Friede den Maulwürfen

Schädlinge im Garten sind doch nichts Böses

Meist unerwünscht: Blattläuse, die eine Pflanze befallen. Marienkäfer ernähren sich dagegen von den Insekten. Foto: Robert Günther/dpa-tmn
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Meist unerwünscht: Blattläuse, die eine Pflanze befallen. Marienkäfer ernähren sich dagegen von den Insekten. Foto: Robert Günther/dpa-tmn

Wer braucht schon Löwenzahn, Läuse und Schnecken im Garten? In einem ausgewogenen Verhältnis schaden sie aber auch nicht, argumentiert die Buchautorin Sigrid Tinz. Sie rät zu mehr Gelassenheit.

Warendorf (dpa/tmn) - Naturschutz ist etwas Gutes. Aber machen wir uns nichts vor: Viele Gartenbesitzer ärgern sich über Schädlinge, die ihre Pflanzen vernichten oder ihren schönen Rasen durchwühlen.

Doch was für die einen Plagen im Garten sind, ist ein Bestandteil der Natur - und daher auch für die Menschen lebenswichtig, sagt die Autorin und Diplom-Geoökologin Sigrid Tinz aus Warendorf (NRW).

Sie hat sich in ihrem neuen Buch "Friede den Maulwürfen" der "Bösewichten und Plagen im Garten", so der Untertitel, angenommen und rät zu einem entspannteren Umgang mit ihnen und der Gartengestaltung an sich. Mit der muss man es nicht übertreiben - denn auch ein naturnaher Garten kann ordentlich wirken.

Frage: Frau Tinz, warum sind sogar die sogenannten Bösen im Garten gut?

Siegrid Tinz: Gut und böse - das ist die Gärtnersicht. Wenn man aber von ganz oben aufs Ökosystem blickt, dann hat jedes Wesen seine Rolle in dem Ganzen und ist demzufolge weder gut noch böse. Beziehungsweise es ist immer beides gleichzeitig - je nachdem, aus welcher Richtung man schaut. Zum Beispiel: Blattläuse finde ich als Gärtnerin böse, aber für einen Marienkäfer sind sie toll, denn sie sind sein Essen. Es kommt also immer auf den Blickwinkel an.

Frage: Zu welchem Umgang mit den "Bösen" raten Sie Hobbygärtnern und Gartenbesitzern?

Tinz: Ich rate allen, tatsächlich einfach die Zügel locker zu lassen und geduldig zu sein. Oder eben auch mal Blattläuse und Giersch hinzunehmen. Da passiert ja meistens nichts, außer dass sie da sind.

Aber es ist auch nicht so, dass ich sage: Wenn die Zecken und Mücken einen Sinn haben, sollen sie auch ein bisschen an mir saugen. Man sollte schon genau hinschauen, wo der Schaden überhand nehmen kann oder wo man gar selbst Ziel des Interessenskonfliktes ist und Schaden nehmen kann. Da sollte man was unternehmen - etwa, ganz krass gesagt, wenn bei mir im Garten die Ratten tanzen.

Dann aber hole ich mir fachliche Hilfe. Man sollte nicht einfach auf eigene Faust hier ein bisschen spritzen und da ein bisschen doktern, sondern sich gut bei einen Fachmann informieren.

Frage: Nun gibt es viele Gärtner, die sagen: In der Natur ja, aber keine Schädlinge bei mir im Garten oder gar im Haus. Kann man vernünftig trennen zwischen hier in meinem Garten und dort in der Natur?

Tinz: Wenn man einen lebendigen Garten hat, dann kommt das Leben von draußen rein. Wenn man einen sehr aufgeräumten Garten hat - eine Hecke, Kies und einen Rasen und vielleicht noch etwas Bambus, kaum Insekten und Vögel - dann ist das in meinen Begriffen kein Garten mehr, sondern ein Ausstellungsraum.

Man hat möglicherweise die Natur draußen, aber es gibt ein anderes Problem: Die Pflanzen in solchen Gärten werden schneller mal von Schädlingen, etwa von Schnecken, gefressen. Denn das sind die einzigen, die noch da sind. Und ansonsten ist da nichts, was die Schnecken in Schach hält.

Aber: Wer so einen Garten hat und sich nun vornimmt, ab jetzt etwas gelassener im Umgang mit Schädlingen zu sein, denn es soll ja alles auch so klappen, der irrt. Das dauert natürlich ein paar Jahre, bis sich das Zusammenspiel aus Vögeln, Insekten und dem Bodenleben wieder eingespielt hat. Und man muss künftig auch aushalten, dass der Garten schon anders aussieht und dass mal die Rose mehr nach Blattläusen aussieht als nach Rose, auch wenn sie davon nicht stirbt.

Aber die Einstellung zur Natur ändert sich damit auch: Denn wer gelassen und friedlich gärtnert, wie ich es im Buch beschreibe, der kennt die Tiere und Pflanzen von ihren guten Seiten. Der weiß erstens, die schlechten Seiten besser zu nehmen, und gärtnert zweitens mit einem ganz anderen Gefühl. Denn der Garten ist dann kein feindliches Terrain, sondern ein grünes Wohnzimmer voller alter Bekannte und guter Freunde.

Frage: Ein anderes Buch von Ihnen - "Haufenweise Lebensräume" - trägt den Untertitel: "Ein Lob der Unordnung". Ist das Ihr Tipp, um die Natur schneller wieder zurück in den Garten zu holen?

Tinz: Ja. Und man muss wissen, auch einen Naturgarten mit Blumenwiese kann man sehr gepflegt halten, auch mit Wegen und Zäunen. Wildnis hinter einer Mauer sieht gleich ganz anders aus als eben Wildnis.

Und wer es eben nicht unordentlich haben möchte - also in dem Sinne, was jemand, der einen sehr gepflegten Garten hat, als solches empfindet -, der kann zum Beispiel eine Wildsträucher-Hecke pflanzen. Das ist ein Wohnraum für Insekten und Vögel, eben alle Tiere, die einen Naturgarten pflegen. Die Sträucher kann man auch hinter eine Mauer, Gabionen oder den Bambus setzen - sprich: man gestaltet sich trotzdem seinen schicken Teil und versteckt die Natur dezent.

Das mit etwas mehr Unordnung liegt mir sehr am Herzen. Wir alle sind dazu erzogen und neigen dazu, überall erst mal so richtig Ordnung zu schaffen - auch ohne dass man gleich einen richtig stylishen Garten hat. Hier wird der Rasen gemäht, die Stauden geschnitten, das Laub weggemacht. Aber das ist überhaupt nicht nötig, es ist für die Natur sogar schädlich.

Viele Menschen sagen auch, ich will gar keinen so schicken Garten, aber ich habe das eben so gelernt von den Eltern. Diese Menschen sind manchmal sogar erleichtert, zu hören, dass es auch anders geht. Das ist der Gedanke der Unordnung: Wenn ihr gerade nicht wollt, lasst es einfach liegen. Später könnt ihr immer noch aufräumen.

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