korruption bereit erklärt hatten, wurden SMS-Chatprotokolle zwischen Gudenus und dessen Vertrauten Florian S. untersucht, so Die Presse. Demnach sei dort ein „Jan“ als Quelle für heikle Informationen aus dem Innenministerium aufgetaucht. Ex-FPÖ-Fraktionschef Gudenus bestätigte Kontakte mit Marsalek gegenüber der Presse. Als Gegenleistung habe der Manager einen Kontakt zum Ölkonzern OMV gewünscht, weil er selbst in libysche Ölgeschäfte investiert habe. Diese Vermittlung habe man ihm aber versagt.

Das österreichische Innenministerium hat erklärt, dass es im Fall Marsalek ermitteln wolle. Allerdings schloss die Behörde aus, dass Marsalek unter seinem echten Namen als Informant tätig war. BW

Geldwäsche-Verdacht und Aktien-Talfahrt bei Wirecard: Ex-Vorstand auf die Philippinen abgetaucht?

Update vom 24. Juni, 14.21 Uhr:

Der in einem Bilanzskandal steckende Zahlungsabwickler Wirecard hat für seine auslaufende Kreditlinie laut dpa für einige Tage Aufschub von den Banken erhalten. Die Institute hätten sich entschieden, zunächst die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens zu prüfen, bevor sie die ausstehende Summe von 1,75 Milliarden Euro zurückfordern, hieß es in Finanzkreisen. 

Die Beratungsfirma FTI ist dem Vernehmen nach im Auftrag der Kreditgeber dabei, Wirecard zu durchleuchten und möglichst viele Informationen zur finanziellen Lage des Unternehmens zusammenzutragen. Auf dieser Basis wollen die Banken dann möglichst bald die weiteren Gespräche führen, hieß es.

Update vom 24. Juni, 12.57 Uhr: Die Philippinen haben Geldwäsche-Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Bilanzskandal beim Dax-Konzern Wirecard eingeleitet - und eine Suche nach Ex-Vorstand Jan Marsalek. Justizminister Menardo Guevarra sagte, er habe die Einwanderungsbehörde angewiesen, die Möglichkeit zu prüfen, ob Marsalek im Land sein könnte.

Die Aufzeichnungen des Büros zeigten, dass Marsalek am 3. März in Manila war, aber zwei Tage später abreiste, sagte Guevarra Reportern. „Es gibt jedoch einige Hinweise darauf, dass er kürzlich zurückgekehrt ist und möglicherweise noch dort ist“, fügte er hinzu.

Geldwäsche-Verdacht bei Wirecard: Suche auf den Philippinen wird intensiviert

Marsalek galt bei Wirecard als rechte Hand des gestürzten Vorstandschefs Markus Braun. Er war für das Tagesgeschäft verantwortlich, wurde aber vergangene Woche zuerst suspendiert, am Montag dann entlassen. Der Manager war jahrelang als Chief Operating Officer für das Tagesgeschäft zuständig gewesen.

Hat sich Jan Marsalek, Ex-Vorstand von Wirecard, auf die Philippinen abgesetzt?

Wirecard hatte kürzlich eingeräumt, dass 1,9 Milliarden Euro, die auf Treuhandkonten in den Philippinen verbucht sein sollten, sehr wahrscheinlich nicht existieren. Die philippinische Zentralbank teilte mit, die fehlenden Gelder seien nicht in das Finanzsystem des Landes geflossen.

Guevarra sagte ferner, er habe keine Informationen darüber, ob Wirecard auf den Philippinen tätig sei. Er habe jedoch die Ermittlungsbehörde National Bureau of Investigation (NBI) angewiesen, mit dem Anti-Geldwäsche-Rat AMLC zusammenzuarbeiten, um den Fall zu untersuchen. „NBI und AMLC werden zusammenarbeiten, sofern es Hinweise auf Geldwäsche gibt“, sagte er.

Der Kurs der Wirecard-Aktie setzt seine Talfahrt an der Börse fort. Der Preis einer Aktie liegt mittlerweile bei knapp über 14 Euro, nachdem das Wertpapier vor wenigen Wochen noch bei über 100 Euro lag.

Wirecard-Fiasko: Ex-Chef Braun festgenommen - weitere Haftbefehle drohen 

Update vom 23. Juni, 14.55 Uhr: Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun kommt gegen Kaution von fünf Millionen Euro frei. Das Amtsgericht hat den Haftbefehl gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt, wie die Staatsanwaltschaft München am Dienstag mitteilte. 

