An den Verstorbenen erinnern

Zuhause ohne den Liebsten: Orte zum Trauern schaffen

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Wenn ein Angehöriger stirbt, mit dem man sogar zusammengelebt hat, fällt das Weitermachen oft besonders schwer. Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn

Wer gemeinsam mit einem Verstorbenen in einem Haushalt gelebt hat, hat es oft am schwersten. Dort ist er durch all seine Sachen noch immer präsent. Das Wegräumen ist irgendwann wichtig, um gut weiterleben zu können. Renovieren kann sogar neuen Lebensmut geben.

Göttingen (dpa/tmn) - Alleine kommt man nach der Beerdigung nach Hause. Die Wohnung, das Haus ist leer und plötzlich irgendwie zu groß. Überall stehen die Erinnerungen: die Lieblingstasse des Verstorbenen, seine Kleidung, all die Bilder. Das kann Trost spenden oder beklemmen.

Wann ist die richtige Zeit, das Zuhause zu verändern oder es sich gar ganz neu zu gestalten, wenn ein Mitglied des Haushaltes gestorben ist? Norbert Mucksch, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Trauerbegleitung in Göttingen, rät im Interview, auf einen ganz bestimmten Moment zu warten.

Wie viel Zeit sollte man sich geben, etwas im Haus zu verändern, etwa die Sachen des Verstorbenen wegzuräumen?

Norbert Mucksch: Man kann nicht ganz fix und absolut benennen, was der richtige Zeitpunkt ist. Weil das so individuell ist, wie Trauerverläufe individuell sind. Es gibt Menschen, denen tut es gut, das relativ bald zu tun. Und es gibt Menschen, die brauchen relativ viel Zeit. Es ist dann manchmal so wie, wenn ein Knoten platzt. Ich habe das bei der Trauerbegleitung von Eltern, die ihr Kind verloren haben, erlebt. Die berichtet haben, dass sie im vergangenen Jahr genau die Zeit zwischen Weihnachten und dem neuen Jahr, diese ungewöhnliche Zeit, dafür genutzt haben. Die das davor aber auch nicht geplant hatten. Die haben - quasi in einem inneren Ruck - sehr spontan entschieden und etwas geändert - über ein Jahr nach dem Versterben des Kindes.

Ich mache das immer deutlich an einem Bild: Es gibt zwei Extremvarianten, damit umzugehen. Ich kann die ganze bisherige Wohnung zu einem Museum machen und in jede Ecke ein Bild des Verstorbenen stellen. Dann bleibt mir selbst in dieser Wohnung kaum mehr Platz zum Leben, weil überall derjenige ist, der verstorben ist. Und ich kann ganz frühzeitig jemanden des Hauses verweisen, ohne Erinnerungsorte zu haben. Jemanden der Tür verweisen oder - ich sage es mal in Anführungszeichen - rausschmeißen. Und dazwischen gibt es ja eine ganz große Bandbreite, wo jeder für sich einfach gucken muss, was ist der richtige Ort und was ist der richtige Zeitpunkt.

Sie sprechen von einem inneren Ruck oder einem Knoten, der platzt. Woran merkt ein Angehöriger, dass er bereit ist für so eine Veränderung im Haus?

Mucksch: Ich glaube, das sind die Momente, in denen ein Unwohlsein entsteht mit der Situation und zunehmend Fragen auftauchen: Wie geht das weiter? Auch Momente, wo Trauende wieder in der Lage sind, in die Zukunft zu gucken und zu sagen, ich stehe mehr und mehr wieder auf eigenen Füßen. Ich kann auch wieder perspektivisch nach vorne schauen und nicht wieder zurück. Das zu fixieren oder eng zu führen auf einen bestimmten Zeitraum - da bin ich mir ziemlich sicher, dass das nicht geht. Denn da gilt, was ich eingangs gesagt habe: Das ist so individuell wie Trauerverläufe.

Welche Erwartungen darf man für das Verarbeiten der Trauer an solche Veränderungen im Haus haben?

Mucksch: Dass sich noch mal Räume eröffnen, die sonst belegt sind durch den Verstorbenen. Das ist, wenn ich irgendwann dazu komme zu sagen, die Zeit der Erinnerung ist vergangen - das mag ja vielleicht für den einen oder anderen das Trauerjahr sein. Wir haben alle Festtage, Geburtstage noch mal gefeiert ohne den verstorbenen Menschen. Und jetzt kann ich den Raum auch anders nutzen. Dann kann ich in so einem Zimmer, das vorher möglicherweise das Arbeitszimmer des Verstorbenen war, ja noch einen Ort in einer Ecke schaffen, wo man sagt, hier hat dieser Mensch gelebt, und hier halten wir die Erinnerung präsent.

Ganz unabhängig von einem Todesfall erzeugen Renovierungen wie eine neue Wandfarbe, auch Möbelrücken oft ein ganz neues Wohngefühl. Kann man das zur Trauerarbeit bewusst nutzen?

Mucksch: Das glaube ich schon. Es bringt ja zusätzlich auch mit sich, dass man ins Agieren kommt und möglicherweise aus einer Lethargie, aus einer Erstarrung, die Trauer ja mit sich bringen kann, herauskommt. Mir fällt jemand aus einer Trauergruppe ein. Den traf ich zufällig im Baumarkt, also richtig in schmutzigen Sachen. Der sagte ganz stolz: Ich renoviere gerade unsere Wohnung, das tut so gut. Es muss weitergehen. Man merkte, der war fast schon in einem Flow.

Gibt es ganz einfache Dinge, die man auch in der ersten Zeit schon anpacken kann und sollte?

Mucksch: Das Erste ist, bewusst darauf zu achten, sich konkrete Erinnerungsorte in der Wohnung zu schaffen. Es gibt aber auch Menschen, die sagen: Ich brauche eigentlich nur das Foto in der Tasche oder im Portemonnaie. Aber was ganz wichtig für mich ist: Ich muss einen direkten Zugang zu einem Gedenkort haben, und das ist für mich der Friedhof.

Norbert Mucksch ist Diplom-Theologe, Diplom-Sozialarbeiter und Pastoralpsychologe. Er leitet den Fachbereich Sterbe- und Trauerbegleitung an der Kolping-Bildungsstätte in Coesfeld und ist Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes Trauerbegleitung.

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