Der Österreicher Braun war am Montagabend wegen des Verdachts der Marktmanipulation festgenommen worden; er hatte sich der Staatsanwaltschaft München selbst gestellt.

Update vom 23. Juni, 10.20 Uhr: Im Wirecard-Bilanzskandal ist der Ex-Chef des Finanzdienstleisters, Markus Braun, festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft München I hatte nach eigenen Angaben vom Dienstag bereits am Montag bei der zuständigen Ermittlungsrichterin des Amtsgerichtes München einen Haftbefehl gegen Braun beantragt und erhalten; Braun habe sich noch am Montagabend der Staatsanwaltschaft gestellt. Er war erst am Freitag im Skandal um fehlende 1,9 Milliarden Euro in der Unternehmensbilanz zurückgetreten.

Wirecard-Fiasko: Nächste Entlassung bei Dax-Konzern - Managern drohen Haftbefehle 

Update vom 22. Juni, 18.31 Uhr: Der Bilanz-Skandal beim angeschlagenen DAX-Unternehmen Wirecard zieht immer weiterer Kreise. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, drohen den bisherigen Konzernmanagern Markus Braun und Jan Marsalek nun sogar Haftbefehle. „Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I. Offen blieb dabei, ob es Ermittlungen wegen Bilanzmanipulationen geben wird. 

Ex-Wirecard-Chef Braun kommt gegen Kaution frei.

Wie Wirecard am Montag bekannt gab, wurde dem bereits seit vergangener Woche suspendierte Marsalek mit sofortiger Wirkung gekündigt. Der Österreicher war für das operative Tagesgeschäft zuständig. Markus Braun, der Wirecard seit 2002 als CEO leitete, gab bereits am Freitag seinen Posten auf. Das Münchner Unternehmen hatte am vergangenen Donnerstag ein weiteres Mal die Veröffentlichung seiner Bilanzen verschoben, nachdem der Abschlussprüfer EY keine Hinweise auf die Existenz von 1,9 Milliarden Euro gefunden hatte, die Wirecard als Bankguthaben aufgelistet hatte. Mittlerweile geht der Vorstand des Unternehmens davon aus, dass diese Positionen „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“.

Wirecard-Fiasko: Dax-Konzern sieht „gigantischen Betrug“ - CEO tritt mit sofortiger Wirkung zurück

Update vom 19. Juni, 14.55 Uhr: Nachdem Wirecard-Chef Markus Braun mit sofortiger Wirkung zurückgetreten ist, werden nun weitere Details öffentlich. Demnach soll Markus Braun den in Not geratenen Konzern nach seinen Worten aus eigenem Antrieb verlassen. Wirecard habe ein exzellentes Geschäftsmodell, herausragende Technologie und ausreichende Ressourcen für eine große Zukunft, schrieb Braun am Freitag in einer auf Englisch verfassten persönlichen Erklärung an Mitarbeiter und Aktionäre. „Ich will diese Zukunft nicht belasten.“

Am Vormittag habe Markus Braun den Vorsitzenden des Aufsichtsrats über seine Entscheidung informiert. „Mit meiner Entscheidung respektiere ich die Tatsache, dass die Verantwortung für alle geschäftlichen Transaktionen beim Vorstandschef liegt.“

Wirecard-Fiasko: Dax-Konzern sieht „gigantischen Betrug“ - CEO tritt mit sofortiger Wirkung zurück

Update vom 19. Juni, 12.58 Uhr: Wirecard-Chef Braun tritt mit sofortiger Wirkung zurück. 

Zuvor haben sich die Indizien für einen Betrugsfall von großem Ausmaß verdichtet. Die philippinische Bank BDO Unibank, bei der angeblich eines von zwei suspekten Treuhandkonten für Wirecard geführt wurde, erklärte am Freitag, dass das deutsche Unternehmen kein Kunde sei: „Das Dokument, in dem die Existenz eines Wirecard-Kontos bei BDO behauptet wird, ist ein manipuliertes Dokument, das gefälschte Unterschriften von Bankangestellten trägt“, hieß es in der Stellungnahme des in der Stadt Makati ansässigen südostasiatischen Geldhauses. „Der Fall ist an die

Wirecard-Chef Markus Braun (Archivbild)

Zentralbank der Philippinen berichtet worden.“ Zuvor hatte die US-Nachrichtenagentur Bloomberg über die Stellungnahme berichtet.

Getrieben von Pleiteängsten setzte sich der rasante Verfall der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse fort. Die Papiere verloren am Freitagvormittag erneut fast die Hälfte ihres Werts und notierten nur noch bei circa 20 Euro - am Mittwochabend war eine Wirecard-Aktie noch über 100 Euro wert gewesen. Dem Unternehmen droht der Verlust von Milliardenkrediten. Wenn Wirecard an diesem Freitag keinen von Wirtschaftsprüfern testierten Jahres- und Konzernabschluss vorlegt, könnten Kredite von etwa 2 Milliarden Euro gekündigt werden. Das hatte der Konzern am Donnerstag bekannt gegeben.

Wirecard-Fiasko: Dax-Konzern sieht „gigantischen Betrug“ - Kurs stürzt spektakulär ab

Update vom 18. Juni 2020, 17.25 Uhr: Der Aktienkurs des Dax-Konzerns Wirecard ist nach einer Verschiebung der Bilanzvorlage wegen Hinweisen auf Unstimmigkeiten extrem eingebrochen. Nachdem der Zahlungsabwickler mitgeteilt hatte, dass er wegen milliardenschwerer Unklarheiten in der Bilanz seinen Jahresabschluss erneut nicht vorlegen kann, gingen die Aktien des Unternehmens in einen spektakulären Sturzflug über.

Die Wirecard-Papiere hatten nach mehreren Handelsunterbrechungen zunächst in der Spitze rund zwei Drittel ihres Wertes verloren und waren auf 35 Euro abgesackt. Dann erholten sich die Anteilscheine zwischenzeitlich etwas und stiegen, bis sie wieder unter Druck gerieten und immer tiefer ins Minus rutschten.

Am Nachmittag standen die Papiere rund 71 Prozent im Minus bei 30,23 Euro. Dies ist das tiefste Niveau seit März 2016. Damit steuern die Wirecard-Aktien auf einen der größten prozentualen Tagesverluste zu, den je ein Dax-Unternehmen auf Schlusskursbasis erlitten hat. Die Marktkapitalisierung schmolz im Vergleich zum Schlusskurs am Mittwoch um rund 9 Milliarden auf 3,7 Milliarden Euro zusammen.

Wirecard-Fiasko: Konzern löst Börsenbeben aus und spricht von „gigantischem Betrug“

Erstmeldung: München - Der Zahlungsdienstleister Wirecard kann wegen milliardenschwerer Unklarheiten in der Bilanz seinen Jahresabschluss erneut nicht vorlegen. Die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY habe das Unternehmen darüber informiert, dass über die Existenz von Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro keine ausreichenden Prüfungsnachweise vorlägen, teilte der Dax-Konzern am Donnerstag in Aschheim bei München mit. Damit geht es um etwa ein Viertel der gesamten Bilanzsumme.

Wirecard kündigt Strafanzeige - Aktienkurs im Sinkflug

Wirecard will Strafanzeige gegen Unbekannt erstatten, wie ein Konzernsprecher am Donnerstag sagte. Das Unternehmen sehe sich als mögliches Opfer eines „gigantischen Betrugs“.

Es gebe Hinweise, dass dem Abschlussprüfer von einem Treuhänder oder aus dem Bereich von Banken, die die Treuhandkonten führen, „unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden“, hieß es in der Mitteilung. Der Aktienkurs brach daraufhin um mehr als die Hälfte ein.

Der Konzern muss seine bereits mehrfach - zuletzt auf diesen Donnerstag - verschobene Vorlage des Jahresabschlusses für 2019 daher erneut vertagen. Ein neues Datum steht noch nicht fest. „Der Vorstand arbeitet mit Hochdruck daran, den Sachverhalt in Abstimmung mit dem Abschlussprüfer weiter aufzuklären“, hieß es. 

Wirecard verschiebt Jahresabschluss erneut - erst 2019 Betrugsvorwürfe an den Konzern

Sollte der Konzern einen testierten Abschluss bis Freitag (19. Juni) nicht vorlegen, könnten Kredite der Wirecard AG in Höhe von etwa zwei Milliarden Euro gekündigt werden, warnte das Unternehmen.

Wirecard stand seit der Gründung 1999 immer wieder im Zentrum von Aktienspekulationen. Anfang 2019 standen sogar schwere Betrugsvorwürfe im Raum. Die britische Financial Times berichtete wiederholt über vorgetäuschte Umsätze und gefälschte Verträge bei Wirecard in Singapur. Wirecard wies die Anschuldigungen stets als verleumderisch zurück.

dpa/AFP/frs

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